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Woche der Armut

Kinderarmut in Bruchsal und Bretten: Wenn Schüler den ganzen Tag im Pyjama verbringen

Seit der Schulöffnung müssen nicht nur Lerninhalte nachgeholt werden. Schulsozialarbeiter und psychologische Beratungsstellen berichten von erschöpften Familien. Erst langsam kommt dort der Alltag unter Corona an.

Beratungsbedarf gestiegen: In der Coronazeit ist nach Homeschooling, Jobverlust, Kurzarbeit oder innerfamiliäre Auseinandersetzungen der Beratungsbedarf gestiegen. Erst langsam wird damit begonnen, die Probleme aufzuarbeiten. Foto: David Ebener picture alliance / dpa

Corona hat viele familiäre Probleme wie unter einem Brennglas gezeigt: „Menschen in finanziell prekären Situationen, mit Migrations- oder Fluchterfahrung sowie Alleinerziehende sind besonders betroffen“, sagt Birgit Eisenhuth-Meister, Fachbereichsleitung der Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche.

Die Beratungsstellen der Diakonie in Bruchsal und Bretten können schnell Erstgespräche anbieten. Sie waren besonders in der Corona-Zeit gefragt. Und sind es noch heute.

Nach Corona sind ganze Familien am Rande ihrer Kräfte.
Birgit Eisenhuth-Meister, Leitung der Psychologische Beratungsstelle

„Seit die Schulen wieder geöffnet sind, haben wir es mit sehr erschöpften Eltern zu tun und ganzen Familien, die am Ende ihrer Kräfte sind“, erzählt die Heilpädagogin: Alltagsstrukturen, die weggebrochen sind. Kinder und Jugendliche im Homeschooling, deren Medienkonsum aus dem Ruder gelaufen ist.

Kinder, die den Lockdown als Schonraum empfanden und jetzt Angst haben, wieder in den Kindergarten oder die Schule zu gehen. Die Bandbreite ist groß und das Thema komplex, sagt Eisenhuth-Meister. Manchmal war schlicht kein Geld für den Internetzugang da, obwohl für das Homeschooling Tablets verteilt wurden.

„Soziale Ausgrenzung durch Corona vermeiden“ ist das Motto der Woche der Armut vom 18. bis 22. Oktober. Dabei wollen die Liga der freien Wohlfahrtsverbände Baden-Württemberg auf die Herausforderungen aufmerksam machen. Darunter auch die AWO Karlsruhe-Land, der Caritasverband Bruchsal und die Diakonie Bruchsal.

Gewalterfahrung und sexueller Missbrauch sind zunehmend Thema

„Neben den Lerninhalten muss jetzt einiges aufgearbeitet werden“, erzählt Rafael Dreher, beim Caritasverband Bruchsal für Kinder- und Jugendarbeit und das Juze in Graben-Neudorf zuständig: Kinder, die den ganzen Tag nicht aus dem Pyjama rausgekommen sind.

Streitende Eltern in viel zu kleinen Wohnungen. Mobbing rund um die Uhr in den sozialen Medien. Aber auch Gewalterfahrung und sexueller Missbrauch sind Themen, die laut Dreher zunehmend bei Schulsozialarbeitern oder in Jugendeinrichtungen angesprochen werden. „Der Gesprächsbedarf ist enorm“, sagt der Caritas-Bereichsleiter.

Auch bei der Schulsozialarbeit der AWO spürt man die Auswirkungen von Lockdown und Homeschooling: „Mein Kind sitzt nur noch am Computer“, zitiert Samuel Zimmermann von der Schulsozialarbeit Kraichtal besorgte Eltern. Über Online-Sprechstunden und Telefon wurde versucht, Kontakt zu halten.

Mittlerweile gebe es auch wieder persönliche Gespräche. „Für Familien war es anstrengend“, ist seine Beobachtung. Es gebe aber auch sensible Schüler, die im Online-Unterricht aufgeblüht seien. Für die wird nun nach Möglichkeiten gesucht, den Schulbesuch entspannter zu gestalten.

Tafeln haben soziale Beratungs ausgeweitet

Bereits vor einem Jahr hatten die drei Wohlfahrtsverbände auf das Thema Kinderarmut aufmerksam gemacht. Die Reaktionen waren durchweg positiv: „Gut, dass ihr euch um das Thema kümmert“, bekam Sabine Stemann-Fuchs, Vorstandsvorsitzende des Caritasverbands Bruchsal, als Rückmeldung. Im Lockdown seien die Wohlfahrtsverbände für viele Hilfssuchende einer der wenigen Ansprechpartner gewesen.

Die soziale Beratung in den Lebensmittel-Tafeln wurde deshalb ausgeweitet. Betroffene bekamen neben Ratschlägen auch Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen für Existenzsicherung oder Zuschüsse. Viele Behörden waren nämlich nur noch telefonisch erreichbar.

„Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund sind mit den Formularen im Beamtendeutsch völlig überfordert“, hat Stemann-Fuchs festgestellt. Coronabedingt konnten aber Angebote, wie die seit 2018 stattfindende Freizeit der Diakonie für Alleinerziehende, nur als Ausflug stattfinden. 33 Personen, darunter 21 Kinder nahmen teil.

Zitat

„Viele Familien haben in der Coronazeit Verzicht erlebt, etwa wenn der Nebenjob weggefallen oder ein Elternteil in Kurzarbeit ist“, so Elke Krämer, Geschäftsführung des AWO-Kreisverbands Karlsruhe-Land. Bei gemeinsamen Aktionen wie einem Tanz-Workshop hätten eigene Erfahrung mit Armut Verständnis geweckt.

Bei Spielbörsen oder Flohmärkten konnten gut erhaltene Sachen weitergegeben werden. Für Krämer ist die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit dem Thema Armut immer eine Gratwanderung: „Wie weit können sich Kinder outen, ohne später unter Gleichaltrigen stigmatisiert zu werden?“

„Wann ist man arm? Wenn man keinen Urlaub machen oder keine Markenklamotten kaufen kann?“ Mit diesen existenziellen Fragen von Kindern müssen sich nach Angaben von Ulrike Durst-Fettig, Dienststellenleiterin der Diakonie Bruchsal, zunehmend die Mitarbeiter in der offenen Jugendsprechstunde beschäftigen.

Wenn Familien ohnehin in prekären Verhältnissen und in viel zu kleinen Wohnungen leben, kann die Situation im Corona-Lockdown schnell eskalieren.

Fußball oder Musikunterricht als „Seelentank“

In die Psychologische Beratungsstelle der Diakonie kamen Eltern mit der bangen Frage, ist mein Kind depressiv oder gar Selbstmord-gefährdet? Die Mitarbeiter versuchen, sich dabei immer einen eigenen Eindruck zu verschaffen oder verweisen an Kinder- und Jugendpsychologen.

„Wenn Fußball oder Musikschule als Seelentank wegfällt, ist auch das seelische Gleichgewicht nicht mehr da“, hat Heilpädagogin Birgit Eisenhuth-Meister festgestellt. Das könne jedes Kind aus jeder sozialen Schicht treffen: „Wenn es aber schon vorher Probleme in der Familie und weitere Krisen gab, hat sich das potenziert.“

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