Skip to main content

Eine Frau, die ihr Handwerk versteht

Brettenerin renoviert ein über 200 Jahre altes Haus in Eigenarbeit

„Kann ich nicht, gibt es nicht!” sagt Antje Bohnstedt. Die 45-Jährige renoviert in Eigenarbeit ein Uralthaus in Sprantal. Dabei ist sie nicht mal gelernte Handwerkerin, sondern Grafikdesignerin.  

Vorher - nachher: Stolz zeigt Antje Bohnstedt die Mappe, in der sie die aufwändige Renovierung ihres „Uralthauses” sorgfältig dokumentiert hat. Foto: Tom Rebel

Mit der Schlagbohrmaschine kann sie genauso gut umgehen wie mit dem Akkuschrauber und dem Bodenschleifgerät, den Betonmischer beherrscht sie mit links, und auch die kleine Transportraupe steuert sie zielsicher zur Abfallmulde. „Wenn ich eines gelernt habe, dann: Kann ich nicht, gibt es nicht!” sagt Antje Bohnstedt.

Die 45-jährige gelernte Grafikdesignerin muss es wissen. Seit dreieinhalb Jahren renoviert sie ein gut 200 Jahre altes Bauernhaus in Sprantal und hat dabei das Allermeiste selbst gemacht - ohne handwerkliche Vorkenntnisse. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Illustratorin für Kinderbücher. Daneben unterhält sie eine Töpferwerkstatt und gibt Kurse. Sie malt, sie schnitzt, sie drechselt und sie schreibt Bücher. Neuerdings lernt sie Klarinette - diese Frau ist ein Ausbund an Kreativität.

Vorher: Maroder Zwischentrakt mit offenem Gebälk Foto: Bohnstedt

Haus 2016 gegen alle Ratschläge gekauft

Seit elf Jahren lebt sie mit ihrer Familie Am Bromberg in Sprantal. Die zwei jüngeren Kinder sind noch im Haus, die beiden älteren bereits ausgezogen. Ihr Mann arbeitet in Oberderdingen. Das Nachbarhaus talabwärts hatte es ihr angetan. 2016 hat sie das ziemlich marode Gemäuer gekauft, obgleich alle Freunde sowie der Architekt in der Familie heftigst abrieten.

Doch Antje Bohnstedt hatte einen Traum: Ein Haus für Kunst und Begegnungen wollte sie schaffen, einen Ort mit offener Werkstatt, in der jeder, der seiner Kreativität freien Lauf lassen möchte, kommen und gehen kann. Ein gemütlicher Treff mit Sofas und einem großen Tisch, ein Ort, um insbesondere Frauen zu ermutigen, Neues zu wagen.

Mich kann man mit Werkzeug glücklich machen
Antje Bohnstedt

Gegen das Rollenklischee: „Alles Kopfsache”

Denn dieses ungläubige Staunen, diese Skepsis und diese Rollenklischees, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird, wenn sie von ihrem Hausprojekt spricht, gehen ihr auf den Senkel: Den Satz „Dass du dich als Frau das traust, das könnte ich nie”, kann sie nicht mehr hören. Denn die Blockaden sitzen ihrer Meinung nach meist nur im Kopf. Frauen könnten mit ein wenig Übung genauso gut den Keller betonieren, Wände verputzen, Fenster einbauen, Böden abschleifen oder Gauben verkleiden wie Männer, sagt Antje Bohnstedt. Den Beweis dafür hat sie inzwischen geliefert. Ihr „Projekt Uralthaus” ist fast fertig.

