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Ein Blick zurück

Vor 20 Jahren im Zoo Karlsruhe: Vier tote Eisbären und ein Neuanfang

Vor 20 Jahren wird im Karlsruher Zoo am neuen "Lebensraum Wasser" für die Eisbären gebaut, als es in deren Nürnberger Exil zum Drama kommt: Die vier Karlsruher Bären sind frei im Tiergarten unterwegs und müssen erschossen werden. Der Verlust wirkt lange nach, im Badischen gibt es seitdem kein Jungtier mehr. Aktuell ist Eisbär Kap alleine auf der Anlage, die einst die modernste Europas war, nun aber nachgerüstet werden müsste.

Solo: Eisbär Kap ist seit dem Tod seiner Partnerin Nika im vergangenen Herbst alleine - soll es aber nicht bleiben. Foto: jodo

Eisbären sind die Wappentiere des Karlsruher Zoos – aus gutem Grund: Bis zu elf Tiere lebten einst am Fuße des Lauterbergs und sorgten regelmäßig für Nachwuchs. 25 Eisbären kamen zwischen 1970 und 1991 im Karlsruher Zoo zur Welt.

Garant war der Berliner Bär Willi, der immer wieder ins Badische reiste und die Karlsruher Eisbärdamen zuverlässig beglückte. In seine großen Fußstapfen sollte ab 1995 Eisbär Yukon treten, der als Vierjähriger aus Kanada nach Karlsruhe kam. Dazu kam es nicht mehr, denn vor 20 Jahren erlebte der Karlsruher Zoo eines seiner größten Dramen: Die komplette Karlsruher Eisbärengruppe musste erschossen werden.

Polare Kunstwelt statt Beton-Bunker

Tatort des Karlsruher Eisbären-Dramas ist im März 2000 Nürnberg. Der Tiergarten der Frankenmetropole hat Yukon und seinen vier Damen Silke, Nadine, Efgenia und Tatjana aufgenommen, während in Karlsruhe endlich für sie gebaut wird. Statt im Beton-Bunker aus der Zeit der Bundesgartenschau sollen die Petze künftig im Lauterberg in einer großzügigen polaren Kunstwelt leben.

Lange hatte der Gemeinderat um die Finanzierung gerungen, insgesamt 18 Millionen D-Mark sollen langfristig in einen „Lebensraum Wasser“ für Eisbären, Robben und Pinguine investiert werden.  Etwa die Hälfte ist für den ersten Abschnitt konzipiert – die neue Eisbärenanlage mit künstlichem Eisberg, Felsen, Wasserfall, Tundra-Landschaft und Badebecken mit Unterwasserscheiben, damit die Besucher die die Polarpetze auch beim Abtauchen beobachten können.

Narkosen scheiterten

Bärin Tatjana stirbt in Nürnberg an einem Krebsleiden, aber auch Yukon und seine drei verbliebenen Damen erleben das neue Domizil nicht mehr, da vermutlich ein psychisch Erkrankter die Schlösser des Geheges im Nürnberger Zoo aufbricht. Abschließend geklärt wird die Täterschaft nie. Sicher ist, dass die vier Karlsruher Eisbären frei durch den fränkischen Tiergarten streifen und Versuche, die Tiere zu narkotisieren, scheitern.

Der dicke Winterpelz der Petze und das Adrenalin in ihrem Blut, das die Wirkung der Narkose verdrängt, könnten Gründe gewesen sein, heißt es später. Dunkel wird es bereits, und nur noch einfacher Maschenzaun trennt die Tiere vom Nürnberger Reichswald.

„Die Kollegen konnten gar nicht anders handeln“, äußert die Karlsruher Zooleitung nach dem gewaltsamen Tod der Eisbären Verständnis. Gleichwohl trifft der Verlust den Karlsruher Zoo nachhaltig.

