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Aktion der Historische Gruppe „Fünf Schneeballen“

Rundweg über jüdisches Leben in Flehingen zeigt erschütternde Schicksale

Wenig erinnert im Kraichgaudorf Flehingen an die einst blühende jüdische Gemeinde, die von den Nazis ausgelöscht wurde. Ein neuer Rundweg will an deren Geschichte erinnern und dem Vergessen gegensteuern.

Am Kohlbach in der Flehinger Ortsmitte stand das rituelle Bad der jüdischen Gemeinde, nicht weit davon entfernt die Synagoge. Sabine Obhof und Wolfgang Schönfeld begutachten rekonstruierte Pläne Foto: Hansjörg Ebert

Nein, die junge Frau mit den beiden Kindern am Arm weiß nicht, was für ein Gedenkstein das ist, der da an der Einfahrt zum Flehinger Schloss steht. „Irgendwas mit Krieg“, meint die Flehingerin und schaut sich den Stein etwas näher an. „Flehingen“ steht da zu lesen und „Ohne Erinnerung gibt es kein Versöhnen“.

Doch auch damit erschließt sich der Zusammenhang nicht unmittelbar. Platz für eine Erklärung gäbe es am Sockel der Skulptur. Doch es findet sich nichts dergleichen. Ratlose Gesichter bei den Betrachtern.

Im Oberderdinger Ortsteil Flehingen gibt es wenig, das ins Gedächtnis ruft, dass es hier einmal eine lebendige jüdische Gemeinde gab, die durch den Terror der Nazis ausgelöscht wurde. Besagte Skulptur, ein Schild bei der Volksbank, das auf den Standort der jüdischen Synagoge hinweist, die die SA in der Reichspogromnacht niederbrannte, und ein paar Stolpersteine auf den Gehsteigen vor Häusern, die jüdische Mitbürger einst bewohnt hatten - viel mehr fällt nicht ins Auge.

Eine App führt an jüdische Orte

Damit dies nicht so bleibt, hat die Historische Gruppe „Fünf Schneeballen“ einen Rundwanderweg erarbeitet, der dem jüdischen Leben im Dorf nachspürt. Eigentlich sind es fünf Rundwege, die die Gruppe zu ihrem 40-jährigen Bestehen konzipiert hat, um Interessierten die Geschichte, die landschaftlichen Besonderheiten, die Kultur und Natur des Kraichgaudorfs näherzubringen.

Der Weg „Auf den Spuren jüdischen Lebens“ ist einer dieser Rundwege. Mit einer App kann man sich die Wegbeschreibung sowie Informationen zu den einzelnen Stationen aufs Handy laden. Und sich dann auf den Weg machen.

Die Zeitreise beginnt in der Nähe des Bahnhofs, wo Berthold Ackermann eine Lagerhalle und einen Handel mit Getreide, Mehl, Sämereien und Düngemitteln für Landwirte unterhielt. Weiter geht es in die Bahnhofstraße, wo Robert und Fanny Schlessinger ein Eisenwaren- und Haushaltsgeschäft, in der Ortsmitte hatte die jüdische Bäckerei Ackermann ihren Firmensitz.

In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich auch das jüdische Gemeindehaus und die Synagoge, an die eine Mikwe, ein Bad für die rituelle Reinigung, angebaut war. Der Rundweg führt weiter bis zum Jüdischen Friedhof, ein Stück weit außerhalb des Ortes an der Straße nach Gochsheim, und dann zurück ins Dorf.

Thema wurde in Flehingen bisher kaum behandelt

Die Idee für diesen geschichtsträchtigen Spaziergang hatte Sabine Obhof, eine der Aktiven bei den Fünf Schneeballen. Sie fragt sich schon lange, warum das Thema in der Gemeinde so stiefmütterlich behandelt wird. „Es ist so wichtig, dass diese Geschichte sorgfältig dokumentiert wird“, sagt sie.

Gedenkstein - wofür? Woran die Skulptur in der Flehinger Ortsmitte erinnert, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Foto: Hansjörg Ebert

Ehemann Gerhard pflichtet ihr bei: „Wir müssen heute offen über dieses Thema reden können. Es geht ja nicht um Schuldzuweisungen“, sagt er. Aber totschweigen dürfe man dieses dunkle Kapitel der Ortsgeschichte auch nicht.

Die Texte zu den einzelnen Stationen hat Wolfgang Schönfeld geschrieben. Der pensionierte Realschullehrer aus Zaberfeld beschäftigt sich schon viele Jahre mit dem „Jüdischen Leben im Kraichgau“. So heißt auch eines der Bücher, die der Lokalhistoriker zum Thema geschrieben hat. Auch sein Anliegen ist es, dem Vergessen entgegenzuwirken und für eine angemessene Erinnerungskultur zu sorgen.

Es sind erschütternde Schicksale, die sich hier in Flehingen zugetragen haben.
Gerhard Obhof, Gruppe „Fünf Schneeballen“

„Es sind erschütternde Schicksale, die sich hier in Flehingen zugetragen haben“, sagt der 72-Jährige mit großer Betroffenheit, der auch Kontakt zu den Nachfahren ehemaliger jüdischer Mitbürger unterhält.

Zu Herb Weingärtner etwa, der als Fünfjähriger mit seinen Eltern in die USA emigrierte, nachdem im Nachbarhaus die Synagoge abgebrannt war. Oder zu David Schlessinger, der zur Verlegung der Stolpersteine vor dem früheren Haus seiner Großeltern eigens aus den USA angereist war und angesichts des abseitigen Standorts zunächst bitter enttäuscht wurde. Erst auf massiven Protest von Schülern hin rückte die Gemeinde die Stolpersteine besser ins Blickfeld.

Flehingen hat eine lange jüdische Geschichte

„Flehingen war über Jahrhunderte ein Zentrum jüdischen Lebens im Kraichgau“, hebt Schönfeld hervor. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts werden erstmals jüdische Einwohner in Flehingen erwähnt. Ihre Blütezeit mit bis zu 170 Mitgliedern hatte die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert.

Bei der Machtergreifung Hitlers 1933 waren es noch 72, 1939 wurden die letzten Juden nach Gurs deportiert. Nur wenige Spuren des jüdischen Lebens finden sich heute. Das eindrücklichste erhaltene Zeugnis der ausgelöschten jüdischen Gemeinde in Flehingen ist der israelische Friedhof.

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