Manchen Männern ist das suspekt. Manchen Frauen auch. Doch in die „Brunhilde-Schublade” will sie sich nicht stecken lassen. „Ich gehe auch gerne im Abendkleid ins Theater oder in ein Konzert”, wehrt sie sich gegen verkürzte Rollenbilder. Dabei wollte sie schon als Kind ein Baumhaus bauen. „Ich habe Hummeln im Hintern und manchmal Energie für drei”, sagt sie über sich. Dazu eine Anpack-Mentalität und keine Angst vor Herausforderungen. Und die waren bei ihrem Traumhaus-Projekt nicht klein, das über kaum eine gerade Wand und echte rechte Winkel verfügte.

Gehämmert, geschraubt, gefliest und tapeziert

Drei Gebäude bilden das verschachtelte Ensemble: das alte Wohnhaus, in dem die Vorbesitzerin bis ins hohe Alter gelebt hat, eine luftige Scheune und als Verbindungselement ein Tabakschopf. Dazu eine Plumpsklo mit einer Sickergrube. Das Haus war feucht, der Lehmkeller voller Schimmel, der Hang hinterm Haus abgerutscht. Den musste Antje Bohnstedt erst einmal mit einer Natursteinmauer abfangen.

Handwerkliche Vorerfahrungen hatte ich keine
Antje Bohnstedt

Vorher galt es, Felsen mit der Hilti klein zu hämmern und dann fünf Kubikmeter Steine und Erde mit Eimer, Schaufel und der Transportraupe wegzuschaffen. Im Haus musste der alte Putz abgeklopft und neuer aufgebracht werden. Fenster und Fensterläden hat sie restauriert, dabei gesägt und geschliffen, geschraubt und gefliest sowie tapeziert und gestrichen. Mittlerweile erstrahlt das Haus in vielen schönen Farben im Vintage-Look.

Selbst ist die Frau: Auch vor schweren Maschinen schreckt Antje Bohnstedt nicht zurück. Die meisten Arbeiten hat sie ganz alleine bewältigt. Foto: Bohnstedt

Ehemann war nicht für das Renovierungsprojekt zu gewinnen

„Handwerkliche Vorerfahrungen hatte ich keine”, sagt die Bauherrin, die allerdings mit dem Zimmermann und Restaurator Bernd Mattis immer einen fachkundigen Berater und Helfer für die diffizilen Fälle an der Seite hatte. Und im Einzelfall musste auch schon mal ein YouTube-Video als herhalten. Nur die Dachdeckerarbeiten, Heizung, Elektro und Sanitär hat sie vergeben. Alles andere hat sie in Eigenregie angepackt - ohne Ehemann.

Der hatte sogleich signalisiert „Kannst Du gerne machen, aber ohne mich!” Dem agilen Multitalent war das nur recht: „So konnte ich alles genau so machen, wie ich das wollte”, berichtet Antje Bohnstedt. Unterstützung kam auf andere Weise: Zu Weihnachten hat ihr Mann ihr eine Kettensäge geschenkt, und zum Nikolaus ein Brecheisen-Set. „Mich kann man mit Werkzeug glücklich machen”, sagt sie und lacht. Ein Glück auch, dass das Haus nicht unter Denkmalschutz stand.

Vom maroden Gemäuer zum schmucken Landhaus

Was die Handwerkskünstlerin in den vergangenen Jahren geleistet hat, kann man erahnen, wenn man die „Vorher-Nachher-Bilder” ihrer Dokumentation des „Uralthausprojekts” betrachtet. Aus einem maroden Gemäuer ist ein schmuckes Wohngebäude im Landhausstil mit gemütlicher Wohnküche, schönen Bädern, zwei Atelierräumen und einer Ferienwohnung geworden - in warmen Farben mit viel Holz und geschmackvoller Deko. Das Beste für die quirlige Heimwerkerin: Es gibt noch viel zu tun: Das Giebelzimmer im Tabakschopf wartet noch auf den Endausbau und dann soll mitten im Hang hinter dem Haus noch eine Sitzterrasse entstehen.

Nachher: In schmucken Farben präsentiert sich der neue Zwischentrakt. Foto: Bohnstedt

nach oben Zurück zum Seitenanfang