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Weitergeben oder nicht?

Brettener Einzelhändler gehen unterschiedlich mit der Mehrwertsteuersenkung um

Neue Preisschilder, geänderte Einträge in der Kasse oder doch lieber alles beim alten lassen? In der Brettener Fußgängerzone sind die Einzelhändler unterschiedlicher Meinung. Die Mehrwertsteuersenkung wird auf verschiedene Arten umgesetzt.

Das Café Nerone musste wegen des Coronavirus für zwei Monate schließen. Die Senkung der Mehrwertsteuer wird deswegen nicht zu einer Preisänderung führen. Inhaber Salvatore Catarraso hat seit zehn Jahren die Preise nicht erhöht, seine Kundschaft reagiert mit Verständnis. Foto: Rebel

„Eine Brezel und eine Ofennudel bitte.“ Kunden die an dieser Stelle bereits geflissentlich 2,10 Euro aus der Geldbörse kramen, werden seit Anfang des Monats überrascht. „Das macht dann 2,07 Euro bitte.“ Immerhin drei Cent gespart. Welche Läden die Preise anpassen ist jedoch oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Die Preisschilder hat der Bäcker nicht geändert. Der Rabatt wird erst an der Kasse abgezogen. Ob die Einzelhändler und Gastronomen die Senkung an den Kunden weitergeben, steht ihnen frei. „Wir haben uns nicht auf einen Weg geeinigt, das soll jeder so machen wie er möchte und kann“, sagt Agathe Pohl von der Interessensgemeinschaft Brettener Innenstadt.

Kunden fehlt der Durchblick

Im Vergleich mit Discountern und großen Ketten, die mit günstigeren Preisen werben, wirkt die Preispolitik der Brettener Einzelhändler so auf manch einen zurückhaltend. Das ist auch BNN-Leser Klaus Wolf aufgefallen. „Der springende Punkt ist doch, dass durch die Preissenkungen die Wirtschaft angekurbelt werden soll“, sagt der Brettener. Wenn dies nicht passiere, würden die Senkungen ihren Zweck verfehlen. Besonders ärgert den Rentner, dass die Preiserhöhung teils klammheimlich stattfinde. Er stellt die Frage: „Mit welcher Begründung wird die Mehrwertsteuer-Ermäßigung nicht an die Kunden weitergegeben?“

In der Metzgerei Bon Appetit sollen die Mitarbeiter von der Mehrwertsteuersenkung profitieren. Foto: Rebel

Tatsächlich haben sich mehrere Ladenbesitzer in der Fußgängerzone dagegen entschieden die Senkung an die Kunden weiterzugeben. Von heimlich kann bei der Metzgerei Bon Appetit nicht die Rede sein. In dem Laden hängt ein großes Schild mit der Aufschrift: „Zwei Prozent für unsere Mitarbeiter.“

Diese arbeiten immer noch in Kurzzeit. Durch die Mehrwertsteuersenkung solle das fehlende Gehalt etwas ausgeglichen werden, sagt der Chef Axel Zickwolf. Er selbst versuche zudem, den Lohn aus eigenen Mitteln aufzustocken. Normalerweise verdiene er 30 Prozent seines Umsatzes mit dem Partyservice, dieser Anteil breche ihm aktuell weg. „Für die Kunden sind es Centbeträge, ich finde es so besser und kann meinen Mitarbeitern Danke sagen“, erklärt Zickwolf. Eigentlich habe er mehr Reaktionen der Kundschaft erwartet, doch bisher seien alle Rückmeldungen positiv gewesen.

Mehr Geld für Mitarbeiter

Wie Zickwolf denkt auch Salvatore Catarraso vom Café Nerone darüber nach, die Einnahmen aus der Mehrwertsteuersenkung an seine Mitarbeiter weiterzugeben. Wegen der Einbußen durch die zweimonatige Schließung könne er das aber erst am Ende des Jahres entscheiden. „Wir haben unsere Preise seit zehn Jahren nicht erhöht“, sagt der Café-Besitzer. Ein Espresso koste schon seit Jahren einen Euro. Jetzt mit Centbeträgen anzufangen sei ein zu großer Aufwand.

Im Modehaus Martin gibt es aktuell Prozente, die hätten allerdings nichts mit der Mehrwertsteuersenkung zu tun. Inhaber Andreas Drabek sagt, zu dieser Jahreszeit habe der Laden immer Rabattaktionen. „Die paar Prozent extra sind da nicht kaufentscheident“, vermutet er. Auch sein Geschäft habe durch Corona Verluste gehabt, die er bis Ende des Jahres nicht aufholen könne.

Viel Verständnis für Händler

Mit einer Begründung, so BNN-Leser Wolf, habe er mehr Verständnis für die Händler. Andere Brettener schließen sich ihm an. Silke Reiz betont: „Ich schaue nicht auf die Preise, ich kaufe immer die gleichen Produkte.“ Die Oberderdingerin findet, die paar Cent fallen nicht ins Gewicht. Händler die Preise angepasst haben, machten ähnliche Erfahrungen. Sowohl Vallon Optik, als auch die Bäckereien Leonhardt und Gerweck geben die Senkungen an den Kunden weiter. Die Prozente werden an der Kasse abgezogen. Die Mitarbeiterinnen der Bäckerei Leonhardt wurden noch nicht oft den Preisnachlass angesprochen. „Es scheint kein großes Thema bei den Menschen zu sein.“, sagt eine Verkäuferin.

Das merken auch die Angestellten beim Bäcker Gerweck. Oft würden Leute die zusätzlichen Münzen als Trinkgeld dalassen. Die drei Cent, die ein Kunde bei Brezel und Ofennudel kann sind bei den Kassieren zunächst ein organisatorisches Problem. Den Verkäufern fehlt das Kleingeld in der Kasse und sie müssen öfter zur Bank.

Großzügige Kunden

Rita Tartaglia von Eis Capri erlebt die Menschen aktuell großzügig. Bei ihr kostet die Kugel weiterhin 1,10 Euro. Sie benutze so hochwertige Zutaten, dass der Preis grundsätzlich höher sein könnte. Bisher habe niemand den Rabatt gefordert. Im Gegensatz: „Die Leute geben teils mehrere Euro Trinkgeld.“ Vermutlich würden sich die Menschen in der aktuellen Zeit einfach mehr freuen, dass sie wieder Eisessen gehen können.



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