Skip to main content

Vor der Faustball-WM

Ex-Bundestrainer Muckenfuß aus Bretten: Ein Leben für den Faustball

Harald Muckenfuß aus Bretten coacht seit mehr als dreißig Jahren die Jugend-Faustballer des TV Bretten. Dass aus ihm ein Fußballer wird, wusste sein Vater zu verhindern.

Auch mit lädierter Schulter steht Harald Muckenfuß als Trainer der Jugendmannschaften auf dem Faustball-Feld.
Auch mit lädierter Schulter steht Harald Muckenfuß als Trainer der Jugendmannschaften auf dem Faustball-Feld. Foto: Simone Kochanek

Passt ein ganzes Sportlerleben in ein Arbeitszimmer? Wer das Büro von Harald Muckenfuß betritt, gewinnt den Eindruck. Es liegt im Erdgeschoss eines Einfamilienhauses im Brettener Stadtteil Rinklingen. Die Regale sind vollgestopft mit Pokalen und Medaillen, die Pinnwand über dem Schreibtisch übersät mit Zeitungsschnipseln und alten Fotos.

Darauf zu sehen: Muckenfuß als Faustball-Nationaltrainer bei den World Games in Finnland 1997, als Europameister 1998, bei Weltmeisterschaften in Argentinien und Brasilien. Es sind Erinnerungsstücke aus mehreren Jahrzehnten Faustball-Karriere. Zu jedem kann der 72-Jährige eine Geschichte erzählen.

Muckenfuß lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. Flipflops, kurze Sporthose, Tanktop. Der rechte Arm steckt nach einer Schulter-Operation in einer Schlinge. Er deutet auf einen Pokal in der Mitte des Wandregals, an dem ein geflochtenes Zöpfchen klebt. „Der ist von meiner ersten deutschen Meisterschaft mit den U14-Mädels.“

Harald Muckenfuß sitzt in seinem Arbeitszimmer auf dem Bürostuhl.
In seinem Arbeitszimmer hat Harald Muckenfuß Erinnerungsstücke aus mehreren Jahrzehnten Faustball-Karriere gesammelt. Foto: Marie Orphal

1995 war das, Muckenfuß trug Vokuhila. Auf der Meisterfeier schnitten die Mädchen ihrem Trainer den Zopf ab. Heute, knapp 30 Jahre später, trägt der pensionierte Sportlehrer das mittlerweile ergraute Haupthaar raspelkurz. Die Spielerinnen von damals sind längst erwachsen. Und Muckenfuß noch immer als Faustball-Trainer in Bretten aktiv.

Über den Vater kommt Muckenfuß zum Faustball

Sein Weg in den Faustball ist quasi vorgezeichnet. Der Vater leitet die Faustball-Abteilung des TV Bretten. Schon als Sechsjähriger kommt der kleine Harald mit dem Ballsport in Kontakt. Mit zehn fängt er in der Jugend des TVB an, gewinnt ein Jahr später die badische U18-Meisterschaft. „Da stand ich aber nur vorne drin und habe nicht viel gemacht.“

Mein Vater hat gesagt, Fußball ist ein Proletensport.
Harald Muckenfuß
Faustball-Funktionär

Auch die Fußballer hätten ihn gerne in der Mannschaft gehabt, sagt Muckenfuß. „Aber mein Vater hat gesagt, Fußball ist ein Proletensport.“ Stattdessen fängt er mit Handball an.

Beim Handball lässt Muckenfuß die Aggressionen heraus

Faustball sei „der fairste Sport der Welt“, sagt Muckenfuß. Beim Handball habe er seine Aggressionen herausgelassen. „Da sind wir nach Lokalderbys durch die Hintertür raus, aus Angst, verschlagen zu werden.“

Mit Anfang 20 geht er zum Sportstudium nach Köln. „Da dachte ich, ich habe mit Faustball nichts mehr am Hut.“ Bis er in seiner neuen Wahlheimat Faustball-Felder entdeckt. Wenig später spielt er Bundesliga beim Kölner Club Germania Müngersdorf. Zehn Jahre verbringt er im Rheinland, arbeitet dort nach dem Studium als Sportlehrer.

