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Kleine Udopie der Hoffnung

Udo Lindenberg schenkt zum 75. Geburtstag Werkschau „Udopium“

Dieses Jahr ist Udo-Jahr. Die neue Single „Mittendrin“ ist Auftakt in ein Panik-Jahr mit großen Jubiläen: Udo Lindenberg wird 75 Jahre alt. Vor 50 Jahren veröffentlicht er sein erstes Album. Ein Toast auf die Kultfigur aus Hamburg.

Udo Lindenberg rockt in seinem neuen Musikvideo zur Single „Mittendrin“ auf dem Dach der Elbphilharmonie in Hamburg. Am 17. Mai feiert der unkaputtbare Panikrocker seinen 75. Geburtstag. Foto: Tine Acke

Da steht er lässig angelehnt in voller Größe und mit Hut. In der Karlsruher Waldstraße. Coole Rockerpose natürlich: Zigarre in der einen, Mikrofon in der anderen Hand. Der Panik-Präsident aus der Waldstraße jedoch ist untypisch stumm und steif.

Er trägt Rost-Optik, ist eine an die Mauer gedübelte Skulptur – neben dem Eingang einer autorisierten Lindenberg-Galerie. Ein Schild baumelt an seinem Korpus: „Ich bin käuflich“.

Doch in echt ist der Hamburger Kultmusiker gar nicht so korrodiert und museal. Obwohl er am 17. Mai bereits 75 Jahre alt wird und sein erstes Album schon vor 50 Jahren in den Äther schickte – damals noch in englischer Sprache.

Signal für den Aufbruch aus dunklen Stunden

Zum Doppeljubiläum steht Udo wie eine Eins. Doch sein Domizil im Hamburger Hotel Atlantic bleibt von der anstehenden Sause verschont. Der sonnenbebrillte Nuschler musste 2020 in ein nicht näher benanntes, temporäres Exil auschecken. Aus diesem Nest heraus beschenkt er sich und die Welt am 14. Mai mit neuem und altem Futter. Mit der Werkschau „Udopium“.

Je nach Geldbeutel mit bis zu 75 Songs aus fast allen Karrierephasen plus vier brandneue Lieder. Lediglich die Jahre zwischen 1995 und dem Comeback mit „Stark wie zwei“ (2008) blieben ausgespart. Dunkle Jahre mit einer schlechten Quote für Wetten auf Lindenbergs 75. Geburtstag.

Wir starten wieder durch, das war genug Entbehrung.
Udo Lindenberg, Kultrocker

Doch der unerschütterliche Optimist aus der Elbe-Metropole ist schon mehrfach wie Phönix aus der Flasche auferstanden. Sonst hätte er es nicht auf fast 1.000 Songs gebracht, die unter anderem auf 35 Studioalben verewigt sind. Seine neue Single heißt „Mittendrin“. Eine kleine Udopie der Hoffnung. Denn auch die dunkelste Stunde hat nur 60 Minuten, so Udo. Das Stück soll jenen Mut machen, denen coronabedingt langsam die Power ausgeht.

„Wir starten wieder durch, das war genug Entbehrung“, gibt Udo das Signal für den Aufbruch. „Wir malen uns wie Likörelle (die mit Eierlikör und anderen Alkoholika gemalten Bilder von Udo, Anm.d. Red.) die dunkle Welt wieder bunt“, singt das Stehauf-Männchen.

„Mittendrin“ hat der deutsche Superstar mit dem charakteristischen Sprechgesang gemeinsam mit Johannes Oerding geschrieben. „Johannes Oerding – genial, flexibel und fix, genauso wie ich. Schnell und gut, ein Mann mit Hut!“, hat Udo nichts als lobende Worte für den Kollegen übrig, mit dem er schon mehrfach kollaborierte. Oerding selbst sagt: „Für jeden deutschsprachigen Songwriter ist es ein Ritterschlag, mit Udo zu arbeiten.

