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Umsatzeinbruch um 80 Prozent

Viele kleine Unternehmen in Karlsruhe sind in der Corona-Krise von Existenzängsten geplagt

Trotz Soforthilfe bangen vor allem viele kleine Unternehmen in Karlsruhe um ihre Existenz. Rücklagen gibt es kaum. Mit kreativen Ideen versuchen manche einen Teil des Geschäfts am Laufen zu halten. Andere verlieren trotz zusätzlicher Arbeit täglich Geld. Und auch der Weg ins Internet hilft nicht immer.

Mit einer Kette hat Silke Wilhelm den Eingang zu ihrem Laden versperrt. Dafür stehen draußen Blumen und Gestecke, bezahlt wird per Einwurf in den Briefkasten. Foto: jodo

Vor ihrem kleinen Blumenladen in der Marie-Alexandra-Straße hat Silke Wilhelm Oster-Gestecke, Kräuter und Frühlingspflanzen aufgereiht. Wer etwas kaufen will, steckt das Geld einfach in den Briefkasten. Das Geschäft selbst ist wie viele andere aufgrund der Corona-Krise geschlossen.

Mit kreativen Ideen wie dieser versuchen viele Inhaber derzeit zu retten, was zu retten ist. Vor allem für kleine Läden ohne große Reserven geht es teilweise ums Überleben – trotz staatlicher Hilfen. „Je kleiner der Betrieb, desto schwieriger ist oft auch das Bilden von Rücklagen“, sagt Michael Baukloh, der das Service-Center der IHK Karlsruhe leitet.

Zwölf Mitarbeiter der Kammer kümmern sich derzeit um telefonische Fragen zur Soforthilfe des Landes, knapp 1.000 Anrufe erreichen sie täglich. Rund 12.000 Anträge müssen die Mitarbeiter einer Vorprüfung unterziehen. Einer davon stammt von Silke Wilhelm.

Trotz Gehwegverkauf und Lieferservice sind ihr rund 80 Prozent des Umsatzes weggebrochen. Bestellungen für Hochzeiten wurden storniert oder verschoben. Dazu ist vom wichtigen Ostergeschäft kaum etwas spürbar.

Kurzarbeit, um die Personalkosten zu drücken , kann sie nicht beantragen. „Fest angestellt habe ich nur zwei Auszubildende, für sie gibt es kein Kurzarbeitergeld“, sagt Wilhelm. Eine Minijobberin musste sie bereits entlassen.

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Reisebüro hat viel Arbeit durch Stornierungen

Während im Blumenladen jeder kleine Auftrag wenigstens ein paar Euro in die Kasse spült, zuckt Andreas Döring in seinem Reisebüro bei jedem Anruf zusammen. Statt etwas zu verdienen, verliert er derzeit bei jedem Gespräch Geld. „Wir haben in den vergangenen Tagen allein 300 Stornierungen für Flüge bearbeitet“, sagt Döring.

Mit seinen beiden Azubis und einer Teilzeit-Buchhalterin arbeitet er mehr als normal, denn die Rücktrittswünsche kommen geballt. Dabei verliert das Reisebüro nicht nur sein Tagesgeschäft, sondern vernichtet die Arbeit der vergangenen Monate.

Händler will bis zum Jahresende irgendwie über die Runden kommen

„Provisionen werden bezahlt, wenn die Kunden zurück sind. Die fallen jetzt alle weg“, sagt Döring. Auch er hat einen Antrag auf Soforthilfe gestellt . Wird er in voller Höhe bewilligt, lassen sich davon die Fixkosten für knapp drei Monate tragen. Mindestens doppelt so lang werde es dauern, bis das Geschäft wieder richtig anläuft, schätzt der Unternehmer.

Bis zum Jahresende gelte es nur noch, irgendwie über die Runden zu kommen. „Wir haben in der Branche schon einige Tiefpunkte erlebt“, erinnert Döring. „Aber das jetzt macht keinen Spaß mehr.“

Zur Nachbarschaftshilfe rufen Plakate an einer Litfaßsäule in der Karlsruher Innenstadt auf. Foto: Karin Stenftenagel

Kleiner Autohändler leidet wegen Corona unter weggebrochenem Exportgeschäft

Dass die globale Krise auch Kleinstunternehmen betrifft, weiß ein Autohändler aus Daxlanden zu berichten. Rund 100 Fahrzeuge verkauft das Familienunternehmen pro Jahr, gut 70 Prozent davon ins Ausland. Große Teile seines Geschäfts liefen schon vor der Krise über eine einschlägige Plattform im Internet, doch auch dort ist der Handel zum Erliegen gekommen.

„Früher haben zwei, drei Leute pro Tag wegen eines Angebots angerufen“, erzählt der Händler. „Mein letztes Fahrzeug habe ich vor vier Wochen verkauft.“ Die Lage sei existenzgefährdend, Rücklagen gebe es kaum, sagt der Mann. Den Antrag auf Soforthilfe hat auch er längst gestellt. Die Fixkosten ließen sich damit drei Monate lang decken, mehr aber auch nicht.

IHK berichtet in der Corona-Krise von spürbarer Existenzangst

„Die Existenzangst ist bei vielen Unternehmern spürbar, mit denen wir sprechen“, sagt IHK-Mann Baukloh. „Und sie ist durchaus berechtigt.“ Besonders in Gefahr seien Firmen, deren Geschäftsmodell schon vor der Krise nicht optimal lief.

Doch auch wer bisher normal gewirtschaftet oder erst vor kurzem gegründet hat, könne nun unverschuldet in eine Schieflage geraten. Das breit angelegte und schnell verabschiedete Rettungspaket wird seine Wirkung entfalten, glaubt Baukloh. „Zumindest wenn es darum geht, vier bis sechs Wochen zu überbrücken.“

Solidarische Zeichen trotz des Coronavirus

Durchhalteparolen liefern derzeit auch viele kleine Händler in der Stadt. Trotz der schwierigen Situation will Reisebüro-Besitzer Andreas Döring an seinen beiden Auszubildenden festhalten. „Ich habe eine Verantwortung für sie“, sagt er.

Und Blumenhändlerin Silke Wilhelm spürt in der Bevölkerung eine wachsende Solidarität. Bezahlt habe jeder, der etwas vom improvisierten Gehwegverkauf mitgenommen habe. „Ein Kunde hat einen Tag später sogar einen Zettel eingeworfen“, erzählt sie. „Er hatte einen Euro zu wenig bezahlt und hat dafür zwei dazugelegt.“

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