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Bretten

Brettener Secondhand-Kaufhaus W54 übersteht die Coronakrise bislang gut

Das kleine Schwarze oder Geschirr von Rosenthal: Im Secondhand-Kaufhaus W54 in Bretten finden sich auch mal Filetstückchen zum niedrigen Preis. Neben Kleidern, Büchern oder Spielzeug locken viele andere Secondhand-Waren Käufer aller Schichten an - auch aus ökologischen Gründen.

Das Secondhand-Kaufhaus W54 in Bretten kam mit Kurzarbeit und treuen Kunden bislang gut durch die Krise. Foto: Irmeli Thienes

Kundin Ursula Krapfl findet im W54 neben „der guten Auswahl“ auch Ansprechpartner. Sie kommt seit rund acht Jahren in das Brettener Kaufhaus für jeden, wie Elke Leuchtenberger die Einrichtung nennt. Die Leiterin des Geschäfts sagt: „Hier kaufen auch Anwälte ein.“ Sie ist froh, dass die Kunden wieder vermehrt kommen.

Das Brettener Secondhand-Kaufhaus W54 wird als gewerblicher Betrieb in Trägerschaft des Roten Kreuzes und des Diakonischen Werks im Landkreis Karlsruhe geführt. Er muss sich durch seine Einkünfte selbst tragen. Das wüssten die Wenigsten und das sei wichtig, sagt Leuchtenberger nicht ohne Stolz.

Die Türen schlossen sich auch für das W54 am 19. März wegen der Corona-Pandemie. Um den Schaden zu minimieren wurden die Mitarbeitenden in Kurzarbeit geschickt. Geöffnet ist seit 27. April wieder. „Die Umsätze sind fast wieder auf dem Niveau wie zuvor, aber an guten Tagen kamen vorher an die 130 Leute, jetzt sind es maximal mal 100.“

Und ja, sagt die quirrlige Projektleiterin, es kämen derzeit schon einige Menschen, die sie noch nie gesehen habe. Aber die stellten sich ja nicht vor und erzählten gleich ihre Lebensgeschichte, und viele Familien seien dabei.

Inliner, Spielzeug und alles für die Freizeit verkaufen wir derzeit enorm gut.
Elke Leuchtenberger, Leiterin des W54 in Bretten

Enorm verkaufe sie derzeit Inliner, Spiele, Spielzeug, wie hochwertiges von Haba für die Kleinsten, Spielgeräte, DVDs und CDs sowie Sportkleidung. Auf den 500 Quadratmetern inklusive Lagerfläche finden sich zudem Haushaltswaren, wie Geschirr mit hübschem Ranken-Dekor von Seltmann-Weiden oder ein Rosenthal-Service.

Der „Bücherstube“ sieht man an, dass hier die Lese-Närrin Leuchtenberger selbst ihr liebstes Metier pflegt. Der Name klingt indessen etwas niedlich, betrachtet man die raumhohen Regale. Darin finden sich Sachbücher, Historisches oder Ratgeber sowie Romane für jeden Geschmack alles fein nach Genre sortiert.

Elke Leuchtenberger sieht nach dem Rechten. Die Chefin des W54 in Bretten nennt sich lieber Projektleiterin. Foto: Irmeli Thienes

„Ein Herr brachte Bücher und fragte kritisch, ob er sie überhaupt loswird, heute lese ja niemand mehr“, erzählt die Chefin. „Ja, dem habe ich was erzählt“, sagt sie lachend. Dann habe er so viele Bücher mitgenommen wie er gebracht hatte. Elke Leuchtenberger hat viele Anekdoten auf Lager. So sei einmal Flippers-Mitglied Olaf Malolepski hereingeschneit.

„Manche fragen nach Autogrammen und ich darf mit ihm plaudern.“ Sie strahlt noch in Erinnerung an das Treffen des Magdeburgers mit der Magdeburgerin.

