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BNN-Interview

Fachkräftemangel in der Baubranche: Altersstruktur macht Brettener Bauunternehmen zu schaffen

In der Baubranche wird es zusehends schwieriger, geeignete Fachkräfte zu finden. Wie sieht die Lage in Bretten aus? Dazu spricht der Chef der Harsch GmbH Rolf Harsch im Interview.

Fachkräfte gefragt: Die Brettener Baufirma Harsch ist in Bretten derzeit dabei, das ehemalige evangelische Altenheim Im Brettspiel zu einem Wohngebäude umzubauen. Der Fachkräftemangel ist auch bei Harsch ein Thema. Foto: Tom Rebel

Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt warnt vor einem wachsenden Fachkräftemangel, der der Baubranche in den kommenden Jahren zusehends Probleme bereiten könnte. Es werde immer schwieriger Personal für offene Stellen zu finden, viele Stellen blieben lange unbesetzt, heißt es. Daneben wechselten im Schnitt zwei von drei Bauarbeitern drei Jahre nach der Ausbildung die Branche. Wie sieht die Lage in Bretten aus? Unser Redaktionsmitglied Hansjörg Ebert sprach mit Rolf Harsch, dem Geschäftsführer von Brettens größtem Bau-Unternehmen, das im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen gefeiert hat.

Rolf Harsch ist Geschäftsführender Gesellschafter der Harsch GmbH. Brettens größts Bauunternehmen hat 2019 100-jähriges Bestehen gefeiert. Foto: Patrick Werner

Ist der Fachkräftemangel ein Thema, das Ihnen derzeit Kopfzerbrechen bereitet?
Rolf Harsch

Nicht Tag und Nacht, doch wir sind natürlich auch betroffen von diesem allgemeinen Trend. Der allgemeine Fachkräftemangel macht auch vor der Baubranche nicht Halt.

Wo sind denn bei Ihnen die größten Engpässe?
Rolf Harsch

Wir haben ja sehr viele Berufe, auch die klassischen Büroberufe. Im Bereich Industriekauffrau/Industriekaufmann sind wir nach wie vor gut versorgt. Wo es schwierig wird, ist im klassischen Facharbeiterbereich, also bei den Fertigteilbauern, Stahlbetonbauern und Maurern. Da registrieren wir immer dünner werdende Bewerberzahlen. Wobei wir unsere Ausbildungsplätze immer noch besetzen können. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir uns hier noch im ländlichen Bereich befinden. In den Ballungsgebieten sieht das – wie Kollegen berichten - ganz anders aus.

Wie ist die Lage in anderen Arbeitsbereichen?
Rolf Harsch

Was wir auch noch anbieten ist die Ausbildung zum Geräteführer oder Baugeräte- oder Landmaschinenmechaniker, die stößt auf eine größere Resonanz. Da haben wir jetzt sogar eine junge Dame gewonnen, die im September in dieser Männerdomäne mit der Ausbildung beginnt.

Wie steht es um die Altersstruktur in ihrem Betrieb? Bundesweit gehen in den nächsten zehn Jahren 150.000 Baubeschäftigte in Ruhestand?
Rolf Harsch

Die Altersstruktur ist in der Tat ein Problem. Da werden auch bei uns in den nächsten fünf bis zehn Jahren Lücken entstehen, die wir auffüllen müssen. Inder Altersgruppe 50plus sind wir aktuell gut besetzt, das sind die Leute, die wir selbst ausgebildet haben: Hoch- und Tiefbaufacharbeiter, Stahlbetonbauer und Baugeräteführer. Das sind unsere Profis am Bau, da müssen wir am Ball bleiben,um diese Stellen wieder zu besetzen.

Wie steht es mit der vielerorts beklagten Abwanderung von Bauarbeitern in besser bezahlte Industriejobs?
Rolf Harsch

Diese Erfahrung haben wir nicht gemacht, das sind bei uns allenfalls Einzelfälle. Wer auf dem Bau lernt, verlässt den Bau nicht, es sei denn, er merkt schon bei der Ausbildung, dass das nicht sein Ding ist. Wer die Ausbildung fertig macht, bleibt uns in aller Regel erhalten. Und es gibt sogar Rückkehrer, die von der Industrie wieder zum Bau wechseln.

Wie sind denn ihre Arbeitsbedingungen?
Rolf Harsch

Wir haben die 40-Stunden-Woche und arbeiten freitags verkürzt. Mitunter gibt es natürlich auch mal Mehrarbeit, die Baustelle endet ja nicht, wenn gerade das Betonfahrzeug ankommt. Dann wird die Stunde noch dran gehängt und an einem anderen Tag kürzer gearbeitet.

