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Premieren nicht ausverkauft

Zögernde Rückkehr nach Corona: Stehen die Theater in der Region vor einem Publikumsschwund?

Droht den Theatern nach der Corona-Krise nun ein Publikumsschwund? Diskutiert wird dies auch in der Region angesichts der zögerlichen Rückkehr des Publikums. Doch diese hat unterschiedliche Gründe.

Auf dem Rückweg ins Theater nach dem Ende der Corona-Einschränkungen sind derzeit noch nicht so viele Besucher wie erhofft. Karten sind daher meist auch noch kurzfristig zu bekommen, etwa für „Stolz und Vorurteil (oder so)„ am Theater Baden-Baden. Foto: Jochen Klenk

Noch nichts vor am Wochenende? Und spontan Interesse, ins Theater zu gehen? Dafür gibt es derzeit viele Optionen – und für fast alle Angebote auch kurzfristig noch Karten. Sogar für die beiden großen Musiktheater-Premieren in der Region an diesem Samstag:

Am Theater Pforzheim wird die Musical-Oper „Martyr“ über den Maler Jörg Rathgeb uraufgeführt, in der Regie von Intendant Thomas Münstermann. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe kommt Richard Strauss’ Oper „Salome“ neu heraus, dirigiert von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch.

„Ausverkauft“ gilt hier aber ebenso wenig wie für fast alle Theaterangebote des Wochenendes. Für die Premiere in Pforzheim waren am Freitag im Online-Verkauf noch knapp 150 von rund 500 Plätzen verfügbar, für jene in Karlsruhe etwa 350 von knapp 1.000. Ein Alarmsignal für „Publikumsschwund“?

Unter diesem Stichwort wird derzeit in der Theaterlandschaft über die Besuchersituation nach Ende der Corona-Einschränkungen diskutiert. Auslöser war ein Beitrag des Regisseurs Christopher Rüping bei Twitter mit dem Stichwort #publikumsschwund kurz vor der Premiere seiner jüngsten Inszenierung am Thalia-Theater Hamburg.

Hierzu hatte er vorab getwittert, es werde voraussichtlich die erste Premiere sein, seit er Theater mache, die nicht ausverkauft sein werde. „Bricht mir das Herz.“ Ausverkauft gewesen waren immerhin die Festivalgastspiele einer anderen Rüping-Produktion: „Das neue Leben“ vom Schauspielhaus Bochum war sowohl beim Heidelberger Stückemarkt wie auch beim Berliner Theatertreffen vor vollem Haus gelaufen.

Zu dem erstmals seit 2019 wieder in Präsenz durchgeführten Stückemarkt hatte das Theater Heidelberg abschließend bilanziert, der Andrang sei sogar größer gewesen als vor Corona.

Zwei Jahre Corona „nicht innerhalb von vier Wochen“ abgehakt

Von einem „Publikumsschwund“ will man an den Bühnen in der Region nicht reden. Vielmehr zeige sich eine Rückkehr des Publikums. Allerdings erfolge diese sehr langsam. Hierfür gebe es unterschiedliche Gründe, die vor allem – aber nicht nur – mit der Pandemie und ihren Nachwirkungen zu tun hätten.

„Man muss bedenken, dass sich die Menschen mehr als zwei Jahre lang an Vorsichtsmaßnahmen und Abstände gewöhnt haben“, sagt Johannes Graf-Hauber, Geschäftsführender Direktor am Badischen Staatstheater. „Das lässt sich nicht innerhalb von vier Wochen zurückdrehen.“

Das Interesse an Präsenzveranstaltungen steige durchaus, aber differenziert. „Bei der Ballettpremiere am vergangenen Sonntag war das Große Haus nahezu ausverkauft“, sagt Graf-Hauber. „So voll war der Saal zuletzt bei den Händel-Festspielen 2019.“

Das Publikum teilt sich derzeit in zwei Gruppen.
Uwe Dürigen, Verwaltungsdirektor Theater Pforzheim

Auch am Theater Pforzheim gibt es Aufführungen, die boomen. „Im Bereich der Unterhaltung und bei Stücken mit hohem emotionalen Gehalt haben wir sehr gute Auslastungszahlen“, sagt Verwaltungsdirektor Uwe Dürigen.

