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„Neubürger” im Südwesten

Faul, undankbar, streitsüchtig: Was Karlsruher nach dem 2. Weltkrieg über Flüchtlinge aus Deutschland dachten

Skepsis und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen sind nichts Neues: Während des 2. Weltkrieges flohen Millionen Deutsche nach Westen - und wurden dort von ihren Landsleuten oft nicht mit offenen Armen empfangen. Auch nicht in Karlsruhe.

Durchgangslager für Sowjetzonenflüchtlinge in der Appenmühle. Blick in einen Gemeinschaftssaal. Tische, im Hintergrund doppelstöckige Betten und Schränke. Foto: Schlesiger/Stadtarchiv KA

Noch mehr hungrige Mäuler. Noch mehr Kinder, Frauen, Männer, die nach einem Dach über dem Kopf verlangen. Sie mögen ja Deutsche sein, aber… Den Flüchtlingen und Vertriebenen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Südwesten Zuflucht suchen, stößt vielfach Ablehnung, bisweilen sogar Hass entgegen.

Später heißt es, sie seien „rasch“ integriert worden. Doch das hat die Migrationsforschung als Mythos entlarvt. Am 22. Juli 1945 trifft der erste größere Transport von Flüchtlingen in Karlsruhe ein.

„Donauschwaben” treffen in Karlsruhe ein

An den Anblick der traurigen Gestalten aus dem Osten haben sich die Menschen schon vor Kriegsende gewöhnt. Radfahrer im Umland von Karlsruhe klagen, dass sie kaum durchkämen, weil so viele Flüchtlinge auf den Landstraßen unterwegs seien. „Die lagern im Wald und nachts wandern sie weiter. Die Leute auf dem Lande geben ihnen kein Brot, nichts“, heißt es in einem Brief aus dieser Zeit, den eine Karlsruherin aufbewahrt hat.

Die Völkerflucht, ausgelöst durch den Völkermord der Nationalsozialisten, wird zu einer der zentralen Herausforderungen der Nachkriegszeit. Am 22. Juli 1945 trifft erstmals ein großer Flüchtlingstransport in Karlsruhe ein. 360 Donauschwaben aus Jugoslawien. Sie werden notdürftig in der Knielinger Kaserne untergebracht.

Dorthin kommen auch die mehr als 1.400 Menschen aus Slowenien und Kroatien, die ein Transportzug Anfang August in Karlsruhe ablädt.

Das größte Durchgangslager Nordbadens

Es ist erst der Anfang. Bald treffen Flüchtlingstransporte in dichter Folge ein. Die Artilleriekaserne in der Karlsruher Moltkestraße wird zum größten Durchgangslager Nordbadens umgebaut. Es geht im November 1945 in Betrieb. Bis Ende 1947 werden rund 42.000 Menschen durch dieses Lager geschleust.

Die Flüchtlinge werden „entlaust“, bevor man ihnen ein Bett im Durchgangslager zuweist. Sie besitzen nicht viel, ein Bündel Hausrat vielleicht, ein paar Kleidungsstücke. Und Erinnerungen. An die Heimat. An all das, was sie auf der Flucht, bei den Vertreibungen erlebt haben.

Der TV-Zweiteiler „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler als Gräfin aus Ostpreußen bedient sich im Jahr 2007 filmgerecht aus dem Fundus solcher Erinnerungen. Die Kombination von Flucht und Adel kommt bei den Zuschauern an – bei der Bambi-Verleihung erntet die Produktion den Publikumspreis.

Zwei Elendsfronten prallen aufeinander

Vor 75 Jahren allerdings interessiert sich im Westen kaum jemand dafür, welche Traumata die „Fremden“ bei der Flucht davongetragen haben. „In Deutschland prallten nach Kriegsende zwei Elendsfronten aufeinander“, stellt der Historiker Christian Habbe fest.

Die „abgebrannten Einheimischen“ hätten sich ungern ausgemalt, „dass man noch mehr verlieren kann, als sie selbst verloren haben. Es fehlte ihnen der Sinn für fremde Klagelieder über Heimatverlust, Erfrierungstod und Panzerketten.“

Aber den Flüchtlingen schlägt nicht nur Desinteresse entgegen. Vielfach werden sie mit Anfeindungen konfrontiert. Besonders konfliktträchtig ist die Wohnraumbeschaffung. Die US-Besatzungsmacht verlangt, dass die Vertriebenen die Durchgangslager rasch wieder verlassen. Die Alteingesessenen haben für sie privaten Wohnraum freizugeben – wer sich weigert, muss mit der amtlichen Beschlagnahmung von „unterbelegtem Wohnraum“ rechnen.