Jugendgruppe mit Kap, Vitus und Nika

Als im Herbst 2000 die neue Eisbären-Anlage in Karlsruhe eröffnet wird, sind lediglich zwei betagte und höchst misstrauische alte Bärinnen aus Rotterdam im Karlsruher Zoo. Ihnen steht nun 1.900 Quadratmeter künstliche Polarwelt zu Verfügung, die sie aber niemals komplett nutzen. Deutlich lebhafter wird es erst Ende 2001, als eine Jugendgruppe die Anlage in Beschlag nimmt: Kap, Vitus und Nika, die alle Ende 2000 in europäischen Zoos zur Welt gekommen waren, liefern sich viele jugendliche Balgereien.

Eisbären-Tausch

Nika und Vitus sollen zum Karlsruher Zuchtpaar heranwachsen – erfüllen diese Erwartungen aber nie. Ende 2016 ist klar, dass dies gar nicht möglich war: Eine Untersuchung der Tiere durch das Berliner Leibniz-Institut belegt, dass Vitus zeugungsunfähig ist. Richten soll es Eisbär Kap, der im Tausch gegen Vitus und die alte Karlsruher Bärin Larissa aus Neumünster an die Stätte seiner Jugend zurückkehrt und endlich Willi beerben soll.

Die neue Eisbären- Liaison ist vielversprechend, das große Schmusen mit Nika trägt aber keine Frucht. Die Karlsruher Eisbärin laboriert bereits an ihrer Fußverletzung, die aus einer arthritischen Veränderung des Gelenks resultiert. Ende 2019 hat sich ihr Zustand so verschlechtert, dass sie von ihrem Leiden erlöst werden muss.

Kap soll nicht alleine bleiben

Seitdem ist Kap alleine, was ihn nicht gut bekommt. Er zeigt Verhaltensauffälligkeiten. Allein bleiben soll er nicht, betont Zoodirektor Matthias Reinschmidt. Noch seien aber viele Fragen offen. Sicher sei indes: Der Mutter-Kind-Bereich, der vor 20 Jahren konzipiert, aber nie fertiggestellt wurde, genügt den Ansprüchen nicht mehr. Aktuell sind dort die Humboldt-Pinguine.

An der Eisbären-Anlage müsste man baulich einiges verbessern.
Matthias Reinschmidt, Zoodirektor

Auch das kleine Nebengehege der Petze wäre für eine Eisbärin mit Nachwuchs unzureichend. „Vor 20 Jahren war es die modernste Eisbärenanlage Europas“, sagt Reinschmidt, „aber heute müsste man baulich einiges verbessern“.

Dass man das Zweitgehege der Schneeleoparden einbezieht, einen Rundlauf schafft und eine Abtrenn-Möglichkeit durch die große Anlage vorsieht, schwebt ihm vor – mit dem erklärten Ziel, die Lebensqualität für Kap und Co zu verbessern. Und vielleicht doch irgendwann wieder junge Eisbären zeigen zu können.

Im Lebensraum Wasser

Es ist angerichtet: Acht Eimer atlantischer Heringen und Makrelen in unterschiedlicher Menge hat Moritz Ehlers gefüllt – für jeden Seelöwen und jeden Seehund einen. Damit jedes Tier ausreichend versorgt wird und für die Pfleger offensichtlich ist, wenn es einem der Schützlinge an Appetit mangelt, erklärt der Revierleiter, während er den nächsten Bock gefrorenen Fisch aus dem Eisfach ins Auftaubecken wuchtet: die Ration für den Folgetag. Dann geht es zum Training.

Nicht nur während der kommentierten Fütterungen, auch an zwei weiteren Terminen beschäftigen sich die Pfleger täglich mit den Seelöwen.

Zunächst wird Stevie ins frisch gereinigte Innengehege gebeten – der imposante Bulle rutscht sofort nach drinnen, lässt ich bereitwillig ins Maul schauen, zeigt die Flosse und richtet sich auf. Das Training ist körperliche wie mentale Stimulanz und medizinischer Check in einem.

