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Plaudern am Gemüsebuffet

Solidarische Landwirtschaft Bretten lockt auch Familien jeden Freitag in den Salzhofen 4

Pinkfarbene Radieschen, Mangold mit blutroten Stielen oder gelber Blumenkohl - in der SoLaWi, der Solidarischen Landwirtschaft Bretten haben sich 38 Anteilseigner zusammen gefunden. Die SoLaWi bringt seit rund acht Jahren auch ihren Kindern die Natur näher und deren Erzeugnisse auf den Tisch - gegen Beiträge, monetär und gern auch mit Tatkraft.

Frisch vom Acker: Jeden Freitag können die Anteilseigner der Solidarischen Landwirtschaft Bretten auf dem Hof, den Beate Zonsius von den Eltern übernahm, Kohlrabi, Radieschen oder Mangold holen, Salate, Kräuter und Scherkohl, einen kräftigen Urkohl und vieles mehr, das die Saison gerade bietet. Foto: Irmeli Thienes

Bretten. Zwei Frauen stehen gebeugt über Bottichen im Schatten eines Baumes im Hof der Adresse Salzhofen 4 in Bretten, hinterm Baubetriebshof. Sie reiben die Erde vom Gemüse. Die zieht Schlieren im Wasser. Katja Mendler und ihre Mutter Brigitte Appl sind zwei von 38 Anteilseignern der SoLaWi, der Solidarischen Landwirtschaft Bretten. Und sie nehmen die Solidarität wörtlich. Katja Mendler ist nach Möglichkeit stets parat beim Gemüsewaschen,auch im Winter, bis die Finger so rot sind, wie jetzt im Frühsommer die Radieschen.

Anteilsgemeinschaft lebt von eigener Ernte

Diese stapeln sich inzwischen fürs Gemüsebuffet, das hier jeden Freitag die Anteilseigner ab 17 Uhr mit frischer Ware für ihre Beiträge entlohnt. Die Beiträge können rein monetär sein – ein Anteil kostet derzeit 49 Euro monatlich– oder daneben per Tatkraft eingebracht werden, etwa beim Tomatenbinden oder ernten und anderem. Nur zwei Wochen im Jahr, über den Jahreswechsel, pausiert das Gemüsebuffet.

Knackig und herzhaft: Salbei oder andere Kräuter, Knoblauch oder Stuttgarter Riesen, eine regionale Zwiebelsorte - beim Gemüsebuffet der SoLaWi Bretten ist das saisonale Angebot reichhaltig. Foto: Irmeli Thienes

In grünen und blauen Kisten locken Rote Beete, Kohlrabi oder Mangold auf der einen Seite, „Salate und Gedöns“ auf der anderen Seite. Die Kreidetafel auf dem Sims überm Buffet meint Knoblauch und Kräuter. Langsam aber sicher tröpfeln andere Anteilseigner ein, bedienen sich am Buffet. Junge Mütter erläutern ihren Sprösslingen, was es alles gibt. Der kleine Jakob schiebt Johannisbeeren in die Polsterbacken. Ein paar Männer grüßen und sind wieder weg. Eine städtische Angestellte bleibt für einen Plausch stehen. Die Frau eines Ortsvorstehers scheint die Wahl zwischen Scher- und Blumenkohl schwer zufallen.

Beate Zonsius entlässt ihre Ostfriesischen Schafe auf die Weide. Deren wollige Hintern hoppeln lauffreudig die Wiese bergan, begleitet von lautem Mäh. Die Landwirtin wagt derzeit einen Versuch mit Merguez-Würsten aus Schafshack. In ihrem Hofladen kann man auch Lamm kaufen neben Konfitüren, Honig, Likören oder Säften der Streuobstinitiative Kraichgau.

Beate Zonsius ist neben Andrea Schneider Mitbegründerin der SoLaWi in Bretten. Zonsius ruhige Bewegungen scheinen den Rhythmus des Jahres zu atmen von Säen, Wachstum, Reife und Ernte. Allerdings stehen sie in bemerkenswertem Kontrast zu Beate Zonsius munterer Mitteilungsfreude.

