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Mehr Unterstützung gewünscht

Hilfe im Alltag statt Blumen am Sonntag: Mütter in Bretten leiden unter den Folgen des Lockdowns

Am Muttertag bekundet man seine Wertschätzung für die Mama oft mit einem Blumenstrauß. Mehr als die einmalige Würdigung würde aber auch den Müttern in Bretten eine Unterstützung in der sozialen Krise helfen.

Keine Zeit für Blumen: In der Corona-Krise müssen besonders Alleinerziehende täglich eine Vielzahl von Herausforderungen meistern und etwa Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut bringen. Die soziale Isolation darf kein Dauerzustand bleiben, warnen Brettener Expertinnen. Foto: Annette Riedl picture alliance/dpa

Manchmal darf’s mehr sein als nur Blumen. Auch wenn der Muttertag in Deutschland 1923 letztlich als Marketingkampagne des Verbands Deutscher Blumengeschäftsinhaber eingeführt und schließlich für die nationalsozialistische Ideologie missbraucht wurde, nutzen noch viele Menschen alljährlich den zweiten Sonntag im Mai, um Danke zu sagen – dem Menschen, der ihnen nicht nur das Leben geschenkt, sondern meistens auch maßgeblich zu ihrer sozialen Entwicklung beigetragen hat.

In der Corona-Krise müssen auch Brettener Eltern von der Geburt des Kindes an zahlreiche neue Herausforderungen schultern, die sie an den Rand der Belastungsgrenze bringen. Die Geste ist gut gemeint und der Wille zählt ja bekanntlich, aber die Mütter wünschen sich gerade ein bisschen mehr als nur einen Strauß Blumen.

Madeleine Verwaal betreut als Doula in der Brettener Gesundheilpraxis junge Mütter vor, während und nach der Geburt. Eine Doula konzentriert sich im Unterschied zu einer Hebamme auf die emotionale Fürsorge – und die fehlt zurzeit fast vollständig.

Stillprobleme und Wochenbettdepressionen nehmen zu

„Der mangelnde Kontakt ist ganz schlimm für die Frauen“, beschreibt die 56-Jährige die Lage. Nach der Entbindung werden die Frauen schon früh entlassen und liegen auch in der Wochenbettstation alleine.

„Die Väter dürfen sie seit kurzem wieder besuchen, aber nur eine Stunde bleiben“, sagt Verwaal. Hinzu kommt, dass der Hebammen-Mangel den Geburtshelferinnen keine intensive Betreuung erlaubt.

Die Zahl von Stillproblemen und Wochenbettdepressionen habe deutlich zugenommen. Außerdem würden Verhaltensauffälligkeiten bei den sozial weitgehend isolierten Kindern erst spät erkannt. Verwaal rechnet deshalb mit einer steigenden Nachfrage bei den psychologischen Beratungsstellen.

Viele Mütter sind an ihrer Belastungsgrenze angekommen!
Birgit Eisenhut-Meister, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Diakonischen Werks Bretten

Die Stellungnahme von Birgit Eisenhuth-Meister vom Diakonischen Werk Bretten lässt das vermuten: „Viele Mütter sind an ihrer Belastungsgrenze angekommen“, verleiht die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche ihrer Antwort auf die Anfrage dieser Zeitung Nachdruck.

„Zwischen Betreuung und Förderung von Kita- und Schulkindern, Homeschooling, eigener Berufstätigkeit und Haushalt bleibt in der Regel kaum noch Zeit, sich um eigene Bedürfnisse oder die Partnerschaft zu kümmern“, schreibt sie.

Besonders alleinerziehende Mütter hätten in diesen Zeiten noch mehr zu kämpfen. Was sich Mütter zum Muttertag wünschen? Die Liste ist lang: „Klarheit und Perspektive in Bezug auf Kita und Schule. Wohlwollen und Wertschätzung der Gesellschaft gegenüber den Leistungen von Müttern. Väter, die den Alltag der Kinder mitgestalten. Zeit sich zu erholen“, schreibt Eisenhuth-Meister.

Und nicht zuletzt: ein Impfangebot. Denn als Mitglieder der niedrigsten Priorisierungsgruppe müssen die Mütter noch länger mit dem Kontaktverbot leben.

Kontaktverbot schadet dem Kindeswohl

Auch die Sorge um ihre Kinder lässt Müttern in der Corona-Krise keine Ruhe. „Was mir Bauchschmerzen macht, ist das, was meinen Kindern gerade an sozialen Ereignissen verloren geht“, sagt Rebecca Hoek, Elternbeiratsvorsitzende des Melanchthon-Gymnasiums Bretten (MGB).

Den 18. Geburtstag und die Abi-Feier wird ihre Tochter nie nachholen können: „Das tut mir unsagbar leid für sie.“ Seit das Leichtathletik-Training ihres 15-jährigen Sohns ausfällt, verbringt er mehr Zeit am PC. „Wie soll ich einen Teenager zum Sport motivieren?“, fragt Hoek. Statt Blumen am Sonntag wünscht sie den Eltern mehr Hilfe im Alltag.

Nur ein Blumenstrauß ist wie das Klatschen auf den Balkonen für das Pflegepersonal.
Andrea Schwager, Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenschwester

„Mütter haben keine Lobby, und leiden still in dieser Zeit“, schreibt die gelernte Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenschwester Andrea Schwager, die in Bretten-Gölshausen eine Stillgruppe leitet: „Sie müssen viele Krisen alleine bewältigen, ohne die Unterstützung des Partners und der Familie.“

Ein Leben mit Kontaktverbot sei nicht umzusetzen, ohne dass die Kinder darunter litten. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“, zitiert Schwager ein afrikanisches Sprichwort.

Wenn das soziale Netzwerk wegbreche und sie keine Gelegenheit habe, „ihren Akku aufzuladen“, breche auch die Mutter irgendwann zusammen. „Der Muttertag ist eine schöne Idee“, sagt Schwager, „aber nur ein Blumenstrauß ist wie das Klatschen auf den Balkonen für das Pflegepersonal. Es ist einfach nicht ausreichend, um diese wichtige Aufgabe zu würdigen.“

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