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Zwischen Scham und Provokation

Wenn Mütter in der Öffentlichkeit stillen: Wer diskriminiert hier eigentlich wen?

Das Thema "Stillen in der Öffentlichkeit" spaltet die Gemüter. Für die einen geht es um die Befriedigung eines Grundbedürfnisses, die anderen fühlen sich gestört, wenn Mütter ihrem Kind in ihrer Anwesenheit die Brust geben. Immer geht es in der Debatte auch um Grenzen: Doch wer verletzt hier wessen Grenzen - und mit welchem Recht?

Im Kampf gegen Fettleibigkeit von Kindern hat die Weltgesundheitsorganisation WHO für das Stillen von Säuglingen geworben. Foto: Paul Zinken/Illustration

Das Thema "Stillen in der Öffentlichkeit" spaltet die Gemüter. Das zeigte auch die Flut von Leserbriefen, die bei den BNN zu dem Thema eingegangen ist. Für die einen geht es dabei schlicht um die Befriedigung eines Grundbedürfnisses, die anderen fühlen sich gestört, wenn Mütter ihrem Kind in ihrer Anwesenheit die Brust geben. Immer geht es in der Debatte auch um Grenzen: Doch wer verletzt hier wessen Grenzen - und mit welchem Recht?

Kindern in der Öffentlichkeit die Brust zu geben, fällt vielen Müttern nicht leicht. Vor allem am Anfang nicht. Das wird bereits während der Vorstellungsrunde der Stillgruppe klar, die sich in an jenem Montag in Karlsruhe-Neureut trifft. "Du bist immer am Gucken, wer etwas dagegen haben könnte", berichtet eine Mutter aus eigener Erfahrung. "Irgendetwas passt immer nicht und es ist selten so, dass man einfach mal da sein darf." Immer wieder fällt der Satz: "Ich dachte, ich schaffe das niemals."

Eine Mutter, die gerade ihr drittes Kind stillt, ist da selbstbewusster. "Ich versuche immer, in der Öffentlichkeit zu stillen", sagt sie. "Je mehr wir Mütter uns ins Kämmerchen zurückziehen, desto mehr wird das doch auch von uns gefordert."

Stillberaterin Ulla Junghänel, die die Gruppe seit rund zehn Jahren leitet, versucht zu helfen, zu ermutigen, zu trösten. "Man kann kein Kind zwangsstillen", sagt sie. Es sei eben ein Bedürfnis. Genausowenig wie Erwachsene Menschen beeinflussen könnten, wann sie auf die Toilette müssen, könnten sich Säuglinge an bestimmte Still-Zeiten halten. Immer wieder verweist Junghänel auch auf "die drei Gs": Geduld, Geduld, Geduld.

Stillen und Hausrecht: Wer darf was?

Wenn Mütter im öffentlichen Raum ihr Kind stillen, ist Geduld oft Mangelware. "Ich hätte ab und zu gerne in Ruhe in einem Café gestillt", erklärt eine Mutter, die mit ihrer Tochter extra aus Heilbronn angereist ist. Aber leider gehe das oft nicht, weil immer wieder Menschen daran Anstoß nähmen. Dabei gehe es beim Stillen ja buchstäblich darum, dass das Kind dabei eben still sei - und folglich niemanden störe.

In Cafés und Restaurants gilt allerdings vorrangig das Hausrecht der Betreiber: Sie entscheiden, welche Etikette in ihrem Betrieb gilt, was Gäste dürfen und was nicht. Einem generellen Stillverbot in Gaststätten kann aber auch das geltende Diskriminierungsverbot nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz entgegenstehen. Denn, wenn Stillen verboten ist, trifft dies naturgemäß ausschließlich Frauen.

Wie es in einem Bericht der Bundesregierung heißt , kann der Gastwirt von seinem Hausrecht aber dann "relativ freien" Gebrauch machen, wenn es noch zu keinem Bewirtungsvertrag gekommen ist. Das bedeutet, der Betreiber muss die Mütter über das geltende Hausrecht aufklären, bevor eine Bestellung aufgenommen wurde. Ist das aber bereits passiert, müssen "besonders gewichtige Gründe" vorliegen, um Müttern das Stillen in der Gaststätte zu verbieten.