Moritz Ehlers schaut genau hin, wie Stevie sich bewegt. Den 19-Jährigen Chef der Karlsruher Seelöwen plagt seit einiger Zeit Arthrose in der Hüfte.

Jungbulle Gino trainiert für seinen Umzug

Als seine Damen und die Jungtiere ins Innengehege gerufen werden, sperrt der Revierleiter Stevie ab – zu ungestüm ist er, um mit Olivia, Chica und Co in Ruhe das Stillhalten am Target – einem Tennisball an einem Stab – zu üben oder mit Gino zu trainieren, in die Kiste zu rutschen. Der bald zweijährige Jungbulle muss in absehbarer Zeit in einen anderen Tiergarten umziehen.

Jede gelungen Aktion belohnen Moritz Ehlers und seine Kollegin Nicole Wiederich mit einem Fisch aus dem jeweiligen Eimer und signalisieren mit einem Klicken, dass die Tiere ihre Sache gut machen. Aus bleibt das Klicken, als Stevie auf dem Weg nach draußen mit der Schnauze Ehlers Eimer anpeilt. „Negatives Verhalten ignorieren wir“, erklärt der Revierleiter.

Im Lebensraum Wasser gibt es doppelt so viele kommentierte Fütterungen wie im restlichen Zoo insgesamt.
Moritz Ehlers, Revierleiter

Während er sich um Kropfgazellen, Pandas und die anderen Lauterbergbewohner kümmert, füttert Nicole Wiederich die Dampfschiffente, die sie schon hungrig erwartet, und hängt für Karpfen und Störe Salat ins Wasser, Dann setzt sie das Headset auf und geht zu den Magellan-Pinguinen. Die erste von vielen kommentierten Fütterungen im Revier steht an. „Hier gibt es doppelt so viele wie im restlichen Zoo insgesamt“, sagt Ehlers.

Pinguin "Der Alte" hackt für Futter

Während die Frackträger sich die ersten Fische bei ihr abholen, erklärt Nicole Wiederich unter anderem, dass die flugunfähigen Vogel sich ihrem Lebensraum angepasst haben und je nach Region zwischen Antarktis und Galapagos-Inseln unterschiedliche Nahrung zu sich nehmen.

An der Magellanstraße und am sauerstoff- und nährstoffreichen Humboldtstrom vor der Westküste Südamerikas sind die beiden Arten, die der Karlsruher Zoo zeigt, zu Hause.

Dass die Paare ein Leben lang zusammen bleiben, berichtet die Pflegerin, während sie im Nachbargehege die Humboldtpinguine versorgt. Diese kommen langsam in Brutstimmung, berichtet sie, während die Magellanpinguine drei Wochen später dran seien.

Das Jungtier vom Vorjahr muss sie beim Futtern noch ein wenig unterstützen, denn das Schlucken der toten Fische – anders als in der Natur gibt es im Zoo kein Lebendfutter – will gelernt sein. Die grünen Gummihandschuhe, die sie beim Füttern trägt, dienen auch dem Schutz ihrer Finger.

Besonders „Der Alte“, wie einer der Pinguine genannt wird, verleiht seinem Fischhunger hackend Nachdruck. "Er sieht aber auch nicht mehr besonders gut und muss schauen, wo er bleibt“, erklärt Nicole Wiederich schmunzelnd.

Seehund Alf verlor durch Reiher ein Auge

Ihren Schnabel als Waffe einsetzten, das können auch die Reiher, die sich bei jeder Fütterung am Lebensraum Wasser versammeln.

Sie gehören nicht zum Zoo, versuchen aber regelmäßig, den einen oder anderen Fisch abgreifen. „Unseren Seehund Alf hat das ein Auge gekostet“, erinnert die Pflegerin. Daher gibt es für die Reiher nur auf dem Felsen weit weg von den Zootieren gelegentlich einen Fisch – auch die Wildtiere sind lernfähig und halten daher meist Abstand.