Dann zieht es ihn zurück nach Bretten, ans Melanchthon-Gymnasium. Und zum TV Schluttenbach in Ettlingen. Sechs Jahre spielt er dort, dann wird er Jugend- und später Abteilungsleiter bei seinem Heimatverein.

TV Bretten wird zur Faustball-Hochburg

Mit ihm mausert sich der Club zu einer der Hochburgen im badischen Faustball. Neun deutsche Meistertitel in der Jugend gehen nach Bretten. Die Frauen spielen 14 Jahre lang Bundesliga, die Männer vier Jahre. Einige von Muckenfuß’ Schützlingen schaffen den Sprung in die Nationalmannschaft.

Auch er selbst: Von 1987 bis 1995 trainiert er die deutsche U21-Auswahl, übernimmt dann für vier Jahre die Männer als Bundestrainer. Zweimal gewinnt er die Europameisterschaft, einmal die World Games. Nur der WM-Titel bleibt ihm verwehrt.

1999 vergibt seine Mannschaft im Finale gegen Brasilien drei Matchbälle, verliert am Ende knapp mit 2:3. „Das war einer der bittersten Momente meiner Karriere.“

Es ist sein letztes großes Turnier als Bundestrainer. 2011 wird er Vizepräsident für Leistungssport der Deutschen Faustball-Liga, reist als Delegationsleiter der Nationalteams um die Welt. Voriges Jahr hat er sein Amt niedergelegt.

Muckenfuß hofft auf Aufschwung durch Faustball-WM

Bei der Heim-WM in Mannheim vom 22. bis zum 29. Juli will er trotzdem jedes Spiel als Ehrengast auf der Tribüne verfolgen. „Ich hoffe, dass der Sport durch die WM einen Aufschwung erlebt.“

Im Arbeitszimmer in Rinklingen klopft es jetzt an der Tür. Muckenfuß’ Frau Antje mahnt zur Eile, das Training geht gleich los. Weil ihr Mann nach seiner Schulter-OP gehandicapt ist, fährt sie ihn zum Platz. Er coacht die U12 und U14, außerdem die U16 und U18 männlich und weiblich. Während der Saison sind die Wochenenden vollgepackt mit Spielen.

Antje Muckenfuß hat Verständnis für die Faustball-Verrücktheit ihres Mannes: „Ich bin ja selbst Faustballerin.“ Kennengelernt haben sich die beiden – wie könnte es anders sein – beim Sport.

Bei einem Turnier in Berlin treffen sie sich 1976 zum ersten Mal. Auf den Tag genau 30 Jahre später sehen sie sich wieder, diesmal bei der deutschen Meisterschaft in Antje Muckenfuß’ Heimatstadt Oldenburg.

Harald Muckenfuß sitzt in seinem Arbeitszimmer vor einem Regal mit Pokalen.
In Harald Muckenfuß’ Arbeitszimmer in Rinklingen reihen sich die Pokale aneinander. Foto: Marie Orphal

Wenige Tage später geht Harald Muckenfuß auf Weltreise. Sie bleiben in Kontakt, schreiben E-Mails hin und her, sie besucht ihn in Guatemala. Bis heute sind sie ein Paar.

Harald Muckenfuß schließt die Tür des Arbeitszimmers hinter sich. Er ist spät dran, die jungen Faustballer warten.

Muckenfuß hat noch ein Ziel mit dem TV Bretten

Bis Ultimo wolle er den Job als Abteilungsleiter nicht machen, sagt er. „Wenn ich einen geeigneten Nachfolger finde, denke ich übers Aufhören nach.“ Noch ist es aber nicht so weit.

Und er hat ein Ziel: Noch einmal mit einer Jugendmannschaft deutscher Meister werden, „das wäre ein Traum.“ Vielleicht kommt ja noch ein weiterer Pokal im Arbeitszimmer dazu.

nach oben Zurück zum Seitenanfang