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Arznei

Brettener Apotheker fertigen vieles nach Maß

Von Fitzelchen, Kruken und Kartenblättern - ein Blick ins Apotheker-Labor zeigt, wie Drogen in Tees gelangen oder Cremes und Salben entstehen. Für wen mischt der Pharmazeutiker von nebenan noch eigenhändig Kleinstmengen an?

Sorgfalt und Geduld: Apotheker Gebhard Nagel aus Bretten in seinem Labor an der Fein- oder Analysenwaage. Foto: Tom Rebel

Sachte neigt er das dicke, braune Fläschchen. Das Glycerolum tropft in eine weiße Schüssel. Die Waage verrät, es sind fünf Gramm. Gebhard Nagel füllt „ad 50“ auf, entnimmt hierfür mit dem Spatel aus einer größeren Kruke, einem Töpfchen, 45 Gramm Basiscreme. Der Apotheker stellt eine Handcreme her. Eigene Rezepturen sind nach ärztlicher Verordnung individuell gefertigte Arzneimittel.

Womit das Apothekerdasein begann, hat heute noch Bedeutung für Allergiker, Kinder und überall da, wo Ärzte gängige Wirkstoff-Kombinationen in fertigen Produkten nicht für individuell passend erachten.

Sollen es also einmal nicht genau ein oder zwei Gramm Cortison in der Salbe sein, weil der Mediziner eineinhalb Gramm verschreibt, ist der Apotheker gefragt, erläutert der Inhaber der Markt-Apotheke in Bretten. Allergien gegen Konservierungsstoffe seien recht häufig.

Für Säuglinge füllt das Team um Ariane Maaß in der Hirsch Apotheke beispielsweise häufiger Kapseln ganz individuell.

Desinfektionsmittel stellen Apotheker in Defektur her, Kleinserien

Bundesweit machen diese quasi maßgefertigten Mischungen drei Prozent der Aufträge an Apotheken aus. So ist die Versorgung auch bei Lieferengpässen zu überbrücken, informiert auch Apothekerin Sandra Bauer, auch Filialleiterin der VitalWelt-Apotheke.

Desinfektionsmittel hat der Brettener Apotheker Gebhard Nagel zu Beginn der Corona-Pandemie hergestellt - in Kleinserie, sogenannter Defektur. Foto: Tom Rebel

Das war etwa beim Desinfektionsmittel zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall. Diese würden in Kleinserien bis zu 99 Stück gefertigt. Während die Rezeptur für den einzelnen Menschen gefertigt wird, heißt die Kleinserie Defektur.

„Ab 100 Stück bräuchte man eine Erlaubnis zur pharmazeutischen Herstellung“, sagt Nagel.

Der Kunde wartet nicht gern

Gebhard Nagel fertigt vorwiegend Salben. Hautärzte seien die häufigsten Auftraggeber, sagt er. Da zwei Dermatologen in der Nähe seiner Apotheke ihre Praxen betrieben, machen Cremes und Salben bei ihm den größten Teil aus. Bei der Hirsch-Apotheke und in der VitalWelt werden täglich auch Lotionen, Teemischungen oder auch Säfte zur individuellen Therapie von Hand, oder seltener auch teilautomatisch, gemischt.

Jede Apotheke hält Grund- und Wirkstoffe auf Vorrat, ob Drogen, wie alle getrockneten Pflanzenteile in der Fachsprache heißen oder andere. Drogen in der Umgangssprache nennt der Apotheker Betäubungsmittel. Welche Vorräte er anlegt, erfährt er im engen Kontakten zu Ärzten und Ärztinnen. „Wenn ich Zutaten erst bestellen muss, muss der Kunde warten. Dann nimmt er das Rezept wieder mit.“

Hygiene und geeichtes Gerät: Der Spatel hilft beim Entnehmen kleiner Mengen. Die Schüssel steht auf der Rezeptur-Waage. Rechts unten im Bild klemmt das sogenannte Kartenblatt im Salben-Schlitten, der aus Hygienegründen die Berührung mit Flächen minimiert. Bis vor rund hundert Jahren nutzten Apotheker tatsächlich eine Spielkarte zum MIschen; daher noch der Name. Foto: Tom Rebel

Unangemeldet kommen die Prüfer alle drei Jahre

Gebhard Nagel wendet sich wieder der Schüssel zu, die auf der Rezeptur-Waage steht. Diese misst auf 0,1 Gramm genau bis zu 4.200 Gramm ab, während die Fein- oder Analysenwaage Kleinstmengen bis aufs Milligramm erfasst.

