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Neues aus dem Elternleben

Zwischen Idylle und Trash-TV

Familie haben ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite die perfekte Idylle. Auf der anderen Seite kann innerhalb von Sekunden maximale Eskalation eintreten. Ein anschauliches Beispiel zeigt die neueste Ausgabe unserer Kinderkram-Kolumne.

Kinderkram Foto: Dolgachov - Fotolia

Samstagmorgen, 9.30 Uhr. Der Vater, die Vierjährige, der Zweijährige und ich sitzen im Schein der Sonne am reich gedeckten Frühstückstisch. Die Kinder haben bis acht durchgeschlafen und verschlingen gut gelaunt ihre Frischkäsebrötchen. Wir lesen Zeitung, schmieden Urlaubspläne und nippen am selbst gepressten Orangensaft. „Was für eine Bilderbuchfamilie“, denke ich, „genau das ist Glück!“

Dann geschehen innerhalb weniger Sekunden mehrere Dinge: Der Zweijährige nippt an seinem Orangensaft, verzieht das Gesicht, spuckt den Saft aus und knallt das Glas wütend auf den Tisch, wo es gegen seinen Teller kracht und zerbricht. „Bäh!“ schimpft er, während er sich mit der Faust über die Zunge streicht und mit erbostem Blick auf ein Stück Fruchtfleisch zeigt, das es trotz größter Vorsicht in den Saft geschafft hat. Währenddessen bahnt sich der Rest-Saft zwischen Brotkorb und Tellern einen Weg direkt auf das Eiskönigin-Malheft der Vierjährigen zu, das neben ihr am Tischrand liegt. Sie kreischt panisch, doch es ist zu spät: Das Malheft, ihre Hose und die Socken werden mit Orangensaft getränkt. Voller Rage reißt die Vierjährige das Heft in die Höhe, Orangensaft sprenkelt die Wand. Mein Schimpfen wird übertönt vom markerschütternden Schrei des Zweijährigen, der es trotz Hechtsprungs seines Vaters geschafft hat, sich zwei Finger am Glas aufzuschneiden, die er nun in die Höhe hält, während Blut auf seine neueste Hose tropft. Noch bevor einer von uns sie aufhalten kann, springt die Vierjährige vom Stuhl, schubst ihren blutenden Bruder und rennt laut heulend und Orangensaftspuren hinterlassend in ihr Zimmer.

Familie haben ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite die perfekte Idylle. Auf der anderen Seite die totale Eskalation, während der man sich nicht wundern würde, wenn plötzlich ein Trash-TV-Kamerateam um die Ecke käme. Eine halbe Stunde später sitzen wir mit zwei frisch gewaschenen und verpflasterten Kindern auf der Couch und lesen Bilderbücher. Sehr idyllisch. Jedenfalls bis es darum geht, das nächste auszusuchen.

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