Und die Fahrt zur Arbeitsstelle?
Rolf Harsch

Die ist nicht in der Arbeitszeit enthalten. Die Arbeit beginnt auf der Baustelle.

Wie steht es mit der Bezahlung?
Rolf Harsch

Der Mindestlohn für einen Bauhelfer beträgt 12,55 Euro, ein Facharbeiter bekommt 15,40 Euro und wer bei uns ausgelernt hat, beginnt mit einem Einstiegslohn von rund 19 Euro. Generell sind die Bautarife gut, wir haben ja auch einen Baumindestlohn, der deutlich über dem normalen Mindestlohn liegt.

Woher kommen denn ihre Leute?
Rolf Harsch

Unsere Leute kommen aus der Region, darunter sind auch viele, die aus dem Ausland stammen, aber schon lange hier leben. Wir haben relativ viele Nationalitäten, klassisch bei uns viele Italiener, manche schon in zweiter und in einem Fall sogar in dritter Generation. Ansonsten auch Mitarbeiter vom Balkan und aus der Türkei, einige Syrer und auch Afrikaner.

Wie viele Beschäftigte haben Sie am Standort in Bretten?
Rolf Harsch

In Bretten sind es 290 Mitarbeiter, davon arbeiten 168 in den Werkstätten, auf den Baustellen oder als Fahrer.

Wie ist es mit Leiharbeitern?
Rolf Harsch

Leiharbeiter haben wir keine. Wir arbeiten aber in geringem Umfang mit Werkverträgen für bestimmte Leistungen, etwa der Einbringung von Eisenflechtarbeiten. Das sind in der Regel immer die gleichen Leute, wir kennen diese Firmen und wissen und überprüfen auch, dass sie den Mindestlohn bezahlen und die Arbeitsvorschriften einhalten. Wir schauen auch, wie die Leute untergebracht sind. Im Endeffekt haben wir das natürlich nicht im Griff. Unsere Betonfertigteile für die aktuellen Bauprojekte produzieren wir aber ausschließlich mit eigenen Leuten, so dass die Wertschöpfung im Haus bleibt.

Wie ist die Nachfrage nach einem Ausbildungsplatz?
Rolf Harsch

Stand 1. September haben wir im Betrieb 35 Auszubildende, acht davon an der Dualen Hochschule.

Wie haben Sie denn bislang die Corona-Krise überstanden?
Rolf Harsch

Im Großen und Ganzen hat uns Corona bisher keine größeren Probleme bereitet. Wir hatten keine Lieferausfälle. Wir hatten auch keine Betriebsschließungen oder Teilschließungen. Wir haben gleich am Anfang Notfallpläne erstellt, die Kontaktmöglichkeiten reduziert, die Leute ins Homeoffice oder in Baucontainer geschickt. Dazu wurden regelmäßig Merkblätter an die Mitarbeiter verteilt. Auch vom Arbeitspensum hatte die Krise bislang keine Auswirkungen. Ich gehe aber davon aus, dass wir und die gesamte Branche diese Auswirkungen im zweiten Halbjahr noch stärker spüren werden.

Inwiefern?
Rolf Harsch

Durch zurückgehende Ausschreibungen staatlicherseits sowie im Industriebaubereich. Wir gehen aber auch davon aus, dass gerade im Bereich Wohnungsbau die Konjunktur weitergeht. Mit einer kleinen Delle vielleicht, doch Wohnraum ist nach wie vor gefragt. Deshalb erwarten wir gerade in diesem Segment eine weiterhin ordentliche Entwicklung. Wir haben zudem die Hoffnung, dass in Folge der Corona-Pandemie sich manche junge Leute besinnen auf die relativ verlässliche Bauindustrie oder dass es sogar einige Rückkehrer in die Branche gibt.

Welche Projekte haben Sie aktuell in Bretten laufen?
Rolf Harsch

Im Steinzeugpark sind die ersten beiden Bauabschnitte komplett fertig, jetzt stehen die Bauabschnitte drei und vier an. Wir beginnen in der nächsten Woche mit dem Bau einer Kindertagesstätte, die weitere Planung sieht vor, dass wir dort noch ein größeres Wohngebäude erstellen und im Baufeld drei Büro- und Gewerbegebäude. Und dann sind wir dabei, das Projekt Brettspiel zu bauen. Auf dem Gelände des ehemaligen evangelischen Altenheims entstehen Wohnungen. Der Rohbau ist dort fertig, im zweiten Halbjahr folgt der Ausbau.

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