Belesene Macherin: Beate Zonsius ist von Haus aus Architektin, inzwischen aber glücklicher als Landwirtin, sagt sie. Die Mitgründerin der Solidarischen Landwirtschaft übernahm den Hof der Eltern. Foto: Irmeli Thienes

Die gelernte Gärtnerin erweist sich als belesen, berichtet von Gewohnheiten einstiger Zisterzienser Mönche, die bei jährlichen Treffen in Maulbronn neben Informationen auch Saatgut tauschten, das so in alle Welt kam. Sie erzählt von Bodengesundheit,guten Pflanzengemeinschaften. So nutzten sich Basilikum und Gurke gegenseitig,Tomaten und Kohlrabi, vertrügen sich gut. „Aber Dill ist eine Diva, der sucht sich immer seinen eigenen Platz“, sie lacht. Sie hat es aufgegeben, ihn platzieren zu wollen. Nun findet sie ihn auf ihren rund 60 Ar eben dort, wo er wachsen will.

SoLaWi bringt ein Stück Natur zurück

Andrea Schneider sah 2012 Beiträge über andere Modelle der Solidarischen Landwirtschaft im Fernsehen, sagt sie. Manche sind Vereine,andere Genossenschaften. In Bretten ist die SoLaWi eine lose Interessengemeinschaft.Andrea Schneider war, auch als junge Mutter, sofort begeistert von der Idee, dachte umgehend an Beate Zonsius und sah sich im Internet um. Sie fand tatsächlich Ansprechpartner in Bauschlott. Diese gaben den Brettenerinnen schon viele wertvolle Ratschläge, sagt Schneider und Beate Zonsius? „Sie war gleich interessiert.“

Ein Plus sei es, die Kinder nah an die Natur zu führen: „Was wächst wann“, sagt Andrea Schneider, wie schmeckt es, was kann man daraus machen? Katja Mendler und ihre Mutter wollten das knackige Gemüse nicht mehr gegen das „lotterige Supermarktzeug tauschen“. Sie könnten ein ganzes Kochbuch mit saisonalen Rezepten zum Besten geben.

Seit inzwischen drei Jahren laufe das Geschäft ganz rund,zur Zufriedenheit. Es macht etwa die Hälfte des Betriebsaufwands der Landwirtin Zonsius aus. Eigentlich Diplom-Ingenieurin für Architektur wurde sie arbeitslose Mutter, als das Architekturbüro schloss. Sie orientierte sich um nach etwas Sinnhafterem für sich, ihre Familie, ihr Leben. Das ehemalige Studium schlägt sich sichtbar im Umbau des Wohnhauses nieder, das sich die Familie – Zonisus ist auch Mutter zweier Töchter – mit ihren Eltern teilt. Sie haben den Hof vor ihr geführt. Beate Zonsius hat dem Bau eine schwedenrote Holzverkleidung außen und Bau-Ökologie drinnen verordnet, erzählt sie und verschwindet wieder kurz für dies oder das.

Stets zum Jahreswechsel wird bei der SoLaWi Kassensturz gemacht, neu kalkuliert. Wie hoch waren die Kosten, wie die Einnahmen? Das Wasser schlug in den vergangenen Jahren stark zu Buche. Dann werden die Beiträge angepasst für die Anteile für das nächste Jahr. „Wir brauchen ja Planungssicherheit.” Da sind sich beide einig. „Wenn aber jemand nicht ganz die Höhe zahlen kann,soll er uns einfach ansprechen“, sagt Beate Zonsius. „Uns ist Solidarität auch in die Richtung wichtig.“ Das könne auch anonym geschehen, niemand müsse davon erfahren.Der Ausgleich erfolge dadurch, dass andere, die es sich leisten könnten, als Förderer etwas mehr beitrügen.

Beate Zonsius geht gemächlich voran unter einem mächtigen Haselnussstrauch hindurch, verweist auf die herrliche Kühle darunter, um bei einem Lieblingsthema zu landen: dem Mulchen. „Wenn jeder mulchen würde, könnte man die lokale Temperatur deutlich senken.“ Dann deutet sie auf den Acker: „Karotten brauchen Wind im Haar“, sagt sie. Passend frischt der Abendwind auf und weht sacht über die je acht-Meter breiten Felder. Diese rotieren jährlich ein Feld hangabwärts. Für die Bodengesundheit.

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