Einquartiert bei Einheimischen

In dem Buch „Migration und Integration in Karlsruhe“, einer Veröffentlichung des Stadtarchivs, heißt es, dass besonders unnachgiebige Vermieter sogar mit der Einweisung in ein Flüchtlingslager bedroht werden. Dort könnten sie dann „einen kleinen Ausschnitt der Flüchtlingsnot“ kennenlernen.

Die Flüchtlinge, die faulen Flüchtlinge!
Ausruf, an den sich eine Zeitzeugin erinnert

„Überall, wo noch ein Raum war, haben sie jemand reingesteckt. Bei Familien sogar in die Wohnung rein. Es war ja kein Wunder gewesen, dass sie dann bös waren, die Leute, die Einheimischen“, berichtet eine Zeitzeugin, als Studierende der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe sie vor einigen Jahren für ein Projektseminar interviewen.

Ihre Mutter, so erzählt die Frau, habe über die Familie, in die sie einquartiert wurden, oft gesagt: „O, heute haben sie mich wieder zusammengeschimpft. ‚Die Flüchtlinge, die faulen Flüchtlinge‘.“

„Badens schrecklichster Schreck - der neue Flüchtlingstreck”

Das enge Zusammenleben mit der aufgezwungenen Nachbarschaft, aber auch kulturelle und konfessionelle Unterschiede vergiften bei weitem nicht nur in Karlsruhe das Klima. In Lahr, das zur französischen Besatzungszone gehörte, tragen Pappnasen bei einem Fastnachtsumzug Ende der 1940er Jahre ein Schild durch die Straßen, auf dem es heißt: „Badens schrecklichster Schreck – der neue Flüchtlingstreck!!“.

In der amerikanischen Zone listet die Rhein-Neckar-Zeitung im April 1949 auf, was man bei 90 von 100 Unterhaltungen über Flüchtlinge zu hören bekomme: „Die Flüchtlinge sind grundsätzlich schmutzig. Sie sind grundsätzlich primitiv, ja sind sogar grundsätzlich unehrlich. Dass sie faul sind, versteht sich am Rande und dass sie lieber einen braven Einheimischen betrügen, als ihm eine Arbeit abzunehmen. Ganz abgesehen davon, dass sie das streitsüchtigste Volk sind, das in unseren Gassen und Gässchen einher läuft. Und einen Dank für das, was man ihnen tut, kennen sie nicht.“

„Flüchtling” wird zum Schimpfwort

Angesichts solcher Befindlichkeiten wundert es nicht, dass der Begriff „Flüchtling“ mehr und mehr als Schimpfwort empfunden wird. Viele Betroffene bevorzugen die Bezeichnung „Heimatvertriebene“. Von Amts wegen schaltet man auf „Neubürger“ um.

„Integration braucht Zeit – selbst wenn die Zuwanderer der deutschen Sprache mächtig sind“ – zu diesem Schluss kommen in ihrem 2019 erschienen Buch „Ein Koffer voll Hoffnung“ Karl-Heinz Meier-Braun und Reinhold Weber, die sich seit Jahren mit dem Thema Einwanderung beschäftigten.

Die Integration der Vertriebenen sei zwar nicht so „rasch“ und reibungslos gelungen wie vielfach verlautbart, aber letztlich erfolgreich verlaufen, meinen sie.

Im Zeichen des Wirtschaftswunders

Das Wirtschaftswunder, das vielen Vertriebenen den Anschluss an die einheimische Mittelschicht ermöglicht, trägt dazu bei, aber auch die schiere Zahl der Zuwanderer. Die „Neubürger“ sind eine ernst zu nehmenden Zielgruppe für politische Parteien; „Vater Staat“ will sie nicht vor den Kopf stoßen.

Meier-Braun und Weber führen zudem ins Feld, dass die „Neubürger“ keine realistische Perspektive haben, in ihre „alte Heimat“ zurückzukehren. Sie passen sich an. Mit Fleiß und Ehrgeiz versuchen sie, in der neuen Heimat ihren alten Status wiederzuerlangen.

Diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg „Neubürger“ im Südwesten wurden, sind heute Senioren. Die alte Heimat, Flucht und Vertreibung gehören zu ihrer persönlichen Geschichte. Aber auch die Kränkungen und die Vorbehalte, die ihnen in der neuen Heimat begegneten. „Erzählt habe ich davon erst meinem Enkelkind“, sagt eine Zeitzeugin im Interview mit den PH-Studierenden: „Mit meinem Sohn habe ich nie darüber gesprochen.“

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