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Gastspiel im Tollhaus

Ukrainische Artisten gastieren in Karlsruhe: Zirkusmagie mit todernstem Hintergrund

Der Krieg in der Ukraine verändert alles. Auch die Bilder und die Bedeutung des poetischen Zirkusstücks „My Land“, das ukrainische Artisten seit 2018 spielen und nun damit nach Karlsruhe kommen.

Szene aus dem Stück „My Land“, Compagnie Recirquel, Vorbericht zu Gastspiel in Karlsruhe am 3. und 4. Juni 2022
Visuell atemberaubend: Eindrucksvolle Bilder prägen das Stück „My Land“, das ukrainische Artistinnen und Artisten 2018 herausgebracht haben. Zum nun anstehenden Gastspiel in Karlsruhe hat sich die Bedeutung durch den Krieg fundamental geändert. Foto: Tamas Rethey-Prikkel

Vieles hat sich in der Nacht zum 24. Februar schlagartig verändert. Auch die hoch prämierte und weltweit aufgeführte Artistik-Show „My Land“.

Bis zum russischen Angriff auf die Ukraine war das Stück, das der ungarische Regisseur Bence Vági 2018 mit sieben ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern entwickelt hatte, vor allem eine poetische Reflektion junger Menschen über ihre Beziehung zu ihrem Land.

Die Uraufführung beim bedeutenden Fringe Festival in Edinburgh geriet zu der von Kritikern am besten bewerteten Show des gesamten Festivalprogramms 2018. Die Produktion sei ein „wunderschönes Stück zeitgenössischen Zirkustheaters, visuell atemberaubend und voll von großartigen akrobatischen Kunststücken“, hieß es.

International wurde „My Land“ bislang weit mehr als 200 Mal aufgeführt. Doch seit Beginn des Krieges schwingen komplett andere Assoziationen mit, wenn das Ensemble der Compagnie Recirquel in der Erde wühlt, mit der die Spielfläche bedeckt ist, und mit seinen Händen dort Muster einschreibt.

Wegen Ukraine-Krieg: Ein Ensemblemitglied fehlt in Karlsruhe

Der Krieg schreibt sich auch in das Ensemble selbst ein: Wenn „My Land“ an diesem Wochenende für zwei exklusive Deutschland-Termine im Tollhaus Karlsruhe zu sehen ist, dann wird ein Mitglied der Stammbesetzung nicht dabei sein.

Die Gruppe war beim Kriegsausbruch auf Frankreich-Tournee, doch einer der Künstler war zuvor wegen der Behandlung einer Verletzung in die Ukraine zurückgereist. Als dann der Krieg ausbrach, durfte er wegen der Mobilmachung zunächst nicht ausreisen. „Sein Haus wurde bombardiert, er ist um zehn Kilo abgemagert“, beschreibt Regisseur Vági beim Telefonat mit unserer Redaktion die Situation.

Der Ungar war 2017 auf die Idee gekommen, ein Stück in der und über die Ukraine zu machen: „Für die Abschlusszeremonie der Schwimm-Weltmeisterschaft in Budapest hatte ich mit über 250 Artisten aus vielen Ländern gearbeitet, auch etlichen aus der Ukraine“, berichtet Vági. „Diese Begegnungen haben mich dazu inspiriert, ein Stück mit ukrainischen Artisten über ihre Haltung zu ihrem Land zu machen – über die Frage, ob und wie sie sich mit ihren künstlerischen Mitteln dort ausdrücken können.“

Wir haben nach kulturellen Wurzeln gesucht.
Bence Vági, Regisseur der Compagnie Recirquel

Bei der Besetzung, der ein umfangreiches Casting in Kiew voranging, sei es daher nicht allein um technische Fertigkeiten gegangen: „Für mich war wichtig, zu erfahren, wer diese Menschen sind“, so Vági. Für die Stückentwicklung sei man damals auch in die Dörfer und Städte gereist, in denen die Artisten geboren wurden. „Wir haben nach kulturellen Wurzeln gesucht“, erklärt der Regisseur. „Zum Beispiel: Welche Lieder haben sie als Kinder gehört?“

Gerade dieser sehr persönliche Ansatz habe das Stück universell gemacht: „Bei vielen Gastspielen haben wir von Zuschauern gehört, dass sie durch das Stück zum Nachdenken über ihr eigenes Verhältnis zur Heimat gebracht wurden“, beschreibt Vági das ursprüngliche Konzept.

Nun komme eine weitere Perspektive hinzu: In einer Zeit, in der Russland der Ukraine die kulturelle Eigenständigkeit abspreche, dokumentiere das Stück mit folkloristischer Musik aus unterschiedlichen Regionen gerade diese Eigenständigkeit.

Regisseur prägte schon Bilder bei Karlsruher Schlosslichtspielen

Das Tollhaus habe dem Ensemble gerne kurzfristig zwei Termine eingeräumt. „Die Unterstützung ukrainischer Künstler liegt uns am Herzen und die Kunstform des Neuen Zirkus gehört ohnehin zu unserem Profil“, sagt Johannes Frisch als Sprecher der Kulturzentrums, das mit seinem 2015 gegründeten Atoll-Festival neue Maßstäbe für dieses Genre auf deutschen Bühnen gesetzt hat.

Recirquel gehörte zwar noch nicht zu den Gästen im Tollhaus, doch in Karlsruhe hat die artistische Regie von Bence Vági bereits 2018 bei den Schlosslichtspielen für Aufsehen gesorgt: als zentraler Bestandteil der damaligen Neuproduktion „Immortal“ der ungarischen Publikumslieblinge Maxin10sity.

Service

„My Land“ am 3. und 4. Juni, jeweils 20 Uhr, im Tollhaus Karlsruhe, Alter Schlachthof 35. https://www.tollhaus.de



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