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„Die Not ist groß”

Was tun ohne Schweißdrüsen? So gehen Tiere in Karlsruher Wäldern mit der Hitze um

In den Wäldern ist es seit Wochen heiß und trocken. Ein Problem nicht nur für Bäume, sondern auch für Rehe, Vögel und Co. Während sich manche Tiere auf kreative Weise abkühlen, treibt es andere wegen Hunger und Durst in die Stadt.

Erschwerte Bedingungen: Rehe und andere Waldbewohner leiden unter der Hitze und Trockenheit. Tagsüber halten sie derzeit Siesta. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Obwohl die Baumkronen die Sonnenstrahlen etwas abfangen, ist es drückend heiß im Karlsruher Oberwald. Der Schotterweg staubt bei jedem Schritt, links und rechts türmt sich das vertrocknete Laub. Ulrich Kienzler nimmt ein paar Blätter in die Hand und zerbröselt sie ohne viel Mühe. „Die Not ist unheimlich groß”, sagt der Karlsruher Forstamtsleiter mit ernster Miene.

Die Not, damit meint er den dritten heißen und regenarmen Sommer in Folge, der dem Wald mächtig zu schaffen macht. Nicht nur den Bäumen und Sträuchern, sondern auch seinen Bewohnern: Rund 6.700 verschiedene Tierarten sind in den mitteleuropäischen Wäldern zuhause. Wie sehr auch sie unter hohen Temperaturen und Trockenheit leiden, wird häufig vergessen.

Von den heimischen Tieren ist keines so richtig scharf auf die Hitze.
Ulrich Kienzler, Leiter des Karlsruher Forstamts

„Von den heimischen Tieren ist keines so richtig scharf auf die Hitze”, sagt Kienzler beim Spaziergang durch den Oberwald. Das merkt man. Zur Mittageszeit ist es dort noch stiller als gewöhnlich: kein Vogelgezwitscher, kein Summen, kein Rascheln im Dickicht. An heißen Sommertagen halten viele Tiere Siesta, erklärt Kienzler.

Direkte Sonne meiden sie nach Möglichkeit. Erst abends, wenn die Temperaturen etwas erträglicher sind, werden sie aktiver.

Wildschweine suchen Schlamm

Wie der Mensch müssen auch Tiere ihre Körpertemperatur regulieren, um nicht zu überhitzen. Nur: Schwitzen können viele Arten mangels Schweißdrüsen nicht. Deshalb sind andere Strategien nötig. „Wildschweine suhlen sich etwa gerne im feuchten Schlamm, auch um Parasiten abzuwehren”, sagt Biologe Martin Remmele von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Aufgrund der Trockenheit ist es für sie momentan aber schwer, feuchte Stellen zu finden.

Besorgt: Forstamtsleiter Ulrich Kienzler zeigt im Karlsruher Oberwald, wie trocken Blätter und Bäume momentan sind. Auch für Tiere ist das ein Problem. Foto: Philipp Kungl

Kühlenden Schlamm suchen auch Amphibien wie Erdkröten oder Frösche sowie Reptilien auf, um nicht zu vertrocknen. Weinbergschnecken gehen der Hitze hingegen ganz elegant aus dem Weg. „Sie verschließen ihr Haus mit einem Kalkdeckel und halten Sommerschlaf”, erklärt Remmele.

Es gibt jedoch auch Arten, die im Hochsommer ganz gut zurechtkommen. Insekten zum Beispiel, wie Kai Lierheimer, Natur-Coach aus Kuppenheim, berichtet. „Hohe Temperaturen sind für sie kein großes Thema”, sagt er. Im Gegenteil: Fluginsekten wie Bienen oder Wespen brauchen Wärme für ihre Flugmuskeln.

Ist es kälter, müssen sie sich vor dem Fliegen erst warm zittern. Derzeit können sie direkt abheben. Doch es gibt Grenzen. „Ähnlich wie beim Menschen wird es auch für Insekten ab einer Körpertemperatur von 41 Grad kritisch”, so Lierheimer.

Wassersuche ist im trockenen Wald schwierig

Ein Problem teilen während der Hitzeperiode alle Tiere: die Trockenheit des Waldes, welche die Futter- und Wassersuche enorm erschwert. Während Rehe Flüssigkeit mit der Pflanzennahrung aufnehmen, suchen andere Säugetiere und körnerfressende Vögel wie Finken und Sperlinge in diesen Tagen oft vergeblich nach Wasserpfützen.

Im Vergleich zu anderen Forstgebieten ist die Lage im Karlsruher Oberwald noch komfortabel: Mit dem Erlach- und dem Oberwaldsee sind dort recht große Gewässer. „Einen Andrang wie bei einer Tränke in der Serengeti gibt es aber nicht”, betont Forstamtsleiter Kienzler. Heimische Tierarten seien es nicht gewohnt, auf Wassersuche mehrere Kilometer im Wald zurückzulegen.

Stattdessen zieht es Vögel, Füchse, Igel oder Dachse zunehmend in die Stadt. Das weiß auch Ursula Obst von der Karlsruher Wildtierauffangstation aus eigener Erfahrung: Im Sommer 2018 machte Eichhörnchen „Pippilotta” bundesweit Schlagzeilen, als es – völlig dehydriert – hartnäckig einen Passanten in Karlsruhe verfolgte.

Das Jungtier wurde schließlich in der Auffangstation aufgepäppelt und später erfolgreich ausgewildert.

Pippilotta machte im Sommer 2018 bundesweit Schlagzeilen. Das Eichhörnchen suchte Hilfe und verfolgte einen Mann in Karlsruhe. Foto: Latrissa Fritzenschaf/Wildtierauffangstation Karlsruhe

„Wenn Tiere im Wald nichts mehr finden, suchen sie Hilfe beim Menschen”, sagt Obst. Ihr Appell deshalb: Während der Hitzeperiode unbedingt eine Schale Wasser im Garten aufstellen. Diese sollte aber möglichst flach sein, damit kleine Tiere nicht darin ertrinken. Wer einen Pool hat, sollte diesen nachts aus dem gleichen Grund abdecken.

Und auch Ulrich Kienzler hat nach dem Spaziergang im Oberwald noch einen Tipp parat, wie der Mensch sorgsam mit Wildtieren umgehen kann. „Waldbesucher sollten gerade im Sommer unbedingt auf den Wegen bleiben und Hunde an der Leine lassen”, mahnt er. Wenn sich die Tiere erschrecken, bedeute das noch zusätzlichen Stress in der Hitzeperiode.

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