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Wissensdurst auf Abwegen

Warum Impfgegner eher zu Verschwörungsmythen neigen

Der kritische Blick, das Hinterfragen von vermeintlichem Allgemeinwissen - was eigentlich einen aufgeklärten Bürger ausmacht, kann diesem beim Thema Impfen auf die Füße fallen. Das zeigen Untersuchungen.

Der kritische Blick, das Hinterfragen von vermeintlichem Allgemeinwissen - was eigentlich einen aufgeklärten Bürger ausmacht, kann diesem beim Thema Impfen auf die Füße fallen. Das zeigen Untersuchungen. Foto: Christoph Schmidt picture alliance/dpa

Impfen oder nicht impfen? Eltern informieren sich zugunsten ihrer Kinder in bester Absicht oft sehr gründlich. „Ich ging zuerst selbstverständlich davon aus, dass wir unseren Sohn impfen lassen“, berichtet beispielsweise ein 41-Jähriger Bruchsaler.

Bei der Ärztin angekommen, legte diese Michael Fuchs (Name geändert) und seiner Frau damals aber nahe, sich zuvor schlau zu machen. Ihr Sohn ist heute acht Jahre alt und bis heute nicht geimpft. Die Ärztin hatte gesagt: „Es geht schließlich um ihr Kind.“

Das stieß seinen Wissensdurst zum Thema Impfen an. Der Vater las zwei Bücher, sah Youtube-Videos an und vergrub sich in eine Menge an Informationen über vermeintliche Nebenwirkungen und Beistoffe. „Im Netz gute und schlechte Quellen zu unterscheiden, das traue ich mir durchaus zu. Ich habe Betriebswirtschaft studiert“, sagt er.

Er wäge stets beide Seiten ab und am Ende zähle die Wahrscheinlichkeit: „Wie wahrscheinlich bekommt unser Junge Tetanus, wie wahrscheinlich sind Komplikationen, die nicht behandelbar wären?“ Er glaubt im Freundes- und Bekanntenkreis zu sehen, dass ungeimpfte Kinder gesünder seien und geimpfte häufiger krank.

„Es ist unverantwortlich, die Masern-Impfung zu verweigern”
Dr. Cuma Özdem, Kinderarzt Knittlingen

Auch Ärzte oder Naturheilkundler haben das Bedürfnis und die Pflicht, ihr Wissen ausdifferenziert zu vermitteln, um möglichst gut zu beraten. Wo dann auf beiden Seiten – bei Eltern wie Medizinern – ein hohes Informationsniveau zum Thema Impfen zusammenkommt, kann die Komplexität angesichts verschiedener Krankheiten zu einer echten Herausforderung geraten – und das mit weitreichenden Folgen. Das haben Untersuchungen des Science Media Center (SCM) herausgearbeitet.

Das SMC als unabhängige Wissenschaftsredaktion kam mit Hilfe von Wissenschaftlern diverser Sparten zu dem Schluss, dass es oft die aufgeklärte Klientel ist, die beim Thema Impfen in eine selbstgemachte Falle tappe: Sie glaube aufgrund eigener Recherchen, am besten selbst für ihr Kind zu entscheiden – und damit entscheiden sie zugleich oft gegen geprüfte, zugelassene Impfungen und gegen Jahrzehnte an praktisch erprobten Impferfahrungen.

Professorin Cornelia Bertsch fand heraus, dass Menschen mit hohem Informationsbedürfnis oft mehr Falschwissen anhäuften und eine geringe Impfbereitschaft mitbrächten. Wer dagegen Vertrauen ins Gesundheitssystem und die Sicherheit von Impfungen habe, zeige eher korrektes Wissen diesbezüglich. Andersherum neigten Menschen mit niedrigem Vertrauen eher zu Verschwörungsmythen. Sie begründet dies damit, dass „wir Informationen danach auswählen, was wir ohnehin glauben.“

Der 41-jährige Vater ist andererseits seiner Sache sicher: „Wir werden Wege finden, ihn nicht gegen Masern impfen zu lassen.“ Da bei Masern seit März 2020 Impfpflicht gilt, sagt er: „Für die Gesundheit meines Sohnes zahle ich auch 2.500 Euro Geldbuße.“

Eine solche Geldbuße kann nach wiederholter Erinnerung vom Gesundheitsamt veranlasst werden. Denn Schulen müssen dem Gesundheitsamt von nun an melden, wenn Eltern den Nachweis der Masern-Impfung schuldig bleiben. Noch haben die Eltern Zeit bis 31. Juli 2021. Das Gesundheitsamt im Kreis hat noch keine Geldbußen verhängt.