Rühren und zusammenfassen: Jeder kleinste Rest vom Stößel oder dem Schüsselrand muss zweimal zur Mitte gehäufelt und zweimal durch Rühren eingebracht werden. So stellt der Apotheker sicher, dass die Wirkstoffmenge im ganzen Gemisch verteilt wird. Foto: Tom Rebel

Das Eichamt kommt regelmäßig und die Revision des Regierungspräsidiums prüft im Drei-Jahresabstand Gerätschaften, Hygiene und andere Bedingungen der Apotheken. „Unangemeldet, versteht sich“, so Nagel.

Bevor gemischt wird, wird die Rezeptur anhand entsprechender PC-Programme auf Plausibilität geprüft, erläutert Apothekerin Sandra Braun. Passen Wirk- oder Grundstoffe nicht zueinander, halten Apotheker Rücksprache mit dem Verschreibenden, was ausgetauscht werden kann.

Hygiene und geeichtes Gerät: Der Spatel hilft beim Entnehmen kleiner Mengen. Die Schüssel steht auf der Rezeptur-Waage. Rechts unten im Bild klemmt das sogenannte Kartenblatt im Salben-Schlitten, der aus Hygienegründen die Berührung mit Flächen minimiert. Bis vor rund hundert Jahren nutzten Apotheker tatsächlich eine Spielkarte zum MIschen; daher noch der Name. Foto: Tom Rebel

Früher landeten die Farben der Spielkarten in der Mixtur

Gebhard Nagel rührt und häufelt, rührt und häufelt. Fürs zweimalige Zusammenfassen schabt er „kleinste Böbbelchen“ mit dem Kartenblatt vom Stößel und Rand zurück in die Mixtur. Das Kartenblatt war bis vor etwa hundert Jahren, so der historisch bewanderte Apotheker, tatsächlich eine Spielkarte – bis man bemerkte, dass das Rot und Schwarz nicht in die Rezeptur gehörten.

Nagel häufelt „Fitzelchen“ zur Mitte, rührt erneut. „Nur so stellen wir sicher, dass beispielsweise das eine Gramm Wirkstoff auch in jedem der 45 Gramm Creme enthalten ist“, begründet er das zeitintensive Vorgehen.

Inhaber der Markt Apotheke: Gebhard Nagel ist seit 1988 Apotheker, seit 1990 selbständig in Bretten. Foto: Tom Rebel

Manches, wie Bienenwachs, das in Salben Verwendung finden kann, muss zuvor im Wasserbad erwärmt werden. Am Ende füllt er das individuelle Produkt in eine Apo-Norm-Kruke, ein Töpfchen mit beweglichem Boden. So kann die Creme mit Druck auf den Boden nach oben durch eine kleine Öffnung herausgeschoben werden. Das dient dem Luftausschluss und der Hygiene.

Dann etikettiert er es: Markt Apotheke steht zuoberst nebst Adresse, darunter der Name des Patienten und die Anwendungsweise samt Haltbarkeitsdatum und Zusammensetzung. Der Kunde könne es nun abholen.

Markt-Apotheke Bretten geht auf 1632 zurück

Bretten. Soweit belegt, existiert die Marktapotheke in Bretten seit 1632. „Ich nehme an, dass sie nicht mitten im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 gegründet wurde, also eventuell schon früher existierte“, sagt Gebhard Nagel, der einen kleinen Abriss der Historie seiner Apotheke gibt.

„Die Markt-Apotheke war lange als Nr 1 im Handelsregister geführt“, so Nagel. Er schmunzelt. „Wurde ich nach der Nummer gefragt, musste ich nie lange nachsehen.“ Erst die Zentralisierung des Handelsregisters in Mannheim änderte diese Nummer.

Gebhard Nagel betreibt sein Unternehmen in fünfter Generation in Bretten. Er übernahm die Apotheken vom Vater, der sie 34 Jahrelang geführt hatte. Heinrich Gerber war der Vorfahr mütterlicherseits vor diesem. Vor den Gerbers – in der Folge Dr. Heinrich Gerber, Michael Gerber und Hilde Gerber, geborene Marquardt - hatten die Salzers die Apotheke rund 160Jahre lang inne – bis zur ersten zurück.

Gebhard Nagel kennt eine Option, die Apotheke eventuell auch nach ihm in Familienhand zu halten. Aber die ist noch nicht öffentlich. „Und ich bin ja noch ein Weilchen da“, sagt er.

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