Wir sind überzeugte Secondhand-Käufer
Yvonne Aichert, W54-Kundin

Yvonne und Justin Aichert, Mutter und Sohn, sind derweil fündig geworden. Sie möchten sich für eine Hochzeit schick machen. „Ein Jackett für meinen Sohn, ein Hemd für meinen Mann und ein Kleid für mich. Alles gefunden“, die Mutter zeigt auf den Korb am Arm ihres Filius. „Wir sind überzeugte Seconhand-Käufer“, sagt sie. Der Jugendliche nickt. „Ich kenne schon ein paar in meinem Alter, die hier auch einkaufen“, so Justin.

Die Familie gehe auch auf Flohmärkte, klinkt sich Mutter Yvonne wieder ein. „Wir mögen lieber individuelle Dinge, weniger das von der Stange. Und man kriegt hier auch Markenartikel für einen guten Preis.“ Das sei andere Qualität als bei manchem Discounter. Der ökologische Aspekt spiele zwar nicht an erster Stelle, aber auch eine Rolle beim Secondhand-Kauf.

„Wir hatten schon Situationen, in denen es im Geldbeutel nicht so rosig gut aussah, und wenn manche Jugendliche bald jede Woche neue Klamotten kaufen, finde ich das nicht gut.“

Immer alles tip-top

Leuchtenberger führt durch die Räume, grüßt ihre Stellvertreterin Branka Zink. Dann geht es ins Lager. Hier stapeln sich die Spenden. Im Sommer kommen Wintersachen an, werden aussortiert oder gewaschen. „Hier gibt es keine Lumpen”, sagt die Chefin streng. „Wer möchte denn mit befleckten Kleidern herumlaufen?” Das sei auch eine Frage der Würde.

Sie gelangen ab August in den Verkauf. Bufti Sandra, eine Bundesfreiwilligendienst-Leistende, trägt stapelweise Bücher vorbei. Lächelnd kassiert sie das Lob ihrer Chefin: „Sie denkt mit. Solche wie unsere Sandra findet man nicht leicht”, so Leuchtenberger.

Branka Zink räumt wieder Spiele ein. Die stellvertretende Leiterin des Secondhand-Kaufhauses in Bretten freut sich, dass alles für die Freizeitgestaltung sich derzeit gut verkauft. Foto: Irmeli Thienes

„Hier ist immer alles tipp-top“, sagt Kundin Ursula Krapfl. Sie hat in Berlin gelebt und lange in Heidelberg und kennt Secondhand-Läden. Und dieser müsse sich nicht verstecken. Wenn sie Zeit hat, stöbert sie gerne unter der Reiseführern. Sie freut sie sehr über neue Kleider, fand aber auch schon eine Lampe. Eine 47-jährige Brettenerin holt oft Kleider für ihre Tochter. „Ich bin schon lange Kundin und bin schon immer in den ehemaligen Laden gegenüber der Hirschapotheke gegangen“, sagt sie.

Von der Spendenrolle überollt

„Die Spendenwelle zu Beginn der Pandemie hat uns echt überrollt“, sagt Leuchtenberger. Das DRK Bretten habe spontan einen Raum zur Verfügung gestellt, um alles unterzubringen. Die Menschen saßen wohl zuhause fest und beschäftigten sich mit Ausmisten, erklärt sie sich die Autoschlangen vor dem Geschäft. Auch Leingartener und andere aus dem Heilbronner Raum seien gekommen.

Die Parksituation sei das einzige weniger günstige am W54. Sonst könne sie nicht klagen. Die Miete in solcher Größenordnung würde sonst sicher anders zu Buche schlagen, lobt sie den Vermieter im Haus, Schreinerei-Möbelhaus Schnorr.

Die Soforthilfe für in Not geratene Menschen gehört auch zum Angebot des W54. Nach Bränden beispielsweise, wenn Menschen alles verloren haben. „Sie müssen dann auch nichts zahlen”, erläutert Elke Leuchtenberger. Fahrten übernimmt für das Kaufhaus ein roter VW-Bulli. Er ist „die ganze Flotte“.

„Der ist in die Jahre gekommen, aber er fährt uns noch über Stock und Stein.“ Es läuft also ziemlich gut gerade. „Aber ich glaube, nein, befürchte, die Entlassungswelle kommt erst noch. Wir werden uns alle vielleicht noch warm anziehen müssen”, sagt Leuchtenberger und zupft einen Anorak am Ständer im Lager zurecht.

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