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Telemedizin in Bretten

Wie Therapeuten und Ärzte im Raum Bretten die Telemedizin nutzen

Sie spart Patienten weite Wege, mindert das Infektionsrisiko und ist doch manchmal zweite Wahl: die Videosprechstunde bei Ärzten, auch in Bretten. Die Telemedizin kann manches ersetzen, aber der persönliche Kontakt bleibe wichtig.

Kein vollwertiger Ersatz: Die Zahl der Videosprechstunden nehmen bei Brettener Ärzten zu, wie auch beispielsweise in der Praxis Stütz, hier genutzt von Dr. Johannes Hummel. Der persönliche Kontakt aber bleibt oft unentbehrlich. Foto: Tom Rebel

Die Zahl der Videosprechstunden steigt pandemiebedingt, auch im Raum Bretten – allerdings mit deutlichen Unterschieden je nach ärztlicher Fachrichtung. Bundesweit seien es laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) vor allem psychotherapeutische Praxen, die eine große Zunahme bei der Telemedizin bestätigen. Und auch in Bretten greifen Therapeuten offenbar häufiger auf das Medium zurück als beispielsweise Allgemeinmediziner.

Regine Morgan hatte am 16. März 2020 noch einmal Glück. Sie kam mit einem der letzten Flugzeuge aus Spanien zurück und gewann dabei den Eindruck, „dass das alles ernster wird“. Die Therapeutin brachte darum ziemlich zügig die Anmeldungspapiere auf den Weg zur KBV. Sie nutzt seitdem deren Software für die Videosprechstunde – bei allen Patienten.

Eine Präsenzbehandlung finde bei ihr derzeit nicht mehr statt. Sie habe in den vergangenen Wintern selbst oft an Infekten gelitten, und ihre 87-jährige Mutter wohne im selben Haus. Doch auch die Patienten nähmen es dankbar auf, nicht jedes Mal beispielsweise von Bruchsal, aus dem Heilbronner Raum oder dem Raum Vaihingen anfahren zu müssen. „Sie gingen fast alle mit, bis auf etwa zehn Prozent“, sagt Morgan.

Videosprechstunden sind Therapeuten erst seit Oktober 2019 erlaubt.
Almut Nagel-Brotzler, Fachärztin für Frauenheilkunde, Psychotherapie und Psychoonkologie

Therapeuten können seit Beginn der Pandemie die meisten ihrer Leistungen per Videosprechstunde erbringen, sagt die Frauenärztin und Psychotherapeutin Almut Nagel-Brotzler. Ausnahmen bestehen ihr zufolge aber für Akutsprechstunden. Diese dürften nur in Präsenz stattfinden.

Sie bestätigt – wie auch ihre Brettener Kollegin Christiane Benjowsky – die pandemiebedingte Zunahme der Videosprechstunden. Erlaubt sind Videosprechstunden erst seit 1. Oktober 2019, so Nagel-Brotzler. Bei ihr machten die Videosprechstunden circa 15 Prozent aus, in der Regel genutzt von denjenigen ihrer Patienten mit körperlichen Einschränkungen, weiten Anfahrtswegen oder Menschen, die sich in Quarantäne befinden.

Die Therapeutinnen sind – nach anfänglichem Holpern, wie Regine Morgan sagt – mit der Software sehr zufrieden. „Sie ist bedienerfreundlich“, so Benjowsky. Das klare Bild und die störungsfreie Übertragung freut auch Regine Morgan.

Die Stimme sagt schon viel über den Zustand des Patienten

Bei Benjowsky sind es bis zu 20 Prozent. Die meisten meldeten sich wegen Infekten. Videosprechstunden seien der telefonischen Betreuung deutlich voraus, so die Therapeutin: „Zwar sagt schon die Stimme ganz viel. Mehr aber zeigen uns noch Körpersprache und Mimik.“ Das sei auch schon Schulungsinhalt.

Demgegenüber vermelden Joachim Leitz, Facharzt für Innere und Notfallmedizin, sowie Wolfgang Stütz, Internist und Diabetologe, dass die Telemedizin selten zum Tragen komme. Laut Stütz seien es monatlich etwa zehn Videosprechstunden. Auch in der Praxis Leitz sind sie aufgrund des Alters seiner Klientel selten. Beiden Ärzten zufolge nutzen vor allem jüngere, internetaffine Patienten die Telemedizin.

Und sie komme dort zum Einsatz, wo das gegenseitige Sehen von Bedeutung sei und den persönlicheren Kontakt intensiviere, wo also das Telefongespräch nicht reiche. Denn Blutwerte oder der weiter fortgeschrittene Heilungsverlauf ließen sich auch gut am Telefon klären. Fachärzte für Organe nutzen dagegen kaum Videosprechstunden.

Senioren fehlt oft das digitale Knowhow

Allgemeinmediziner Leitz weiß von seinen Patienten im Alter von meist zwischen 65 und 85, dass sie oft weder einen PC noch ein Smartphone nutzen, diese ohne Hilfe von Angehörigen nicht bedienen können – jedenfalls, so Leitz, „die überwiegende Mehrheit“.

Generell sei das Medium ein interessanter Ansatz, so Leitz, manchmal eine Bereicherung, so Stütz. Beim Abhören und Abtasten, also der körperlichen Untersuchung, komme das Video-Gespräch naturgemäß an seine Grenzen, sowie bei Labor, Ultraschall oder EKG, berichten die Mediziner.

Leitz sieht das eigentliche Problem einer Videosprechstunde darin, dass „der Tag nur 24 Stunden hat“. Er müsste Abstriche bei den normalen Praxiszeiten machen, bei Telefonsprechstunden, Pflegeheim- und Hausbesuchen. Das sei weder im Interesse der Patienten noch angesichts seiner eingespielten Praxisorganisation sinnvoll. Er sei aber sicher, dass Videosprechstunden künftig eine Rolle spielen werden, besonders bei Angeboten durch Großpraxen und Krankenkassen.

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