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Hass wegen Körpergewicht

Was „Tatort“-Star Stefanie Reinsperger zu „Bodyshaming“ sagt und wie Karlsruher Künstlerinnen damit umgehen

Schauspielerin Stefanie Reinsperger hat in einem Interview von bedrohlichen Hass-Posts berichtet. Gegen diese Art von „Bodyshaming“ positionieren sich auch zwei Karlsruher Produktionen.

ARD/WDR TATORT: DU BLEIBST HIER, Buch: Jürgen Werner und Jörg Hartmann, Kamera: Hendrik A. Kley, am Sonntag (15.01.23) um 20:15 Uhr im ERSTEN.
Peter Faber (Jörg Hartmann, links) ist nicht damit einverstanden, dass Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) und Jan Pawlak (Rick Okon) auch Josef Faber verhören.
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Jeder „Tatort“ bringt ihr Hassnachrichten ein: Die Schauspielerin Stefanie Reinsperger hat in einem Interview über drastische Beschimpfungen gesprochen. Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost

Muss eine Kommissarin wie ein Fotomodell aussehen? Im wahren Leben erwartet das niemand. Im Fernsehen aber offenbar schon. Welch drastische Folgen das hat, darüber hat jetzt die Schauspielerin Stefanie Reinsperger gesprochen.

Die 34-Jährige sagte in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, sie erhalte wegen ihres Gewichts seit Jahren Hassnachrichten.

„Jedes Mal, wenn der ,Tatort’ ausgestrahlt wird, ist mein Instagram-Postfach voller Beleidigungen“, sagte die Österreicherin, die seit 2021 zum Ermittlerteam im Dortmunder „Tatort“ gehört und dort auch an diesem Sonntag in der Folge „Du bleibst hier“ als Kommissarin Rosa Herzog im Einsatz ist.

Die Grundstimmung der Beschimpfungen beschreibt Reinsperger so: „Du fette Sau hast nichts im Fernsehen zu suchen.“ Derartige „Drohungen und Hassnachrichten“ seien in ihrem Berufsalltag „an der Tagesordnung“, sagt die Schauspielerin, die über ihre Erfahrungen im April 2022 das Buch „Ganz schön wütend“ veröffentlicht hat.

„Das Buch war eine Inspiration für uns“, sagt die Schauspielerin Jeanne-Marie Bertram. Sie ist am Jungen Staatstheater Karlsruhe engagiert und entwickelt dort gemeinsam mit ihrer Kollegin Laura Teiwes die Performance „Hunting Down Male Gaze“, die am Donnerstag (19. Januar) Premiere hat.

Du kannst als Frau gar nicht allein sein mit deinem Körper.
Jeanne-Marie Bertram, Schauspielerin

Darin geht es um die permanente Bewertung des weiblichen Körpers durch den männlichen Blick. „Dafür muss nicht einmal ein Mann anwesend sein“, so Bertram.

„Der männliche Blick ist schon derart internalisiert - du kannst als Frau gar nicht allein sein mit deinem Körper“, so Bertram mit Verweis auf einen Roman von Margaret Atwood. In „Die Räuberbraut“ heiße es sinngemäß: „Du bist eine Frau mit einem Mann in dir, der eine Frau betrachtet.“

Die extremen Reaktionen, von denen Stefanie Reinsperger berichtet, seien nur die Spitze des Eisbergs. „Ich ertappe mich selber oft beim Denken in solchen Mustern“, sagt Bertram. „Es wird uns schon von Kind auf eingetrichtert, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat. Das liegt ja auch im Interesse des kapitalistischen Systems - von diesem Druck auf weibliche Körper lebt die Schönheitsindustrie.“

Branchenregeln setzten Schauspielerinnen unter Druck

Auch ihr sei einmal von einem Agenten signalisiert worden, sie solle nicht zunehmen und für Bewerbungsfotos doch auch mal „hübsch im Sommerkleid“ posieren.

„Für das Bewusstsein, dass man sich diesen Regeln gar nicht unterwerfen muss, sind Bücher wie das von Stefanie Reinsperger enorm wichtig“, befindet Bertram.

Vorab-Foto zu „Hunting Down Male Gaze“ mit Jeanne-Marie Bertram (links) und Laura Teiwes am Jungen Staatstheater Karlsruhe, Premiere 19.1.2023
Männlicher Blick prägt weibliches Selbstbild: Diesem Phänomen wollen die Karlsruher Schauspielerinnen in „Hunting Down Male Gaze“ nachgehen. Foto: Arno Kohlem

Zwar liege die Kontrolle der Bilder nicht mehr ausschließlich in männlicher Hand, wie: „Marilyn Monroe wurde damals ausschließlich von Männern fotografiert und dafür ausgenutzt - Kim Kardashian inszeniert heute ihre Bilder selbst für den männlichen Blick, um davon zu profitieren.“

Dennoch bestehe das Problem eines unerreichbaren Schönheitsideals, das durch den Selbstdarstellungs-Hype in sozialen Medien noch befeuert werde, erklärt Bertram: „Das bleibt eine toxische Angelegenheit.“

Wie toxisch dies werden kann, zeigen die drastischen Beispiele von Reinsperger. Dabei war die Darstellerin am Theater eindrucksvoll durchgestartet.