Er beobachtet aber: „Das Publikum teilt sich derzeit in zwei Gruppen: Die eine schätzt den Theaterbesuch als sichere Veranstaltung, dank guter Lüftungsanlage, CO2-Messung und der Bereitschaft vieler Besucher, freiwillig weiter eine Maske zu tragen. Die andere zögert noch.“

Die Freizeitplanung der Menschen hat sich in der Pandemie geändert.
Marie Luise Leibing, Verwaltungsleiterin Theater Baden-Baden

Die Bedenken vorsichtiger Besucher spielen auch beim Theater Baden-Baden eine Rolle. Dort ist am Wochenende die unlängst herausgekommene Komödie „Stolz und Vorurteil (oder so)“ zu sehen. An dem auf Schauspiel fokussierten Theater werden nach wie vor nicht alle Plätze im Verkauf angeboten, sondern nach Abo-Belegung und vorverkauften Karten kleinere Sitzgruppen eingerichtet.

Außerdem sei zu beobachten, dass die Tickets deutlich kurzfristiger gekauft werden als früher, sagt Verwaltungsleiterin Marie Luise Leibing. „Die Freizeitplanung der Menschen hat sich in der Pandemie geändert.“

Ständige Umplanungen als „brutale Belastung“

Uwe Dürigen in Pforzheim bestätigt: „Der ständige Stop-and-Go-Modus hat uns alle aus dem Rhythmus gebracht – auch das Publikum.“ Graf-Hauber in Karlsruhe erinnert sowohl an die Verunsicherung durch wechselnde Obergrenzen und Einlassbestimmungen (3G, 2G+, 2G) als auch an jene durch häufiges Umplanen wegen interner Ausfälle, besonders in der Omikron-Welle.

„Insgesamt hatten wir von September bis Mai schon 116 Spielplanänderungen – fast zehn Mal mehr als üblich“, erklärt Graf-Hauber. „Das ist eine brutale Belastung. Für den Betrieb, aber auch für die Besucher, die vorab Karten buchen.“

Mit diesem Problem ringen die Theater bundesweit. Anlässlich der eingangs erwähnten Premiere am Hamburger Thalia erklärte der dortige Geschäftsführer Tom Till, man habe im April „den Tiefpunkt erlebt“, als Corona „quer durchs gesamte Ensemble rauschte und viele Vorstellungen umbesetzt, geändert oder gar abgesagt werden mussten“.

Mit einer schnellen und reibungslosen Rückkehr zu den Auslastungszahlen vor Corona wird derzeit nicht gerechnet, zumal die Besucherzahlen im anbrechenden Frühsommer ohnehin seit jeher nachlassen. „Unser Hauptgeschäft läuft in der Winterreifensaison“, bringt es Graf-Hauber auf den Punkt.

Enorm viel Konkurrenz auf dem Kulturmarkt

Und last but not least gibt es neben dem frühsommerlichen Wetter und dem geänderten Freizeitverhalten noch einen weiteren Aspekt: Das Kulturprogramm ist in diesen Wochen außergewöhnlich dicht bestückt, da mit dem Wegfall der Corona-Einschränkungen einerseits alle neu geplanten Angebote auch tatsächlich an den Start gehen können, andererseits viele der mehrfach verschobenen Veranstaltungen noch nachgeholt werden.

„Dieser Mai ist bei uns noch voller als der Mai in unserer Rekordsaison 2019“, sagt Johannes Frisch vom Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus, wo sich derzeit fast täglich Jung- und Altstars aus Kabarett, Comedy, Jazz und Pop die Klinke in die Hand geben.

Auch dort sei zu spüren, dass das Publikum gründlich auswähle: „Wer mit einem großen Namen reist, findet auch sein Publikum. Aber die weniger bekannten Acts haben es im Moment deutlich schwerer als früher.“

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