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Die Sehnsucht nach dem Haarschnitt wächst

Friseure und Kosmetiker aus Bretten kämpfen um die Wiederöffnung: „Die Situation ist beschissen“

Noch mindestens bis zum 14. Februar sind Friseursalons und Kosmetikstudios wegen Corona geschlossen. Inhaber aus Bretten und den Umlandgemeinden sind zunehmend verzweifelt.

Warten auf die Wiederöffnung: Seit Mitte Dezember ist Petra Schusters Friseursalon in Sulzfeld wegen Corona geschlossen. Seitdem ist die Kasse leer. Die Kunden werden langsam ungeduldig: Anfragen zum illegalen Haareschneiden häufen sich. Foto: Tom Rebel

Während bei ihren Kunden das Haar wuchert, wächst bei Petra Schuster die Verzweiflung. „Die Situation ist beschissen“, klagt die Friseurmeisterin aus Sulzfeld. Seit Mitte Dezember und noch mindestens bis zum 14. Februar ist ihr Friseursalon wegen Corona geschlossen.

Viele wissen nicht mehr, wie sie ihr Essen bezahlen sollen.
Petra Schuster, Friseurmeisterin aus Sulzfeld

Seitdem ist die Kasse leer. Weil Schuster den halben Monat Dezember gearbeitet hat, steht ihr keine Dezemberhilfe zu. Von der Überbrückungshilfe III, einem Zuschuss zu den Fixkosten, sei noch kein Cent angekommen. Die Aushilfe muss dennoch weiterbezahlt werden. Kollegen mit hohen Mietkosten und mehr Angestellten treffe die Zwangsschließung noch härter, sagt sie. „Viele wissen nicht mehr, wie sie ihr Essen bezahlen sollen.“

Wann kommen die Hilfsgelder? Reichen die Rücklagen? Je länger Kämme und Scheren ruhen, desto größer wird die Unsicherheit. „Es ist beängstigend“, sagt Daniel Simmel, Inhaber von „Daniels Frisurenwerkstatt“ in Bretten. Für die Zeit nach der Zwangsschließung rechnet Simmel mit einem Kundenansturm: „Nach dem letzten Lockdown waren wir vier Wochen lang ausgebucht.“

Er befürchtet: Wer nicht schnell genug einen Termin bekommt, sucht sich einen anderen Friseur - oder greift selbst zur Schere. „Davon würde ich abraten“, so Simmel. Nach dem ersten Lockdown, erinnert sich Petra Schuster, hätten einige Kunden mit abenteuerlichen Haarschnitten auf dem Frisierstuhl Platz genommen: „Eine Katastrophe. Da konnte man teilweise nichts mehr ausbügeln.“

Anfragen zum illegalen Haareschneiden häufen sich

Die Sehnsucht nach dem Haarschnitt steigt. „Ich bekomme extrem viele Anfragen für Hausbesuche“, berichtet die 58-Jährige. Die Anrufer versuchten teils aggressiv, sie zu überreden, ihnen die Haare zu schneiden. S

chuster lehnt alle Angebote ab. Hausbesuche fallen unter Schwarzarbeit, damit würde sie sich strafbar machen. Dass einige Politiker oder Profifußballer frisch frisiert herumlaufen, obwohl professionelles Haareschneiden offiziell verboten ist, macht die Friseurin daher besonders wütend.

Ob sie nicht mal auf einen Kaffee vorbeikommen möchte? Und, wo sie schon mal da sei, geschwind die Augenbrauen zupfen? Solche zweifelhaften Anfragen erhält Anja Feine immer öfter. „Die Kunden bezirzen mich regelrecht“, verrät die Kosmetikerin aus Oberderdingen. Dass Pediküre zurzeit tabu ist, medizinische Fußpflege dagegen weiterhin erlaubt, kann Feine nicht verstehen.

Außer-Haus-Verkauf ist keine Lösung

„Nicht nachvollziehbar“ findet Ana Maria Seixas, Kosmetikerin aus Knittlingen, die Zwangsschließung. Mundschutz und Handschuhe trage sie bei der Arbeit nicht erst seit Corona. Damit ihre Kunden sich nicht begegnen, hat Seixas die Behandlungszeit nach dem ersten Lockdown von anderthalb auf zwei Stunden verlängert.

Mit einem Außer-Haus-Verkauf von Nagellack und Cremes sollen die Umsatzeinbußen abgefedert werden. Ausreichend sei das nicht, meint Seixas. „Ich überlege, als Aushilfe bei Aldi oder Lidl anzufangen.“

Verständnis für Schwarzarbeit

„Die Stimmung ist katastrophal“, sagt Eric Schneider, Sprecher der Friseur- und Kosmetik-Innung Karlsruhe-Bretten: „Die Kollegen stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Die Corona-Hilfen kämen für viele zu spät. Der Bund will den Betrieben abhängig vom Umsatzrückgang einen Teil der Fixkosten erstatten. Zu wenig, findet Schneider: „Friseure leben vom Tagesgeschäft.“

Ein Haarschnitt „to go“? Nicht umsetzbar. Tönung und Shampoo per „Click&Collect“? Wenig zielführend. Er rechnet damit, dass viele Betriebe die Zwangsschließung nicht überstehen - und er hat Verständnis dafür, wenn sich Angestellte auf Angebote zur Schwarzarbeit einlassen: „Für viele ist das Notwehr.“

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