Mit 26 kam sie 2014 ans renommierte Burgtheater, reiste dann mit gleich zwei Uraufführungen zum Berliner Theatertreffen und wurde 2015 in der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur „Schauspielerin des Jahres“ gewählt.

Je größer die Bühnen, desto massiver die Anfeindungen

Doch je größer die Bühnen wurden, desto massiver wurden die Anfeindungen. 2017 und 2018 gab sie im „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen die Buhlschaft an der Seite von Hauptdarsteller Tobias Moretti.

Die Salzburger Buhlschaft ist die wohl prominenteste Frauenrolle im westeuropäischen Theaterbetrieb – und der Inbegriff einer vom männlichen Blick geprägten Figur.

Reinsperger, die diesem Blick für manche Zuschauer nicht entsprach, erntete massive Kritik. Im Interview berichtet sie von einer Morddrohung mit der Botschaft, „wenn ich es noch mal wage, auf die Bühne zu gehen mit all meiner Fettleibigkeit, dann werde ich das bereuen und es wird das letzte Mal sein, dass ich auf der Bühne gestanden bin“.

Die Mechanismen der Körperbewertung in dieser Branche können sich aber auch in vergiftetem Lob zeigen. Ein prominentes Beispiel wären die Oscar-Auszeichnungen für Nicole Kidman 2003 (für „The Hours“) und Charlize Theron 2004 (für „Monster“).

Beide Schauspielerinnen entsprechen eigentlich dem klassischen Schönheitsideal. Prämiert wurden sie aber für Rollen, in denen sie, wie es damals auch in seriösen Filmkritiken mitunter hieß, „Mut zur Hässlichkeit“ bewiesen.

Frauen werden viel häufiger zuerst über ihr Aussehen bewertet.
Michelle Brubach, Schauspielerin

„Frauen passiert es viel häufiger, dass sie zuerst über ihr Aussehen bewertet werden und nicht über ihre Kompetenz“, bestätigt die Karlsruher Schauspielerin Michelle Brubach. Sie hat sich gemeinsam mit der Regisseurin Mimi Schwaiberger dezidiert dem Phänomen „Bodyshaming“ gewidmet.

Nicht aus persönlicher Betroffenheit, aber durch einen Impuls aus dem privaten Umfeld. „Wenn man mitbekommt, dass diese Bewertungsrituale schon bei Mädchen im Grundschulalter beginnen, dann ahnt man, warum dies so tief verwurzelt ist.“

Karlsruher Theatergruppe will Betroffenen Mut machen

Michelle Brubach in „Mein Körper/Mein Schlachtfeld“ im Karlsruher Kulturraum Kohi, 11.01.2023
Ein Stück gegen Bodyshaming hat die Schauspielerin Michelle Brubach mit der Regisseurin Mimi Schwaiberger auf die Bühne gebracht. Foto: Melissa Sanchez

Für das Stück „Mein Körper/Mein Schlachtfeld“ hat Brubach mit Schwaiberger nach eigenen Angaben etliche Frauen „von neun bis 80“ interviewt. „Es ging uns darum, mit dem Stück alle Altersgruppen zu erreichen“, sagt sie.

Mit der Szenenfolge, die das Problem auch mit wissenschaftlicher Grundierung und kabarettistischem Humor angeht, soll in erster Linie Betroffenen Mut gemacht werden.

Das sei durch die bisherigen Aufführungen bestätigt worden: „Wir bieten meistens auch Nachbesprechungen an, und ich habe schon das Gefühl, dass manche danach bestärkt rausgehen.“

„Schon durch das gemeinsame Theatererlebnis spüren sie, dass sie mit dem Problem nicht alleine sind“, beschreibt Brubach ihre Eindrücke. „Und sie merken: Wenn es ein Problem gibt, dann liegt es nicht an mir, weil ich die zehnte Diät nicht geschafft habe. Sondern an der Struktur, die das von mir erwartet.“

Weitere Informationen

Aufführungen „Hunting Down Male Gaze“: 19., 21. Januar; 18. Februar. Interessierte finen Spielzeiten und Tickets auf der Internetseite des Karlsruher Staatstheaters.

Weitere Infos zur Gruppe „Harriet Hope“ gibt es zudem auf www.theapolis.de/fr/organization/harriet-hope.

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