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Schüler erinnern an Deportation der Brettener Juden

Brettener Schüler erinnern mit Aktion auf dem Marktplatz an die Verschleppung der Juden

18 alte Koffer jeweils mit einem Namen, einem Foto und dem Alter der Person versehen: In einer eindrücklichen Aktion erinnern Schüler auf dem Marktplatz an die Deportation der Brettener Juden vor 80 Jahren.

Eindrückliche Szene: Mit einer nachdenklich stimmenden Aktion erinnern Schüler des Brettener Melanchthon-Gymnasiums an die Verschleppung der Brettener Juden vor 80 Jahren. Foto: Hansjörg Ebert

Da stehen sie, 18 an der Zahl: alte Koffer in grün und braun, grau oder meliert. Darauf ein Bild, ein Name und das Alter. Jeder Koffer ein Schicksal. Albert Erlebacher, der jüngste, fünf Jahre alt. Meta Schmulewitz, 22 Jahre alt, eine Schülerin des Melanchthon-Gymnasiums. Jakob Veis, 48 Jahre alt. Er hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und durch Giftgas sein Augenlicht verloren. Und der Großhändler Gustav Erlebacher, mit 75 Jahren der älteste der jüdischen Mitbürger, die am 22. Oktober - genau vor 80 Jahren - von Bretten aus ins Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert wurden. Nur fünf von ihnen überlebten.

Kirchenglocken und Geigenklänge

Eindrücklich haben die Schülerinnen und Schüler des Geschichte-Leistungskurses am Melanchthon-Gymnasium Bretten (MGB) die Kofferparade vor dem Alten Rathaus in Szene gesetzt. Just an dem Ort, wo vor 80 Jahren die Lastwagen standen, in die die Brettener Juden zum Abtransport hineingepfercht wurden. Um 14 Uhr läuten die Kirchenglocken. Das Trio „Dreiklang“ mit Annika Weiß und Clara Müller an der Geige und Mona Kempf an der Bratsche stimmt das Publikum einfühlsam mit melancholischen jiddischen Klängen auf die Gedenkstunde ein. Rund 70 Zuhörer haben sich auf dem Marktplatz versammelt, alle mit Masken und dem gebotenen Abstand.

Jeder Name ein Schicksal

18 Schüler verlesen die Namen der Opfer und ihr Schicksal: Isak Wertheimer, 73 Jahre, Melanchthonstraße 70, stirbt aufgrund von Unterernährung und Schwäche 1941 in Gurs, wo sein Grab aufzufinden ist. Regine Wertheimer, 48 Jahre, Pforzheimer Straße 31, gelingt trotz Kinderlähmung die Flucht aus Gurs. Lina Federer, 59 Jahre, Promenadenweg 15. Sie war Synagogendienerin und rief kurz vor ihrer Deportation: „Hilft mir denn niemand?“ Sie wird 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Drei Beispiele von vielen, die alle erleben mussten, dass keiner half.

„Dieser Tag darf nicht vergessen werden, dass es unsere Aufgabe ist, daran zu erinnern, was damals in Bretten vor aller Augen geschah“, bekundet Ogulcan Bozkurt, ein Sprecher der Schülergruppe, vor der Verlesung der Namen. Sichtlich berührt äußert sich Brettens Oberbürgermeister Martin Wolff: „Diese Schicksale von Menschen, die in dieser Stadt gelebt und gearbeitet haben und dann wie Vieh abtransportiert wurden, sind erschütternd.“

Antisemitismus wächst

Dirk Lundberg, der den Geschichtskurs betreut, verweist auf eine aktuelle Äußerung des Verfassungsschutzpräsidenten, der einen steil ansteigenden Antisemitismus in Deutschland ausmacht. Vor zehn Jahre habe man sich das nicht vorstellen können. „Doch mir macht es Mut, dass sich junge Erwachsene mit viel Empathie für eine Gedenkkultur einsetzen“, sagt der Geschichtslehrer.

„Die Deportation der Juden durch die Nationalsozialisten war schon eine schlimme Sache, aber zu erfahren, dass dies hier in meiner Heimatstadt direkt vor der Haustür erfolgt ist, das geht schon unter die Haut“, sagt Tim Klockner, einer der Schüler des MGB-Geschichtskurses. Ihn hat das Schicksal des fünfjährigen Albert Veis besonders bewegt, der überlebte, weil seine Eltern ihn in sichere Hände übergaben. Sie selbst starben in Auschwitz.

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