Ich ging selbstverständlich davon aus, dass wir unseren Sohn impfen lassen.
Michael Fuchs, Betriebswirtschaftler aus Bruchsal

Der Knittlinger Kinderarzt Cuma Özmen sagt zur Verweigerung einer Masernimpfung: „Das ist unverantwortlich. Eines von tausend an Masern erkrankten Kindern stirbt“, so Özmen. Einem Impfkritiker-Argument, das Umfeld verdiene gut an Impfungen, entgegnet Özmen, diese machten maximal fünf Prozent seines Umsatzes aus.

Die Pharmaindustrie verdiene weit mehr mit der Herstellung von Medikamenten, widerlegt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Website. Das Institut geht auf seiner Homepage auf die 20 häufigsten Argumente der Impfkritiker detailliert ein. Es stellt Ergebnisse jahrzehntelanger Impfpraxis dar, nennt Impfunfälle transparent und auch die daraufhin gezogenen Konsequenzen.

In Stadt und Landkreis Karlsruhe liegt im Jahr 2018 die Zahl der Impfgegner mit 0,5 Prozent deutlich unter Bundesschnitt, teilt Peter Friebel, der Leiter des Gesundheitsamtes Karlsruhe auf Frage mit.

In 17 Jahren kam uns keine Bescheinigung über Impfunfähigkeit unter.
Isolde Wagner, Stellvertretende Leiterin des Kulturamtes Bretten

Bis heute liegen den Brettener Schulen in städtischer Trägerschaft keine Impfunfähigkeits-Bescheinigungen bezüglich Masern vor. So informieren der Geschäftsführende Schulleiter Wolfgang Mees und die Stadt Bretten. „In 17 Jahren nicht eine“, so Isolde Wagner vom Kulturamt.

Kindergärten und Kindertagesstätten lassen sich das Impfbuch im Anmeldeverfahren vorlegen. Sie empfehlen den Eltern, dies zu ändern und dürfen bei Nichtvorlage der Masernimpfung die Aufnahme verweigern. Schulen dürfen das nicht. Die Schulpflicht steht dem entgegen.

Hintergrund Impfen

Impfungen wirken auf zwei Wegen. Die Krankheit breitet sich weniger bis nicht mehr aus, weil Resistente (Geimpfte) die Weitergabe unterbrechen. Das schützt auch Ungeimpfte - über die sogenannte Herdenimmunität. Ob Impfungen aufzufrischen oder generell nötig wären, kann ein Arzt im Blutserum feststellen.

Bis auf die Masern-Impfung ist keine der 15 vom RKI empfohlenen Impfungen gesetzlich verpflichtend. Von diesen Empfehlungen können freiberuflich tätige Ärzte abweichen.

Mehr zur Masern-Impfpflicht.

Derzeit stehen laut Gesundheitsamt Impfungen zur Verfügung gegen die Bakterien: Cholera, Diphtherie, Haemophilus influenzae Typ B, Meningokokken, Milzbrand, Pertussis (Keuchhusten), Pneumokokken,Tetanus oder Typhus. Und gegen diese Viren:FSME, Gelbfieber, Hepatitis A, Hepatitis B, HPV, Influenza, Japanische Enzephalitis (Hirnentzündung), Masern, Mumps, Pocken, Poliomyelitis (Kinderlähmung), Röteln, Rotavirus, Tollwut,Varicella Zoster Virus (Windpocken, Gürtelrose). Gesucht wird noch nach Impfstoffen gegen Malaria, HIV, Hepatitis C, Ebola, Covid-19, so das Gesundheitsamt.

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