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Suche in alten Fotoalben

Wie erforscht man die eigene Familiengeschichte? Karlsruher Historiker gibt Tipps

Historiker Rolf-Ulrich Kunze erklärt, wie sich mit alten Familienfotos Rückschlüsse auf die eigene Herkunft ziehen lassen.
3 Minuten

Dass früher alles besser war, würde Rolf-Ulrich Kunze niemals ernsthaft behaupten. Trotzdem kann der Historiker am Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) nicht sämtlichen Neuerungen nur Positives abgewinnen. Wenn es etwa um die Qualität von Familienfotos geht, hält Rolf-Ulrich Kunze mit Analogkameras aufgenommene Bilder für deutlich aussagekräftiger als Fotografien aus dem Digitalzeitalter.

Kameras wurden früher nur zu wichtigen Anlässen gezückt

„Heute ersaufen wir in Bildern. Die Leute halten auf alles drauf und inszenieren sich selbst“, sagt Rolf-Ulrich Kunze. „Aber trotz der verbesserten Technik sind alte Fotos oft viel besser.“ Als Filme noch ein knappes Gut waren und das Entwickeln Geld kostete, hätten die Leute ihre Kameras nur zu wichtigen Anlässen gezückt.

„Wer alte Fotoalben durchblättert, erkennt oft den Lauf des christlichen Jahreskalenders“, sagt Rolf-Ulrich Kunze. Fotografiert wurde nämlich vor allem, wenn die ganze Familie zusammenkam, und das war an Weihnachten, Ostern sowie bei Taufen und Hochzeiten der Fall.

Wer sich solche alten Aufnahmen genau anschaut, kann meistens auch zahlreiche Details aus dem Alltag entdecken und Rückschlüsse auf die damaligen Lebensverhältnisse ziehen. Bildmotive digital vergrößern war schließlich ebenso wenig möglich wie das spätere Bearbeiten der Fotos.

Deshalb liefern viele Schnappschüsse von früher intime Einblicke in das Leben der porträtierten Familien. Ein altes Bild von sich selbst mit seinem zwölf Jahre älteren Bruder Heinz Rudolf sowie seinen Eltern Gerda und Rudi konnte der Historiker wegen der zwei brennenden Kerzen auf dem Adventskranz genau datieren.

Weihnachten bei den Kunzes: Am 2. Advent 1969 posieren die Eltern Rudi und Gerda sowie die beiden Söhne Rolf-Ulrich und Heinz Rudolf (rechts) für die Kamera. Foto: Rolf Ulrich-Kunze

Mit Familienfotos Geschichte schreiben

Die Analyse und das Archivieren von alten Fotografien ist für den Experten auch der erste Schritt bei der Erforschung der eigenen Familiengeschichte. Der Professor für neueste Geschichte gibt am KIT Seminare zu diesem Thema, hat das „Lehrbuch Familiengeschichte. Eine Ressource der Zeitgeschichte“ geschrieben und 2015 auch das Buch „Das halbe Jahrhundert meiner Eltern“ herausgebracht.

Bilder mit Männern in Nazi-Uniformen stehen noch heute auf vielen Kommoden in Deutschland.
Rolf-Ulrich Kunze, Historiker

Dort beschreibt der jüngere Bruder des Liedermachers und Schriftstellers Heinz Rudolf Kunze auch die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit seines Vaters. Bei der Spurensuche in den Familienalben hat Rolf-Ulrich Kunze nämlich Aufnahmen von seinen Eltern aus dem Jahr 1942 bei einer Exkursion ins Warschauer Ghetto sowie ein Familienbild, das seinen Vater in der Uniform der Waffen-SS zeigt (siehe oben), gefunden.

Vor dem Warschauer Ghetto: Ein Bild aus dem Jahr 1942. Vorn links in BDM-Uniform Gerda Lehmann, ganz rechts außen in HJ-Uniform Rudi Kunze Foto: Rolf-Ulrich Kunze

„Solche Bilder mit Männern in Nazi-Uniformen stehen noch heute auf vielen Kommoden in Deutschland“, sagt er. Wer auf solche Aufnahmen stößt, sollte deshalb unbedingt weiterforschen und einen tieferen Blick in die eigene Familiengeschichte werfen. Nicht jeder Mann in Uniform sei schließlich ein überzeugter Nazi gewesen.

Briefe und Tagebücher sind besonders wichtige Quellen

Gespräche mit Eltern und Großeltern können dabei ebenso für Erhellung sorgen wie die Lektüre von alten Briefen und Tagebüchern. Solche schriftlichen Dokumente sind für den Geschichtsforscher besonders wichtige Quellen. Eine Studentin habe bei einer Seminararbeit erst durch das Studium der Feldpost herausgefunden, dass ihr Großvater während des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront als Bäcker eingesetzt wurde und die Truppen mit frisch gebackenem Brot versorgt hatte.

Doch auch Fotos aus der Nachkriegszeit bergen wichtige Informationen. Ab der Wirtschaftswunderzeit waren zahlreiche Aufnahmen in Familienalben Urlaubsbilder, zunächst aus Italien oder Österreich, später vielleicht aus dem Skiurlaub oder sogar aus Übersee.

Wer Familiengeschichte erzählt, schreibt immer auch Geschichte.
Rolf-Ulrich Kunze, Historiker

Die Kleidung und die Frisuren von Eltern und Großeltern sind für Rolf-Ulrich Kunze ebenso Indikatoren zur Einordnung der Familie in gewisse gesellschaftliche Schichten wie das Auto oder die Einrichtung des Wohnzimmers.

„Wer Familiengeschichte erzählt, schreibt immer auch Geschichte“, betont Rolf-Ulrich Kunze. Deshalb sollten auch Laien ihrem Forscherdrang nachgeben und sich auf Spurensuche begeben. Tipps für Hobby-Historiker hat der Profi zur Genüge auf Lager: Als erstes die Familienfotos sichten und nach Möglichkeit chronologisch ordnen.

Rolf-Ulrich Kunze ist Historiker am Karlsruher Institut für Technologie Foto: KIT

Dabei ergibt sich meistens schon ein anschauliches Bild der eigenen Familiengeschichte. Anschließend Fragen zu unbekannten Personen oder Orten aufschreiben. Die Antworten ergeben sich oft aus alten Briefen oder den Gesprächen mit Eltern und Großeltern.

„Zeitzeugen sind für die Erforschung von Familiengeschichten unheimlich wichtig“, sagt er. Das gelte besonders für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Über die sei in etlichen deutschen Familien lange Zeit zu wenig geredet worden.

Von der Ähnlichkeit alter Fotoalben

In Karlsruhe hat Rolf-Ulrich Kunze gemeinsam mit den Pfarrerinnen Gabriele Hug und Susanne Labsch von der evangelischen Christuskirche bereits mehrere Veranstaltungen zum Thema Familiengeschichte initiiert und dabei schon zahlreiche alte Fotoalben gesichtet: „Es wurden schon wahre Schätze zutage gebracht“, betont er. „Und wer Tausend verschiedene Fotoalben anschaut, ist überrascht, wie ähnlich sie sich eigentlich sind.“

Sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, sei allerdings kein einfaches Unterfangen und bringe selbst erfahrene Historiker teilweise an ihre Grenzen. Das Buch über seine eigene Familie hat Rolf-Ulrich Kunze erst nach dem Tod seiner Eltern geschrieben. „Ich hatte zwar schon alle Quellen recherchiert“, sagt er rückblickend. „Aber so lange sie lebten, war ich zum Schreiben des Buchs emotional schlichtweg nicht in der Lage.“

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