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Ein rätselhaftes Geschenk

Manchmal kommt das Christkind auf die seltsamsten Ideen

Auf dem Wunschzettel von kleinen Jungs stehen Ende der 60er Jahre noch nicht sehr viele Dinge. Die Menschen kamen 15 Jahre nach dem Krieg erst langsam auf die Füße und der Wohlstand begann erst ganz allmählich zu wachsen. Roland Albert ist für die BNN als freier Mitarbeiter in Bretten tätig.

Liebe, kleine Schwester: Albert, der jüngere der beiden Brüder, mit dem „Weihnachtsgeschenk“ von 1960, dem Bobbele. Foto: Privat

Er erinnert sich gut an ein seltsames Weihnachtsgeschenk aus seiner Kindheit und schickte uns folgenden Bericht: Das Christkind kommt manchmal auf sehr seltsame Ideen. Oder was sollte das für ein Geschenk sein, das es meinem Bruder und mir an Weihnachten 1960 bescherte? War das überhaupt ein richtiges Geschenk?

Ich erinnere mich sehr genau an dieses spezielle Weihnachtsfest in meiner Kindheit. Schon die Adventszeit war irgendwie anders gewesen, als sonst. Vergleiche hatte ich! Denn ich war damals schon elf Jahre alt und hatte damit ganze vier Jahre mehr Erfahrungen in Weihnachtsfesten als mein kleiner Bruder. In unserer kleinbäuerlichen Familie war das Leben bislang immer ruhig und überschaubar gewesen. Aber diesmal? Je näher das Fest rückte, desto seltsamer wurde alles. Ich konnte mir nicht erklären, warum das so war. Auch mein Bruder war ratlos.

Eigenartig war auch, dass am 24. Dezember ständig die Nachbarin klopfte. Mehrmals an diesem Tag kam sie ins Haus und ging dann wieder. Am Abend passierte dann etwas ganz und gar Unerhörtes: Mama ging nicht mit uns zur Christmette. Wo gab´s denn so was? Auch die Bescherung am Abend war kurz und knapp ausgefallen: Singen, beten, Geschenke auspacken, noch ein wenig spielen und ab ins Bett.

Am ersten Weihnachtstag wunderten sich mein Bruder und ich noch mehr. Vater ging nicht mit uns ins Hochamt. Er habe „Durchfall“, hieß es. Und unsere Mama? „Die hat Bauchweh und liegt im Bett. Ihr Kinder müsst heute alleine in die Kirche gehen.“ Nach dem Gottesdienst wurde es nicht besser. Mein siebenjähriger Bruder und ich wurden aufs Zimmer geschickt. Dort sollten wir uns selbst beschäftigen.

Das Bobbele ist da: Das Christkind hat den Alberts ein „Bobbele“ gebracht, die kleine Schwester Margit liegt im Arm ihrer Mutter. Foto: Privat

Stunden später wurden wir endlich ins Elternschlafzimmer gerufen. Dort wartete ein besonderes „Geschenk“: Der Storch hatte ein „Bobbele“ gebracht. Eine kleine Schwester für uns zwei Jungs. Die Nachbarin Herlinde Dickemann hatte offenbar etwas damit zu tun. Sie sei Hebamme, wurde uns Jungs erklärt. Ein wenig ratlos standen wir da. Ein Bobbele? Was ist das denn für ein Geschenk? Und überhaupt: wie konnte das sein?

Wie sich Kaninchen, Hühner, Schweine und Kühe vermehren – das wussten wir Buben natürlich. Schließlich hatten die Eltern im Stall viel Vieh und unser Vater war der gemeindliche Bullenhalter. Die Bauern brachten ihre Kühe „zum Decken“ bei uns vorbei. Aber nicht mal ich als der Ältere, hatte einen blassen Schimmer, wie das Ganze bei Menschen funktioniert. Weder in der Schule noch zu Hause hatte man das je erklärt.

Ein neuer Gast an der Festtafel: Weihnachten bescherte in unserem Verbreitungsgebiet auch viele Christkinder. Foto: imago/UnitedArchive

Da standen wir also mit dem seltsamsten Weihnachtsgeschenk aller Zeiten. Viel Freude machte uns Jungs das Bobbele nicht. Die ersten Jahre waren sehr ausgefüllt. Zur Arbeit im Stall und Feld und zu den Schulaufgaben kam noch das Babysitten hinzu. Aber so ist das halt: Man wächst mit seinen Aufgaben. Schoppen wärmen, Fläschchen geben und Stoffwindeln wechseln haben wir zwei Buben sehr schnell gelernt. Fehler oder Versäumnisse wurden vom „Bobbele“ nachdrücklich mit lautem Plärren reklamiert.

Es hat vielleicht ein bisschen gedauert, aber heute – 60 Jahre später – haben wir Brüder natürlich längst eine Antwort gefunden. Und – ja – das „Bobbele“ Margit war und ist ein echtes Geschenk.

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