Ein Stillverbot ist also nur dann durch das Hausrecht gedeckt, wenn der Gastwirt "eine konkrete Beeinträchtigung des Betriebs oder anderer Gäste zu befürchten hat" - oder wenn er die Gäste bereits vor der Bestellung auf seine Hausordnung hingewiesen hat.

Stillen und Knigge: Was gehört sich und was nicht?

Abgesehen von Recht und Unrecht, kommt in der Debatte um das Stillen in der Öffentlichkeit aber auch immer wieder eines zur Sprache: der Anstand. Ist es unanständig, wenn Mütter ihren Säuglingen in Anwesenheit fremder Personen die Brust geben? Wie schlimm ist es, wenn dabei die Brust zu sehen ist? Müssen sich die Mütter bedecken oder müssen andere Personen wegschauen?

Linda Kaiser ist die stellvertretende Vorsitzende der deutschen Knigge-Gesellschaft. Sie sagt: "Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass Mütter in der Öffentlichkeit stillen." Wichtig sei aber dabei, dass niemand, der anwesend ist, in seinem Schamgefühl verletzt werde. Um das sicherzustellen, sieht Kaiser aber die Mütter in der Pflicht: Sie müssten die Gaststättenbetreiber fragen, ob es für sie in Ordnung sei, wenn sie ihre Kinder in deren Betrieb stillen.

Die Frau zeigt etwas her, was sie unter anderen Umständen nicht mal eben so auf den Tisch legt.
Linda Kaiser

Stillen sei zwar ein normaler, aber auch sehr intimer Vorgang, so Kaiser. "Und je nach dem, wie es gemacht wird, werden Körperteile entblößt, die nichts an einem gedeckten Tisch zu suchen haben". Würden Mütter ihre Kinder aber "diskret" stillen, also ihre Brust etwa mit einem Tuch bedecken oder sich vom Gastraum abwenden, habe wahrscheinlich niemand etwas dagegen, fügt Kaiser hinzu.

Aber: "Wenn die Mutter nichts verdeckt, in der einen Hand das Telefon hat, um ein Selfie zu machen, in der anderen Hand die Kaffee-Tasse - dann ist das eine Art provozierende und provokante Selbstdarstellung, die beim Gegenüber nicht gut ankommt", so die Knigge-Expertin.

Schamgefühl muss auf beiden Seiten geschützt werden

Um die Wahrung des Schamgefühls gehe es dabei außerdem für beide Seiten. Auch die Frau zeige ja etwas her, "was sie unter anderen Umständen nicht mal eben so auf den Tisch legt". Das Kind zu stillen sei zwar eine Notwendigkeit, aber auch für Mütter sei das vielleicht nicht angenehm, sich "zusätzlich zu exponieren".

Kaiser vergleicht den Akt des Stillens zur Verdeutlichung mit "sehr intensiven Küssen". Gegen Zärtlichkeiten und den "diskreten Austausch von Zuneigung" habe niemand etwas. Wenn dies aber zu intensiv gezeigt werde, könne das das Schamgefühl anderer verletzen. Generell gelte aber immer: "Ich darf alles tun, wenn ich die Genehmigung des Hausherrn einhole."

Ist es diskriminierend, Müttern das Stillen in der Öffentlichkeit zu verbieten?

Doch wie legitim ist es wirklich, von Frauen zu verlangen, dass sie ihre Kinder in der Öffentlichkeit nicht stillen sollen? Sind solche Ansichten noch mit der Meinungsfreiheit vereinbar oder liegt hier bereits eine Diskriminierung vor?

Für Annette Ganter von der Antidiskriminierungsstelle Karlsruhe ist der Fall klar: "Es handelt sich auf jeden Fall um eine Diskriminierung", sagt sie. Man müsse allerdings zwischen direkter und indirekter Diskriminierung unterscheiden. Wenn ein Café-Betreiber stillenden Müttern den Zugang zu seinem Lokal verweigere , handle es sich um eine indirekte Diskriminierung, da er sich im Rahmen seines Hausrechts bewege.

