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Von Glück bis Leid

Führung auf Brettens jüdischem Friedhof: Hinter jedem Grabstein verbirgt sich ein Schicksal

Die Menschen, die auf Brettens jüdischem Friedhof begraben sind, haben sich als Deutsche gefühlt. Trotzdem wurden viele von ihnen von Deutschen ermordet. An ihr Schicksal erinnert eine Führung zum europäischen Tag der jüdischen Kultur.

Gruppe auf jüdischem Friedhof
Foto: Florian Ertl

Seit über 30 Jahren begehen in mittlerweile mehr als 33 Ländern zahlreiche Menschen den europäischen Tag der jüdischen Kultur. Der Aktionstag, der immer am ersten Sonntag im September stattfindet, soll dazu dienen, das europäische Judentum, seine Geschichte, Traditionen und Bräuche besser kennenzulernen.

Zu diesem Anlass organisiert Heidemarie Leins vom Verein für Stadt- und Regionalgeschichte Bretten Führungen und Vorträge zu Stätten der jüdischen Kultur in der Melanchthonstadt.

Nachdem der Aktionstag in zurückliegenden Jahren schon mit Führungen an verschiedensten Orten in der Melanchthonstadt begangen wurde, referierte Leins diesmal wieder auf dem Brettener Judenfriedhof im Windstegweg.

Ein Stück deutsche Geschichte

Gegen 11 Uhr sammelten sich dort, vor dem kleinen stählernen Eingangstor des Friedhofs, etwa 20 Interessierte. Gekommen waren Brettenerinnen und Brettener aller Altersstufen. Das Judentum und die mit ihm verbundene bewegte deutsche Geschichte ist immer noch ein präsentes Thema.

„Ich habe aus der Zeitung von der Führung erfahren und habe mich noch heute Morgen spontan angemeldet“, sagt Frank Weber. Der Diedelsheimer weiß um das Engagement von Heidemarie Leins und ihre Arbeit um die Rekonstruktion und Erforschung des jüdischen Lebens in der Melanchthonstadt.

„Das ist ja bekannt. Und diesmal hat es mich einfach ganz besonders interessiert“, sagt Weber, der die Inschriften auf den Grabsteinen des Friedhofs aufmerksam liest.

Bretten hatte eine große jüdische Gemeinde

Leins liefert die Geschichten zu den Menschen, die hier beerdigt wurden. Im Mai 1884 fand auf dem Friedhof im Windstegweg die erste Beisetzung statt. „Die jüdische Gemeinde in Bretten war zu dieser Zeit eine große und wohlhabende. Christen und Juden lebten friedlich miteinander. Viele jüdische Bürger waren stadtbekannt“, erklärt die ehemalige Gemeinderätin.

Sie zeigt den Teilnehmern das Grab von Machol Aron Lämmle, dem Gründer der Herdfabrik Malag, die über Jahrzehnte einer der wichtigsten Brettener Industriebetriebe bleiben sollte.

Der Friedhof erinnert an viele weitere Brettener Familien, die Stadtgeschichte geschrieben haben. So berichtet Leins an einem weiteren Grab eines Familienmitglieds von Lämmle von der Jüdin Elisabeth Lämmle, die die erste Brettenerin war, die einen Doktortitel der Chemie erhielt. Weitere Familiengeschichten voller Glück, aber auch Leid folgen. Die Judenverfolgung im Dritten Reich scheint dabei stets wie ein Damoklesschwert über den Menschen dieser Epoche zu schweben.

Eisernes Kreuz auf dem Grabstein

Besonders tragisch sind dann Geschichten wie die eines Familienvaters, der zwei Kinder im Ersten Weltkrieg verlor. Seine Frau starb im Zweiten Weltkrieg in einem Konzentrationslager. „Unfassbar“, sagt eine Teilnehmerin ungläubig.

„Die Kinder starben für Deutschland und die Mutter wird wenige Jahrzehnte später von Deutschen ermordet.“ An einigen Grabsteinen ist das Eiserne Kreuz eingemeißelt, an einem zeichnet sich sogar eine Pickelhaube ab. Es wird deutlich: Diese Menschen haben sich als Deutsche gesehen, sind wie Hunderttausende andere Deutsche für ihr Land in den Ersten Weltkrieg gezogen. „12.000 Juden fielen im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite. Das waren alles andere als Drückeberger, so wie das dann von den Nazis dargestellt wurde“, betont Leins.

Trotz aller Anfeindungen und Verbrechen an den Juden in der NS-Zeit, gab es auch in Bretten Unterstützung für jüdische Bürger. „Selbstverständlich gingen Brettener Bürger sogar bis zum Jahr 1934 zu den Beerdigungen der jüdischen Mitbürger. Auch sie blieben mehrmals auf dem Weg hinter dem Leichenwagen stehen, um dabei zu zeigen, dass man den Verstorbenen so lange wie nur möglich auf der Erde behalten möchte“, erzählt Leins. Wenige Jahre später, 1942, sollte es dennoch keinen einzigen Juden mehr in Bretten geben.

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