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Jugendarbeit und Corona

Teenager mit Problemen bekommen in Karlsruhe Hilfe - auch während des Lockdowns

Langeweile und Versagensängste: Viele Kinder und Jugendliche haben im Lockdown mit Problemen zu kämpfen. Ein offenes Ohr und ein wenig Abwechslung bieten die Karlsruher Kinder- und Jugendhäuser. Hier findet eine Eins-zu-Eins-Betreuung vor Ort statt.

Hilfe beim Lernen: Dirk Kiefer vom Kinder- und Jugendhaus Südstadt-Ost unterstützt Jugendliche beim Homeschooling oder bei den Hausaufgaben. Aktuell ist in den Einrichtungen eine Eins-zu-Eins-Betreuung möglich. Foto: Jörg Donecker

Fünf bis sechs Kinder kommen pro Tag in das Kinder- und Jugendhaus Südstadt-Ost. Sie kommen, weil sie Hilfe bei den Hausaufgaben brauchen, um einfach nur zu reden oder um Karten zu spielen.

An die ohne Corona übliche offene Jugendarbeit erinnert momentan wenig. „Jugendarbeit mit Corona ist wie Aquajogging: Es ist sehr anstrengend, aber man kommt nicht voran“, fasst Dirk Kiefer, Leiter des Kinder- und Jugendhaus Südstadt-Ost, die Situation zusammen.

100 Kinder kommen in die Betreuung

Normalerweise kommen etwa 35 bis 50 Kinder und Jugendliche pro Tag in die Einrichtung. Dort können sie Freunde treffen, Hausaufgaben machen und sich austauschen.

„Im Grunde können die Jugendlichen tun und lassen, was sie wollen“, erzählt Rudi Kloss, Fachbereichsleiter der Kinder- und Jugendarbeit beim Stadtjugendausschuss. Der Ausschuss betreibt 20 Kinder- und Jugendhäuser in Karlsruhe. Je nach Einrichtung kommen normalerweise täglich zwischen 25 und 170 Jugendliche.

Mit Corona änderte sich die Situation. Während die Jugendhäuser im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ganz schließen mussten, ist aktuell eine Eins-zu-Eins-Betreuung erlaubt. „Etwa 100 Kinder nehmen über alle Einrichtungen verteilt das Angebot in Anspruch“, sagt Kloss.

Jugendarbeit mit Corona ist wie Aquajogging: Es ist sehr anstrengend, aber man kommt nicht voran.
Dirk Kiefer, Leiter des Kinder- und Jugendhaus Südstadt-Ost

„Wir helfen denen, die Defizite haben. Zum Beispiel beim Homeschooling, mit der Technik oder bei den Hausaufgaben“, erzählt Kiefer. Drei Betreuer kümmern sich aktuell in der Südstadt um die Kinder und Jugendlichen. Sie kommen, weil sie beispielsweise keinen Computer oder kein W-Lan zu Hause haben. „Manche Eltern sind momentan völlig aufgeschmissen. Zum Beispiel, weil sie selbst keinen Schulabschluss haben.“

Kindern fehlt der soziale Kontakt

Vor allem Ängste vor der beruflichen Zukunft beschäftigen die Jugendlichen. „Schaffe ich meine Ausbildung erfolgreich? Muss ich vielleicht verlängern?“ Mit diesen Sorgen ist Virginia Reising, Leiterin des Kinder- und Jugendhauses Waldstadt, täglich konfrontiert. „Den Themen müssen wir uns annehmen, auch nach Corona“, sagt sie.

Bei den jüngeren Kindern im Grundschulalter würden sich vor allem Versagensängste in der Schule breitmachen und, ein größeres Problem: der fehlende soziale Kontakt. „Die Kinder fühlen sich alleingelassen“, so Reising. Täglich kommen sechs bis sieben Kinder in die Einrichtung in der Waldstadt, betreut werden sie von vier Mitarbeitern. Viele Kinder rufen auch an. „Mir ist so langweilig“, beklagte ein achtjähriges Mädchen am Telefon.

Ein 18-jähriges Mädchen hat inzwischen sogar Schlafstörungen bekommen. Da ist es wichtig, darüber zu reden.
Virginia Reising, Leiterin des Kinder- und Jugendhaus Waldstadt

„Alles, was die Jugendlichen sonst machen, ist verboten“, sagt Kiefer. Sie können sich nicht mit Freunden treffen, nicht ins Kino gehen – „und es gibt null Alternativen“. Manchmal spielen die Betreuer der Jugendhäuser auch nur eine Runde Karten mit den Kindern, „damit sie auf andere Gedanken kommen und mal etwas anderes sehen“, erzählt Reising.

Tiefer gehen die Probleme der Jugendlichen, die schon vor Corona da waren: Geldsorgen oder Erkrankungen wie Depressionen. „Ein 18-jähriges Mädchen hat inzwischen sogar Schlafstörungen bekommen. Da ist es wichtig, darüber zu reden“, sagt Reising. Wenn zuhören nicht mehr hilft, vermitteln die Sozialarbeiter die Jugendlichen an entsprechende Fachstellen.

Corona verstärkt die Probleme der Jugendlichen

Auch familiäre Probleme werden im Lockdown verstärkt. Ein Mädchen kommt oft in das Jugendzentrum in der Südstadt. Ihre Mutter ist Analphabetin, ihre Schwester hat eine Behinderung. „Da ist keine Kohle und keine Freizeit da“, sagt Kiefer. Ein anderes Mädchen kam im Regen mit kaputten Schuhen – die Sohle war fast komplett abgelöst. „Das habe ich dann mit Klebeband repariert. Am nächsten Tag kam sie genauso wieder“, schildert er. „Corona macht die Probleme nochmal deutlicher.“

Anmelden müssen sich die Kinder nicht in den Jugendhäusern. „Wir haben genug Platz, sodass wir uns auf verschiedene Räume verteilen können“, sagt Reising. „Oder wir gehen einfach eine Runde spazieren.“

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