Bei der Seelöwen-Fütterung stellt Moritz Ehlers die einzelnen Tiere vor und erklärt den Sinn des Trainings. Auch, dass es völlig freiwillig ist, betont er, und dass es durchaus Phasen gibt, in denen die Tiere keine Lust haben. Dann nämlich, wenn sie aneinander interessiert sind, können die Pfleger noch so engagiert zum Training bitten.

Klar dient das auch dazu, den Menschen die Tiere nahe zu bringen und für ihre Belange zu werben, sagt Revierleiter Ehlers.

Von braven Seelöwen und fast blinden Seehunden

Von ihm erfahren die Zuschauer auch, dass jeder Seelöwe einen sehr individuellen Charakter hat. Stevie etwa ist – obwohl ein Raubtier und mit scharfen Zähnen ausgestattet – ein ganz braves und auch sehr fürsorgliches Tier, erfahren die Zoobesucher, während der Seelöwenbulle seine gut 350 Kilo aus dem Wasser schraubt und in drei Metern Höhe ans Target stupst.

Wieviel unbeholfener als die flinken Seelöwen Seehunde an Land sind, ist offensichtlich, als der Revierleiter Seehund Alf ins Innengehege bittet. Das wird geübt, um die Tiere untersuchen zu können, erklärt Ehlers, während Alf ihm entgegen robbt.

Erster Ausflug eines Seelöwenbabys im Zoo. Foto: N/A

„Seelöwen nutzen vor allem die Vorderflossen zum Antrieb, Seehunde die Schwanzflosse, geht er auf die unterschiedliche Physiognomie der verschiedenen Robbenarten ein. Alf zeigt damit großes Vertrauen – er ist nicht nur unbeholfen, sondern auch fast blind, erklärt Moritz Ehlers.

Viel wahrnehmen können Robben aber mit ihren Barthaaren: Wasserbewegungen und Strömungen etwa. Während Alf später auch im Außengehege auf den Sand kommt und sich viel Fisch abholt, streckt seine Partnerin Gina nur den Kopf aus dem Wasser. „Sie ist eher ängstlich und weiß, dass sie sich an Land so schlecht bewegen kann“, sagt der Revierleiter.

Eisbär Kap bekommt Wildschwein-Brühe fürs Training

Viel Zeit widmet er aktuell auch Eisbär Kap. Im Innengehege am Gitter übt er mit ihm, dem Target zu folgen und sich beispielsweise aufrichten. Kap macht mit – und genießt schöpflöffelweise Brühe mit Wildschwein für seine Bemühungen. Seit Nikas Tod bewegt er sich immer mal wieder stereotyp hin und her, daher ist aktuell besonders viel Anregung erforderlich.

Den Eisbären schmilzt der Lebensraum unter den Pfoten weg.
Moritz Ehlers , Revierleiter

Die erhält der auch später bei der kommentierten Fütterung. Salat, Kartoffeln, Gurken, Möhren und weiteres Gemüse hat Ehlers im Gehege verteilt. Fisch bekommt Kap von oben zugeworfen und zeigt sich als geschickter Fänger. Eisbär sind Allesfresser, auch wenn ihnen in ihrem natürlichen Lebensraum vor allem Robben zur Verfügung stehen.

Ein Foto aus vergangenen Tagen: Kleine Raufereien gehörten beim Eisbären-Paar Kap (links) und Nika zum Programm. Foto: N/A

Wenn überhaupt: Der Lebensraum der Eisbären hat sich drastisch verändert, und sie haben Probleme, über den arktischen Sommer zu kommen. „Sie fangen Robben, wenn die an den Eislöchern auftauchen, um Luft zu holen“, erklärt Moritz Ehlers. „Inzwischen aber schmilzt der Lebensraum den Eisbären unter den Pfoten weg".

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