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Aktion am vergangenen Samstag

Unheimliche Corona-Demo mit weißen Masken in Karlsruhe: Was steckt dahinter?

„Dein Atem tötet“ und „sicher bist du nur in der Isolation“: Mit solchen Parolen sind am Samstagabend rund zwanzig weiß gekleidete und maskierte Personen durch die Karlsruher City marschiert. Was war da los?

Mit weißen Masken und Anzügen verkleidete Menschen haben am Samstagabend in der Karlsruher Innenstadt gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Eine Karlsruherin filmte die Aktion und veröffentlichte das Video auf ihrem Tik-Tok-Kanal. Foto: gretalouspeace / Tik Tok

Was sich am Samstagabend in der Karlsruher Innenstadt abspielte, erinnerte viele Beobachter an Szenen aus dem Film „The Purge“, in dem mit unheimlichen Masken vermummte Menschen Jagd auf ihre Mitbürger machen.

Rund zwanzig mit weißen Maler-Anzügen und Masken bekleidete Personen liefen zwischen 18 und 19 Uhr durch Bürger- und Erbprinzenstraße bis zum Marktplatz. Auf ihren Rücken klebten Plakate mit verschiedenen Aufschriften wie „Regeln befolgen“, „Impfung ist Nächstenliebe“ oder gar „Regelbrecher an die Wand“. Untermalt wurde das Ganze von einer monotonen Stimme vom Band, die Forderungen wie „sei immer gehorsam“ oder „sicher bist du nur in der Isolation“ intonierte.

Am Sonntag verbreiteten sich auch zwei Videos in den sozialen Netzwerken, die Tik-Tok-Nutzerin „gretalouspeace“ hochgeladen hatte. Bis Montagmittag wurden die Videos 1,4 und 1,7 Millionen Mal aufgerufen.

Auf die Frage vieler Zuschauer in den Kommentaren, was das für eine Aktion sei, antwortete „gretalouspeace“: „Demonstration gegen Corona, Pflichtimpfung, Kontrollstaat etc.“. Eine Gänsehaut habe sie vor Ort gehabt, berichtet sie außerdem auf BNN-Nachfrage. Sehr viele Menschen seien interessiert und begeistert davon gewesen, „nicht das zu sehen, was die Medien uns zeigen wollen“.

In den Kommentarspalten häufen sich auch Aussagen von Menschen, die ähnliche Aktionen bereits in anderen Städten gesehen haben wollen. Handelt es sich hier also um eine deutschlandweite Aktion?

Klar ist: Die Veranstaltung war ordnungsgemäß bei der Stadt Karlsruhe angemeldet. Aus Datenschutzgründen darf die Stadt die konkrete Person oder Organisation, die die Aktion angemeldet hat, jedoch nicht nennen. Ein Sprecher der Stadt verrät aber, dass es sich bei der Demo um eine Kunstaktion handelte, die als „Versammlung für verschärfte Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz“ und „Kunstperformance für Menschenwürde und Grundrechte“ gemeldet war.

„Schwarze Wahrheiten“ sollen die „Schlafschafe“ wachrütteln

Eine Anti-Corona-Demonstration, die verschärfte Maßnahmen fordert? Auf den bisherigen Demonstrationen, die häufig von der Querdenker-Bewegung initiiert werden, sind solche Forderungen in aller Regel nicht zu hören. Das könnte sich aber vielleicht noch ändern. Denn in der „Querdenken-Szene“ macht das Format, nach dem auch die Aktion mit den weiß Maskierten am Samstag ablief, offenbar gerade Schule.

Das Konzept nennt sich „Schwarze Wahrheiten“ und geht offenbar auf den österreichischen Philosophen Robert Pfaller zurück. Der freie Journalist Stefan Korinth, der das Portal „multipolar“ betreibt und mehrfach Artikel auf in der Querdenken-Szene beliebten Kanälen wie „KenFM“ veröffentlicht hat, empfiehlt in einem Text, das Konzept der schwarzen Wahrheiten bei Corona-Demonstrationen anzuwenden, um „die Öffentlichkeit wirksam wachzurütteln“.

Im gleichen Artikel definiert Korinth schwarze Wahrheiten als „Aussagen, die unter den gegebenen Voraussetzungen zwar richtig und vernünftig sind, die aber zu extrem, ja geradezu skandalös sind, als dass man sie tatsächlich so meinen könnte“. Schwarze Wahrheiten seien Übertreibungen, die „ihr Objekt so vollständig bejahen, dass es dadurch zerstört wird“.

Haltet die Abstände überdeutlich ein und marschiert diszipliniert und monoton wie eine Armee trauriger Corona-Zombies durch die Stadt.
Stefan Korinth, Betreiber des Portals „multipolar“

Die Teilnehmer dieser Performances versuchen also, die Corona-Maßnahmen und Appelle der Bundes- und Landesregierung absichtlich zu übertreiben, um sie so als vermeintlich falsch zu entlarven.

In dem die geltenden Regeln nicht nur befolgt, sondern sogar übertrieben werden, sollen die Demonstranten einerseits die Auflösung der Veranstaltung vermeiden. Andererseits soll den Zuschauern so vorgespielt werden, wie eine mögliche Zukunft nach Meinung der Demonstranten aussehen soll.

Korinth empfiehlt in seinem Artikel: „Haltet die Abstände überdeutlich ein und marschiert diszipliniert und monoton wie eine Armee trauriger Corona-Zombies durch die Stadt. Die unausgesprochene Botschaft nach außen ist eindeutig: Seht her, so sieht die Zukunft mit euren Corona-Regeln aus.“

Konzept der Corona-Demo wurde bereits mehrfach kopiert

Die Aktion in Karlsruhe war nicht die erste, die nach diesem Konzept ablief. Auf Youtube gibt es bereits Videos ähnlicher Kunstaktionen. Eine der frühesten fand offenbar am 31. Oktober in Bern statt.

In den Kommentaren dieser Videos erhalten die Initiatoren von Verschwörungsgläubigen, Querdenker-Sympathisanten und Corona-Leugnern viel Beifall. Immer wieder wird dort auch dazu aufgerufen, die Aktion zu kopieren. Und es finden sich Links zu weiteren Videos mit ähnlichen Aktionen in anderen Städten. Die Performance in Hamburg initiierte etwa eine Gruppe mit dem Namen „Erhöre uns“.

Ob die Aktionen von einer übergeordneten Gruppe koordiniert werden oder ob sie verschiedene Gruppen in unterschiedlichen Städten selbständig kopieren, ist nicht bekannt.

Die Polizei Karlsruhe, die bei der Aktion vor Ort war, erklärte auf Anfrage, dass die Veranstaltung am Samstag nicht aufgelöst werden musste. Zu Ausschreitungen sei es nicht gekommen. Es habe aber „massive Diskussionen“ gegeben. Die Reaktionen der Menschen vor Ort habe von Applaus bis zu beleidigenden Zwischenrufen gereicht.

Gegen das Vermummungsverbot verstießen die maskierten Demonstranten im Übrigen nicht. Wie die Polizei auf Anfrage mitteilte, hatte die Karlsruher Versammlungsbehörde zuvor eine Ausnahmegenehmigung erteilt, weil es sich um eine Kunstaktion gehandelt habe.

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