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Hierarchische Systeme

Überholte Theaterstrukturen: Warum die „Causa Spuhler“ nicht nur ein Karlsruher Problem ist

Staatstheater-Generalintendant Peter Spuhler hat in Karlsruhe Veränderungen angekündigt. Hierarchische Strukturen sind jedoch in den Theatern bundesweit ein Problem.

Nicht nur in Karlsruhe hat der Führungsstil von Theaterleitern Konflikte ausgelöst. Bundesweit wird über eine Reform der überholten hierarchischen Strukturen diskutiert. Foto: Artis

Mit einer Bitte um Verzeihung und der Ankündigung von Veränderungen hat Spuhler auf die schweren Vorwürfe gegen ihn reagiert. Der Chef des Badischen Staatstheaters Karlsruhe zeigte sich auf einer Personal-Vollversammlung betroffen „von den Vorgängen um das Staatstheater und seinen Führungsstil“, heißt es in einer knappen Pressemitteilung des Theaters. Er habe zugesagt, „dass es Veränderungen geben werde“.

Belegschaft des Badischen Staatstheaters Karlsruhe ist skeptisch

Von Teilnehmern der Versammlung war zu hören, dass die Rede „berührend” gewesen sei. Dennoch gebe es in der Belegschaft starke Skepsis, ob weitreichende Reformen unter der Leitung von Spuhler möglich seien. Er habe Beispiele für bereits erkennbare Änderungen angeführt, diese seien aber eher kosmetisch gewesen und auf Widerspruch gestoßen.

Übereinstimmend berichtet wurde von viel Applaus für die Ausführungen des Personalrats und für ein Statement des scheidenden Operndramaturgen Boris Kehrmann. Der BNN-Bericht über seine Gründe, das Staatstheater schon zum Saisonende zu verlassen, hatte dazu geführt, dass zahlreiche Theatermitarbeiter die von Kehrmann geäußerte Kritik an Spuhlers Amtsführung bestätigten und bekräftigten.

Kehrmann verlässt das Staatstheater ohne Anschlussengagement. In seinem Redebeitrag aus dem Auditorium habe er die Beschäftigten dazu ermuntert, gemeinsam neue Regeln für die Zukunft zu erarbeiten, erklärte er auf BNN-Anfrage. „Das Theater hat jetzt ein Momentum, das es zu nutzen gilt.“

Theater-Strukturen sind bundesweit ein Problem

Dies gilt nicht nur für das Karlsruher Haus. Schon seit längerem wird bundesweit diskutiert, wie problematisch die längst überholten hierarchischen Strukturen sind. Einen Paukenschlag setzte im Herbst 2019 die Studie „Macht und Struktur im Theater“. Der Frankfurter Theatermanagement-Professor Thomas Schmidt hatte rund 2.000 Beschäftigte über die Arbeitswelt am Theater befragt.

Was auf der Bühne verhandelt wird, findet hinter der Bühne nicht statt.
Thomas Schmidt, Professor für Theatermanagement

Eine Erkenntnis dabei sei gewesen, so Schmidt im Deutschlandfunk, „dass der ganze Diskurs über Demokratie, neue Gesellschaftsformen, über Utopie, der auf der Bühne verhandelt wird, hinter der Bühne nicht stattfindet“. Das Intendantenmodell stamme aus der Zeit um 1900. Zur heutigen Arbeit am Theater passe es nicht mehr, dass eine Person an der Spitze „fast ohne Regularien und mit sehr weitreichenden Kompetenzen“ durchregieren könne.

Einer der internen Widersprüchen des Systems zeigt sich, wenn versucht wird, die Überwindung hierarchischer Prinzipien mit hierarchisch getroffenen Anordnungen durchzusetzen. Am Staatstheater Darmstadt eskalierte Ende 2019 ein Konflikt, der in Teilen an die aktuelle Karlsruher Krise erinnert.

Eskalation in Darmstadt

Dort beschuldigte der suspendierte geschäftsführende Direktor Jürgen Pelz den Intendanten Karsten Wiegand, Abläufe im Haus massiv gestört zu haben. Über Wiegand heißt es in einer Reportage des Online-Mediums „nachtkritik.de“, er zeige sich als „engagierter, eloquenter Erneuerer“. Mitarbeiter hätten hingegen erklärt, er verschleppe Entscheidungen und bündele Macht auf seine Person. Es bestehe „ein eklatanter Widerspruch“ zwischen dem, was er sage und was er tue.

Heftig in der Kritik: Peter Spuhler, Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Foto: Uli Deck/Archiv

Auch der Fall Karlsruhe wird in den Kommentarspalten dieses Mediums mittlerweile intensiv diskutiert und als Beleg für eine notwendige Reform des Theatersystems angeführt. Mit bitterer Ironie heißt es dort in einem der Leserkommentare: „Das Badische Staatstheater ist spätestens jetzt eine bundesweit beachtete Bühne.“

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