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Übergewicht bei Jugendlichen

Viele Kinder bewegen sich im Lockdown zu wenig

Experten warnen: Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen könnte sich durch die Pandemie noch verstärken. Sie sagen aber auch: Das Problem war schon lange vor Corona da.

Neben einer gesünderen Ernährung empfehlen Ärzte vor allem Sport gegen die Pfunde. Auch der gestiegene Medienkonsum während der Corona-Zeit ist ein Problem. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Wenn der 13-jährige Nils morgens aus seinem Bett aufsteht, geht es zurzeit direkt vor den Computer: Der Lehrer bittet zum Online-Unterricht. Der Weg zur Schule fällt ebenso aus wie die Sportstunde. Zwischendurch sucht der Schüler immer mal wieder etwas zu essen, am liebsten Süßes – manchmal auch nur aus Langeweile und weil der Kühlschrank ja direkt um die Ecke steht.

Nachmittags geht es mit einem Glas Cola an die Konsole, die Eltern sollen ja bei ihrer Arbeit im Homeoffice nicht gestört werden. Abends wird dann auf dem Smartphone mit Freunden gechattet, das Fußballtraining fällt ja auch aus. Und am nächsten Tag das Ganze wieder von vorne.

Nils ist ein fiktiver Schüler aus Bruchsal, der aber auch ganz woanders leben könnte. Wenn auch etwas überspitzt: Eine bloße Erfindung ist der Charakter aber mitnichten. Er beschreibt das, was Eltern über die Zeit im Homeschooling von ihrem Nachwuchs berichten.

Und er entspricht dem, was der Kinder- und Jugendarzt Bernhard Zehe viel zu oft in seiner Praxis sitzen hat: einen Jugendlichen, der sich zu wenig bewegt und sich womöglich auch noch schlecht ernährt.

Kinderarzt sieht wegen Corona und wenig Bewegung kein Weltuntergangsszenario

Dick muss Nils deshalb aber längst nicht sein. Da spielen auch andere Faktoren eine große Rolle, und dafür werden auch die schlechten Gewohnheiten aus einigen Monaten nicht ausreichen. Das ist dem Bruchsaler Arzt Zehe auch wichtig zu betonen. „Der aktuelle Lockdown entspricht dem üblichen Zeitraum der Sommerferien“, sagt er und sieht daher „kein Weltuntergangsszenario“.

Seine Erkenntnis aus der Pandemie: „Wir haben weder letztes Jahr noch heute Katastrophen erlebt.“ Die Schulschließungen hält Zehe grundsätzlich für richtig. Als Corona-Schwerpunktpraxis hat er selbst erfahren, wie infektiös Kinder sind und wie die Zahlen zurückgingen, nachdem die Bildungseinrichtungen zugemacht wurden.

Das Problem mit dem Übergewicht, das aus Bewegungsmangel, schlechter Ernährung und übermäßigem Medienkonsum entsteht, will der Arzt aber auch nicht kleiner reden, als es ist. Nur: Es war schon lange vor Corona da.

Zehe verweist auf einen Satz, den die heutige EU-Kommissionspräsidentin und damalige Familienministerin Ursula von der Leyen 2006 gesagt hatte: „Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht.“ Das Problem sei also längst nicht neu, auch wenn man heute das Fernsehen um die ganze Palette der Medien erweitern müsse.

Kinder brauchen Anregung und Anleitung bei der Bewegung

Klaus Bös aus Bad Schönborn, der Professor für Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist, erwartet durchaus negative Auswirkungen der Corona-Zeit auf das Übergewichtsproblem, auch wenn dafür noch keine aktuellen Erhebungen vorliegen.

Was er und seine Kollegen allerdings schon messen konnten, ist die Tatsache, dass sich Kinder und Jugendliche viel weniger bewegen. „Im ersten Lockdown wurde Bewegung durch Alltagsaktivitäten kompensiert“ sagt er.

„Das ersetzt bei Kindern aber die sportliche Aktivität nicht.“ Sie bräuchten Anregung und Anleitung, die nun die Eltern für Schulen und Vereine mitübernehmen müssten. Außerdem fehle den Kleinen die Gruppe.

Genau wie Zehe plädiert Bös dafür, Sport in Kleingruppen gerade für Kinder und Jugendliche so bald wie möglich wieder zuzulassen. „Die tatsächlichen Auswirkungen dieser Krise werden wir erst in drei bis fünf Jahren sehen“, schätzt der Sportwissenschaftler.

Sozialstatus und Wohnumfeld spielen wichtige Rolle

In ihrer Studie haben die KIT-Forscher festgestellt, dass Bewegungsmangel während der Corona-Zeit stark vom Wohnumfeld abhängt. Wer einen Garten hat, profitiert. „Wir sind davon überzeugt, dass Menschen in ländlichen Gebieten besser durch die Krise kommen“, sagt Bös. Wie immer, wenn es um Übergewicht geht, ist aber auch der Sozialstatus eine wichtige Variable.

Davon kann eine Erzieherin aus der Region berichten. Sie ist in ihrer Kita für den Einkauf zuständig, wobei viel Wert auf gesunde Ernährung gelegt wird. Zucker ist so gut es geht tabu, vor allem in Getränken, vor denen auch Kinderarzt Zehe besonders warnt. Auch auf Marmeladen wird verzichtet, es gibt Vollkornbrot und fettarmen Joghurt.

Auch während der Notbetreuung wird auf ausreichend Bewegung geachtet. Das heißt: Kinder, die aktuell betreut werden, leben wohl in aller Regel gesünder als jene, die daheim sind und auch noch auf Kinderturnen und Krabbelgruppe verzichten müssen.

Die Erzieherin kann von einem ganz realen Fall berichten, der nachdenklich macht. Bei einem übergewichtigen Kind in der Gruppe wurden die Eltern gebeten, den Nachwuchs doch während der Pandemie in die Notbetreuung zu bringen. Viele lassen aktuell ihre Sprösslinge weiterhin im Kindergarten betreuen. Das übergewichtige Kind, für das es wichtig wäre, ist nicht dabei.

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