Schließlich war er der Auslöser, das Fundament und der Wegbereiter für eine neue deutsche Songsprache. Udo Lindenberg ist für mich und viele Künstler der letzten Jahrzehnte und bis heute eine große Inspiration – aber nicht nur wegen seiner Arbeit im Studio, auf Platten oder auf der Bühne, sondern ganz besonders aufgrund seiner Haltung, seiner Botschaft und seines Mutes als ein Teil unserer Gesellschaft!“

Gitarren statt Knarren - der steinerne Weg zur Tournee durch den Osten

Zunächst spielt der 1946 im nordrhein-westfälischen Gronau geborene Udo Lindenberg mit Jazzmusikern wie Klaus Doldinger und Gunter Hampel. Zumindest in einer Version der „Tatort“-Erkennungsmelodie ist der junge Schlagzeuger zu hören. Der Durchbruch gelingt ihm 1973 mit seinem dritten Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ – die erste Zusammenarbeit mit seinem Panik-Orchester.

1983 schreibt er den an Erich Honecker gerichteten „Sonderzug nach Pankow“, schickt dem Staatsratsvorsitzenden später eine Lederjacke und schenkt ihm eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“. Trotz des intensiven Kontaktes muss Udo auf die ersehnte Tournee durch den Osten Deutschlands bis zum Mauerfall warten.

Schon 1992 wird er mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Kurzzeitig wird es musikalisch deutlich ruhiger um Lindenberg, der sich Mitte der 90er vor allem der Kunst widmet und sich als Maler und Zeichner profiliert. Doch 2008 gelingt ein unerwartetes und sensationelles Comeback.

Seine „Ich- mach-mein- Ding“-Tour im Jahr 2012 ist extrem erfolgreich. Lindenberg bringt es nicht nur zur eigenen Wachsfigur im Panoptikum auf der Reeperbahn, sondern auch zum eigenem Musical „Hinterm Horizont“. Und immer wieder setzt die Krimiserie „Tatort“ Akzente in seiner Biografie. Derzeit dreht er mit Maria Furtwängler die Göttingen-Folge „Alles kommt zurück“, Regie Detlev Buck.

Man nennt mich auch den Elasto-Man.
Udo Lindenberg, Panik-Präsident aus Hamburg

Udo bleibt rastlos. „Richtige Rocker gehen nicht in Rente“, sagt die lebende Legende. Am liebsten hätte er eine „Lebensverlängerungspille“. Aus Mangel an Wunderelixieren hält sich der Panikrocker selbst fit. „Man nennt mich auch den Elasto-Man. Ich bin grazil wie eine Gazelle. Die Kondition ist exzellent. Ich bin ein biologisches Wunder“, meint Udo.

Gesund muss er ja auch bleiben, will er sich doch weiterhin für all jene Themen stark machen, die ihm am Herzen liegen: Klimaschutz, Gerechtigkeit, die Geschlechter-Gleichheit und eine bunte Republik. In der Hesse-Stadt Calw gründete der Rockmusiker die sozial-kulturell ausgerichtete Udo-Lindenberg-Stiftung. Im Kuratorium sitzt ein Vertreter der Sparkasse Pforzheim Calw, auch das Spendenkonto führt dieses Geldinstitut.

Richtige Rocker gehen nicht in Rente.
Udo Lindenberg, deutscher Musikerstar

Udos Dorado aber bleibt die Bühne, dafür und für sein Publikum lebt er. „Rock ’n’ Roll ist das Feuer unterm Arsch und im Herzen. Wenn wir ihn spielen, brennt die ewige Flamme“, sagt Udo. „Absacken is’ da nicht.“ Darauf gönnen wir uns mindestens einen Absacker. Prost Udo! Auf weitere 25 Jahre! Ach wie sie mundet, diese „Leckerelle“. Diese Eierlikörchen aus der Kappelrodecker Traditionsbrennerei.

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