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"Empty Streets" wegen Covid-19

Musiklehrer komponiert Song über leergefegte Straßen in Bretten

Er komponiert einen Song, um auch online Spaß am Gitarren-Unterricht zu vermitteln. Der Song heißt "Empty Streets" und eine Fotostrecke leergefegter Straßen und Plätze Brettens bebildert ihn. Wie Musiklehrer Hendrik Böttcher und Fotograf Tom Rebel steuern viele Freiberufler derzeit dank der Kraft der Kreativität durch Corona-Zeiten.

Keine Menschenseele, kein Auto: Das Sporgassenareal in Bretten wirkt derzeit richtiggehend surreal. „Empty Streets“ heißt auch der Song von Hendrik Böttcher. Er hat ihn für seine Online-Schüler komponiert. Foto: Tom Rebel

Öde Ecken, leer gefegte Straßen – diese aktuell so befremdliche Situation greift der Song "Empty Streets" auf, bebildert mit einer Fotostrecke von Brettener Plätzen. Hendrik Böttcher, Brettener Musiker und Musiklehrer hat den Song eigens in Corona-Zeiten für seine Schüler komponiert. Die Fotos stammen vom Brettener BNN-Fotografen Tom Rebel. Wie der Freiberufler Böttcher legen sich auch andere private Dozenten und Lehrinstitute mächtig ins Zeug, um ihre Kunden in der Krise zu halten.

Die Volkshochschule Bretten will die ausfallenden Kurse in überwiegender Zahl nachholen, sagt Caroline Traut, Vhs-Leiterin. Ein Vorbereitungskurs fürs Abitur in Mathematik finde aber – abgestimmt mit Schülern und Eltern – online statt.

Bei der Vhs, wie bei der Jugendmusikschule (JMS) Unterer Kraichgau hofft man, dass die Schließung nicht zu lange dauern muss. Davon hängt der finanzielle Ausgang für die Institute ganz wesentlich mit ab. Eine Vhs-Dozentin, die namentlich nicht genannt sein möchte, betont, ihre Spanisch-Kurse hätten ja kein zeitliches Ziel. Darum sei das Warten auf Fortsetzung nicht allzu schlimm

Netzwerke wachsen in der Corona-Krise

Susanne Jaggy, JMS-Leiterin, schildert dennoch viele positive Eindrücke. Die Kollegen seien vernetzter denn je und auch die Eltern teilten sich spürbarer mit – „viele positiv“. Da kümmere man sich gern. Der Großteil der 50 Mitarbeiter schicke Emails mit Aufgaben oder Links zu Tutorials, also Lehrfilmen, sie nutzten Skype oder Zoom – vor allem für Videokonferenzen.

Mit Webcam und Bluetooth-Verstärker unterrichtet Thomas Autenrieth aus Knittlingen seine Schüler an der Steirischen Harmonika oder an Tasteninstrumenten. Foto: pr

Geklärt werden musste, welches Kind aufgenommen werden darf und welches nicht und man achte darauf, datenschutz-gerechte Dienste zu nutzen. „Wir telefonieren auch viel mit den Schülern, vor allem, wenn es Fragen gibt“, so Jaggy. Schwieriger umzusetzen sei Gruppenunterricht, wie für Bläserklassen oder Blockflöten. Auch kämpfe man in dem großen Einzugsbereich nicht selten mit langsamem Internet, ärgert sich Schulleiterin Susanne Jaggy.

Ich hoffe nur, das Internet bricht nicht zusammen.
Tressa Schreiber, Gesangslehrerin in Bretten

Wie Vhs und JMS werden auch private Lehrer kreativ, um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern. Online treffen sie sich jetzt mit Anfängern oder Fortgeschrittenen, ob diese Gitarre, Klavier oder Steirische Harmonika lernen.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

„Ich habe mir eine Webcam zugelegt, also eine Internet-Kamera für den Laptop und einen Bluetooth-Verstärker, um mehr Wumms zu haben“, sagt Thomas Autenrieth. Der Inhaber einer Musikschule in Knittlingen nutzt Skype mit seinen Schülern. Und er möchte so Bild- und Tonqualität verbessern.

Ideen kommen beim Gassi-Gehen

„Die Latenz ist ein Problem“, sagt Böttcher. Der Inhaber der Modern Music School in Bretten, meint die zeitliche Verschiebung zwischen Ton- und Bildübertragung. „Zusammenspielen ist da leider nicht.“

Das sei im Live-Unterricht also eindeutig besser. Aber er kümmere sich bereits mit IT-lern um eine Problemlösung. Die Kosten betrachtet er auf lange Sicht als gute Investition. Dank Werbung auf allen digitalen Kanälen habe er sogar schon Neuzugänge zu verbuchen.

Die Idee zu seinem Song „Empty Streets“ kam ihm beim Spazieren mit den Hunden durchs ausgestorbene Bretten. Er nahm das Lied im Homerecording-Studio auf. Nun kann er einzelne Spuren, beispielsweise die Rhythmusgitarre, auf einer Kopie des Songs weglassen.

Dann schickt der Musiklehrer den Gitarrenschülern sowohl das Original als auch die Version ohne Gitarrenspur. Die Schüler können so die Gitarre selbst dazu spielen, wie Sänger es beim Karaoke tun. „Ich habe den Eindruck, viele meiner Schüler sind jetzt noch motivierter als sonst und manche langweilen sich ja auch oft zuhause. Und die Mamas freuen sich, wenn ihre Kinder Musik machen.“

Ich finde es gut, dass wir die Kunst online am Leben halten können.
Tressa Schreiber, Gesangslehrerin in Bretten

Wie er haben auch der Knittlinger Thomas Autentrieh und Tressa Schreiber, die in Bretten ihren Gesangsunterricht nun ebenfalls online gibt, viel Solidarität erfahren. Tressa Schreiber: „Ich finde es gut, dass wir die Kunst online am Leben halten können. Ich hoffe nur, das Internet bricht nicht zusammen.“ Sie lacht und fügt an: „Aber das persönliche Zusammensein fehlt mir doch.“

Online-Lehre wegen Covid-19 birgt auch Potenzial

Autenrieth: „Ich habe nie so gespürt, wie sehr die Eltern und Schüler hinter mir stehen. Manche riefen sogar an, um zu sagen, sie lassen die Monatsgebühren laufen.“ Natürlich werde er darum für Nachholstunden sorgen, auch mal in den Ferien. „Etwa 80 Prozent meiner Schüler sind auch geblieben. Nur die Älteren bewältigen den Online-Unterricht technisch nicht alle.“

Andererseits erhalte er schon Anfragen von Schülern aus Kandel, Bad Liebenzell oder aus Worms, ob sie nicht häufiger Online-Unterricht nehmen könnten, um sich den einen oder anderen Weg zu sparen. „Da lässt sich sicher etwas machen“, so Autenrieth. Er sieht auch neues Potenzial in der Online-Lehre.

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