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Weniger Kunden, höhere Kosten

Bei einigen Brettener Dienstleistern bleibt trotz Corona der Kundenkontakt nicht aus

Mittlerweile gibt es seitens der Regierung klare Leitlinien, wie in der Corona-Krise die weitere Beschränkung sozialer Kontakte im öffentlichen Bereich einheitlich gehandhabt werden kann. Doch etliche Dienstleister wie Friseure, Optiker und Fußpfleger dürfen weiterhin geöffnet haben - obwohl dort der direkte Kontakt mit den kunden eigentlich nicht ausbleibt.

Nur noch wenige Kunden kommen aktuell zu Optik Leonhardt, wo trotz minimaler Besetzung die sogenannte Notversorgung aufrecht erhalten wird. Unter dem wachsamen Blick von Inhaber Michael Schumacher (Mitte) bekommt Maike Böhm von Mitarbeiter Urs Graseck ihre neue Brille ausgehändigt. Foto: Bindschädel

Neben Tank- und Poststellen, Banken und Apotheken dürfen unter anderem auch Friseure, Optiker, Fußpfleger und Physiotherapeuten weiter öffnen. Die Bundesregierung und die Regierungschefs der Länder haben Leitlinien vereinbart, wie in der Corona-Krise die weitere Beschränkung sozialer Kontakte im öffentlichen Bereich einheitlich gehandhabt werden kann. Allerdings ist das für die Geschäfte nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Schließlich gehört bei diesen Dienstleistern der Kundenkontakt dazu.

„Die Gesundheit aller geht vor“, erklärt Emre Arpaci, dessen Vater Hasan der Inhaber des Brettener Friseursalons Arpaci InStyle Frisuren ist. Aktuell ist das Geschäft in der Friedrichstraße 5 geschlossen. Darauf weist ein Zettel an der Eingangstür hin. Vergangene Woche habe man freitags einen Anruf vom Gesundheitsamt bekommen, so Emre Arpaci. Es liege ein Corona-Verdachtsfall vor, hieß es. Der Salon wurde geschlossen und Angestellte sowie Kunden heimgeschickt. Der Verdacht hat sich bestätigt, deshalb wurden alle zum Zeitpunkt anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Covid-19-Virus getestet. Die Tests sind aber alle negativ, betont Emre Arpaci.

Vorsorglich bis zum 24. März geschlossen

„Wir lassen vorsorglich bis einschließlich Montag zu“, erklärt Inhaber Hasan Arpaci. Er will seinen Salon planmäßig am Dienstag, 24. März, wieder öffnen. Bis dahin haben Familie Arpaci und das Team noch einiges zu tun. Künftig werden noch maximal vier Kunden gleichzeitig im Laden bedient, dazwischen bleibt immer ein Stuhl frei. Zudem wird eine Trennwand als Spritzschutz zwischen den Waschbecken installiert, wobei stets nur ein Becken benutzt wird. Desinfektionsmittel wird im Wartebereich bereit gestellt. „Alle Mitarbeiter werden Handschuhe beim Haare waschen und beim Schneiden tragen, außerdem werden jeden Abend der komplette Salon sowie alle Arbeitsutensilien desinfiziert“, betont Emre Arpaci.

Reduzierte Geschäftszeiten

Noch geöffnet – mit reduzierten Geschäftszeiten – hat Optik Leonhardt, wobei Inhaber Michael Schumacher nicht ausschließt, dass er das Fachgeschäft in der Melanchthonstraße 13 doch demnächst zumacht. „Unser Zulieferer arbeitet noch, wir bekommen noch Material. Aber ich habe auch Verantwortung für meine Mitarbeiter und die Kunden“, betont der Augenoptikermeister. Es dürfen aktuell nur zwei Kunden zugleich in den Laden. Anstelle von sonst acht bis zehn Mitarbeitern arbeiten nur zwei. „So wird die Notversorgung aufrecht erhalten“, sagt Schumacher. Derzeit kommen nur Kunden wie Maike Böhm, um bestellte Brillen abzuholen oder zum Reparatur-Notdienst. Kontaktlinsen-Anpassungen oder Seh-Analysen werden nicht gemacht. „Die Instrumente müssen nach jedem Kunden desinfiziert werden – das ist viel zu aufwendig“, sagt Schumacher.

Immer mehr Absagen von Kunden

Befragte Physiotherapeuten und Fußpfleger verzeichnen ebenfalls Absagen von Kunden in zunehmender Größe, inzwischen bis zu 50 Prozent – oft von älteren Menschen und Vorerkrankten, doch alle haben Verständnis. Am Donnerstag sagten dem Gondelsheimer Fußpfleger Manuel Gonzalez zwei Heime seine Besuche ab. Und während es Fußpflegerin Doris Herzer aus Bretten nach 30 Jahren im Beruf wirtschaftlich „gut geht“ – sie schiebt ein „noch“ hinterher – haben junge Selbstständige jetzt hart zu kämpfen. Gonzalez werde auf Anraten seines Steuerberaters eventuell darauf zurückgreifen, seine Umsatzsteuervorauszahlungen auszusetzen, wie im Hilfspaket der Regierung vorgesehen.

Finanzielle Engpässe drohen

Physiotherapeutin Nina Kohl aus Oberderdingen sieht im Falle einer Ausgangssperre „die nächste Absagewelle auf uns zurollen“ und so finanzielle Engpässe. Sie ist nicht allein. Zum großen Problem wegbrechender Einnahmen kommen höhere Kosten. Kohl musste für die Praxis für 48 Rollen Klopapier im Internet 64 Euro bezahlen, 100 Euro für drei Liter Hände-Desinfektionsgel. Im Handel war alles weg. „Und wir müssen es vorhalten, um geöffnet lassen zu dürfen.“

Kerstin Bischoff, ebenfalls selbstständige Physiotherapeutin, rechnet mit Kurzarbeit ab nächster Woche. Risikopatienten hat sie letzte Woche schon abgesagt. Auch sie stellt – wie Gonzales für Schmerzpatienten mit beispielsweise eingewachsenen Nägeln – einen Notfallplan auf. In zwei Teams, zeitlich getrennt am Vormittag und Nachmittag, werde weiter gearbeitet. Die Teams sollen sich so wenig begegnen wie die Patienten – um den Betrieb zu sichern.

Taktzahl der hygienischen Standards erhöht

Alle bitten sie, niemand möge mit Symptomen in die Praxis kommen, sondern telefonisch absagen. Alle erhöhen die Taktzahl hygienischer Standards. Weder offene Getränke noch Bonbongläser oder Zeitschriften bleiben liegen. Desinfektionsmittel steht parat. Nina Kohl schließt die Toilette. Nur so stelle sie sicher, sie nach jedem Gebrauch korrekt zu desinfizieren. Und manchmal kommen die Heilberufler auch besonderen Wünschen ihrer Patienten entgegen: Bei Kerstin Bischoff darf eine Patientin jetzt durchs Fenster einsteigen.

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