Aber da bei einem Stillverbot nur Frauen betroffen seien und das Merkmal "Geschlecht" durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützt sei, handle es sich in diesem Fall klar um eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts.

Dennoch könne es schwierig sein, dies auch juristisch umzusetzen, so Ganter. Denn: "Es gibt noch kein gerichtliches Urteil dazu." Solange dies nicht der Fall sei, könne man nicht vorhersehen, wie ein Richter in so einem Fall tatsächlich entscheiden würde.

Es geht auch um Macht

Die Debatte um stillende Mütter in der Öffentlichkeit hat für Ganter aber auch mit einer weiteren Sache zu tun: Macht. "Es geht darum, wer etwas verbieten kann und wer nicht", so die Antidiskriminierungsbeauftragte. Die "Komponente Macht" spiele zwar beim Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz keine Rolle. "Für uns ist das aber ein sehr entscheidender Faktor", so Ganter.

Der weiße, christliche, heterosexuelle Mann habe in Deutschland noch immer die meisten Machtpositionen inne, genieße die meisten Privilegien. Dadurch entstünden Gesetze, Normen und Ideale, die hauptsächlich von männlichen, weißen Menschen geprägt seien.

"Es herrscht ein männliches Bild darüber vor, wie die Frau zu sein hat", sagt Annette Ganter. Diesem Bild könnten sich auch Frauen nicht so einfach entziehen und dies beeinflusse auch, wie die Gesellschaft auf Mütter blickt, die ihre Kinder öffentlich stillen. Ganter glaubt: "Wenn wir in einer Gesellschaft aufgewachsen wären, in der die mächtigen Positionen seit Hunderten von Jahren von Frauen begleitet würden, hätten wir vielleicht auch einen ganz anderen Umgang damit."

In der Frage, wer auf wen Rücksicht nehmen müsse, kann die Antidiskriminierungsbeauftragte zumindest eines mit Sicherheit sagen: "Nicht die von Diskriminierung betroffene Person ist verantwortlich. Die Gegenseite muss sich fragen: Warum denke ich so?"

Hintergrund: Wer nimmt Anstoß daran, wenn Mütter öffentlich stillen?

Die Anzahl derer, die sich daran stören, wenn Mütter ihre Kinder öffentlich stillen, ist laut einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aus dem Jahr 2017 nur gering: Nur sechs Prozent der Befragten gaben an, dass der Anblick stillender Mütter sie störe. Bei einer offenen Nachfrage gaben von 56 Personen, die Stillen in der Öffentlichkeit schlecht fanden, 32 Prozent an, dass dies eine für sie unangenehme Intimität herstelle. 30 Prozent aus dieser Gruppe fanden auch, dass Mütter nur zu Hause stillen sollten.

Es wurden außerdem Mütter danach gefragt, wo sie es in der Öffentlichkeit eher vermeiden würden, ihren Kindern die Brust zu geben. Hier gaben 72 Prozent der Mütter an, dass sie es möglichst vermeiden würden, ihr Kind auf öffentlichen Toiletten zu stillen. 46 Prozent der befragten Mütter sagten, sie würden dies in Restaurants oder Cafés nach Möglichkeit vermeiden. Am wenigsten vermieden es die Mütter, ihre Kinder in Parks (18 Prozent) oder auf Spielplätzen (19 Prozent) zu stillen.

Diese Zahlen decken sich weitgehend damit, was Außenstehende auf die Frage antworteten, wo Mütter ihre Kinder ihrer Meinung nach am ehesten in der Öffentlichkeit stillen sollten: 72 Prozent dieser Gruppe sagten, Frauen sollten in Parks stillen, 69 Prozent waren für Spielplätze. Für Cafés und Restaurants stimmten 49 Prozent der Befragten. Vier Prozent gaben an, dass Mütter überall stillen können sollten. Acht Prozent sprachen sich dafür aus, dass Mütter das Stillen an allen öffentlichen Orten vermeiden sollten.

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