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„Wir gehen mit ... unter“

Brettener Einzelhändler machen mit Protestaktion in Pink auf Existenznöte wegen Corona-Lockdown aufmerksam

Unverständnis, Ärger und Angst ist die Gemengelage, die Brettener Einzelhändler auf die Straße treibt. Vor allem fordern sie schnelle und unbürokratische Hilfen, um die Zeit des Lockdowns zu überstehen.

Mediale Inszenierung: Wolfgang Drabek, der Initiator der Aktion in Pink der Brettener Einzelhändler, dokumentiert wie viele andere Geschäftsleute den Protest der Einzelhändler, um ihn ins Netz hochzuladen. Foto: Tom Rebel

Es brodelt beim Brettener Einzelhandel. Es ist eine Mischung aus Unverständnis, Ärger und Angst. Unverständnis über widersprüchliche Regelungen, Ärger über ausbleibende Unterstützungsgelder und Angst, diese Pandemie als Geschäft nicht zu überleben.

Ihren Protest haben die Geschäftsleute und ihre Mitarbeitenden gebündelt und mit der Farbe Pink versehen. Überall in der Brettener Fußgängerzone hängen pinke Plakate in den Schaufenster, vor vielen Geschäften prangen sie als Aufsteller. Und manche Geschäftsleute haben sich sogar als wandelnde Plakatständer vor ihre Läden begeben.

„Wir gehen mit .....“ steht darauf in dicken Buchstaben zu lesen und kleingedruckt darunter das Wörtchen „unter“. Mit diesem Slogan wollen die Geschäftstreibenden dokumentieren, dass sie grundsätzlich mitmachen bei allen Anforderungen, die der Bekämpfung der Corona-Pandemie dienen. Doch mittlerweile geht auch die Angst vor Geschäftsschließungen um, wenn die versprochenen Hilfen für die Unternehmen nicht sofort fließen.

Unterstützung bislang ausgeblieben

„Seit dem 15. Dezember ist unser Laden geschlossen, doch wir haben bislang weder die zugesagte Unterstützung, noch das Kurzarbeitergeld bekommen, das wir für unsere Mitarbeiterin beantragt haben“, sagt Diana Raudiene, die ihre Nähstube seit zehn Jahren betreibt. Das Konto sei leer, die Lage existenzbedrohend.

„Wir möchten gerne wieder arbeiten“, bekundet der Brettener Vincenzo Cagliardi, der in Ölbronn-Dürrn das Restaurant Calabria betreibt. Viele Leute dächten, dass die Wirte mit den Novemberhilfen einen Riesenreibach machen, sagt er. Doch im November habe er gerade mal 3.500 Euro als Abschlagszahlung bekommen, davon seien gleich mal 2.500 Euro für die Pacht draufgegangen.

Von den weiteren Ausgaben ganz zu schweigen. Am schlimmsten sei das Gefühl, dass die Stadt das überhaupt nicht interessiere. „Wir fühlen uns richtig verlassen von allen“, bringt der Restaurantbesitzer seine Stimmungslage auf den Punkt.

Angst um den Arbeitsplatz

Die Sorge um die Zukunft ihres Geschäfts sitzt auch Ivonne Nüssle im Nacken. Das Frühjahrsgeschäft 2020 sei schon ausgefallen, dann das Weihnachtsgeschäft - das wichtigste im ganzen Jahr, und auch für das Frühjahr sei kein Land in Sicht, sagt die Inhaberin des Geschäfts für Wohnaccessoires, die Ungewissheit zehre an den Nerven. „Ich habe Angst um meinen Arbeitsplatz“, sagt Sigrun Martin, die seit fast dreieinhalb Jahren bei Nüssle arbeitet.

Kaum ein Geschäft in der Innenstadt, das sich an dieser Kundgebung nicht beteiligt. Schmuckläden, Parfümerien, Optiker, Modeläden, Restaurants, Handy-Reparatur und Mobilfunk: Wohin das Auge blickt, stechen pinke Plakate ins Auge. Mit Regenschirmen bestückt stehen Mitarbeiterinnen und Geschäftsinhaber auf der Straße. „Das Wetter passt zur Stimmung“, sagt Marion Klemm.

Die Vorsitzende der Vereinigung Brettener Unternehmer (VBU) freut sich, dass so viele mit dabei sind, um auf die missliche Lage der Geschäfte aufmerksam zu machen. „Die Corona-Bestimmungen der Politik im Blick auf den Einzelhandel sind absolut nicht nachvollziehbar“, sagt Klemm. Trotz guter Hygienekonzepte seien die kleinen Geschäfte geschlossen, Flugzeuge hingegen und Supermärkte voll.

Situation wird langsam kritisch

„Es geht uns beschissen“, sagt Giovanni Procopio vom Cafe Primo. Seit 2. November sei das Cafe geschlossen. Die Politik habe versprochen, 70 Prozent des ausgefallenen Umsatzes zu erstatten. Bislang sei aber nur ein Bruchteil davon angekommen, während die Kosten davonliefen. Drei Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, auch da sei noch kein Geld eingetroffen. „Die Situation wird langsam kritisch, die Reserven gehen zu Ende“, bekundet er.

So langsam ginge die Geduld aus, Existenzangst mache sich breit, beschreibt Katja Seebach die Stimmungslage. Auch bei ihr herrscht das bedrückende Gefühl vor, von der Stadt alleine gelassen zu werden. „Seit Jahren suchen wir das Gespräch, doch die Stadt hört nicht zu, es gibt keinen Dialog“, moniert die Inhaberin des Fachlädle in der Weißhofer Galerie. Sie befürchtet ein Geschäftssterben, wenn sich an der Situation nicht grundlegend etwas ändert.

Großbaustelle befürchtet

Andreas Drabek vom Modehaus Martin, der die Aktion angestoßen hatte, ist sehr zufrieden mit der großen Resonanz der Brettener Geschäftsleute. Seine Forderung ist klar: einfache, schnelle und am besten pauschalierte Soforthilfen für den Einzelhandel. „Ein zweites Thema, das uns Einzelhändlern in Bretten große Sorgen bereitet, ist die Befürchtung, dass die Stadt im Sommer zur Großbaustelle wird“, erklärt Drabek.

Und wenn dann die Baustellen der Sparkasse, der Sporgasse, von St. Laurentius und am MGB unkoordiniert hereinbrächen, dann wäre die Lage für den Einzelhandel katastrophal.

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