Skip to main content

Bad Schönborner wählt bis zu 100 Mal am Tag den Notruf – Haftstrafe

Seine Faxe füllen mittlerweile dicke Aktenordner, mehr als 10.000 E-Mails verstopfen die Postfächer des Polizeireviers Bad Schönborn. Nun musste sich der 49-Jährige wegen Notrufmissbrauchs vor Gericht verantworten.

Weil er bis zu 100 Mal am Tag den Notruf wählte, muss ein Mann nun ins Gefängnis. Foto: Armin Weigel/dpa/Symbolbild

Eigentlich will der 49-jährige aus Bad Schönborn ja nur seinen Führerschein wieder. Oder „interessante rechtliche Fragen“ stellen, wie etwa eine Deutschlandflagge im Mülleimer zu bewerten sei. Also ruft man doch am Besten bei der Polizei an, oder?

Die Beamten des Polizeireviers Bad Schönborn sehen sich ja prinzipiell schon als Freund und Helfer, aber bei einem Daueranrufer, der zudem schnell beleidigend wird und Faxe mit Kraftausdrücken schickt, war die Geduld irgendwann am Ende.

Letztlich wurde die Nummer des mitteilungsfreudigen Mitbürgers geblockt, er bekam zudem eine Kontaktsperre mit einem Zwangsgeld bei Nichtachtung. Folglich versuchte er seither, Gehör zu finden über den Notruf 110, zur Sicherheit auch über die 112.

Vor dem Bruchsaler Amtsgericht hatte er sich nun wegen „Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln“ zu verantworten. Die Anklage bezog sich auf Vorgänge im November 2019 sowie im November 2017, als er an manchen Tagen bis zu 100 Mal den Notruf 110 gewählt hatte.

Dicker Aktenordner voller Faxe

Bei der Zeugenvernehmung gingen die Zahlen außerhalb der Zeiträume in der Anklageschrift steil nach oben: Im Polizeirevier Bad Schönborn seien inzwischen über 10.000 E-Mails vom Angeklagten eingegangen, der Leiter der Notruf-Leitstelle dokumentierte allein in diesem Jahr 855 Anrufe und einen dicken Aktenordner voller Faxe.

Der gelernte Computerfachverkäufer, der sich nach 14-tägigem Informatikstudium als EDV-Fachmann selbständig gemacht hatte, kam in der Verhandlung immer wieder zurück auf ein Dokument der Führerscheinstelle aus dem Jahr 2012, in dem er 2012 falsche Angaben entdeckt haben will. Deshalb werde ihm der Führerschein verweigert, daher seine ständigen Anfragen. Richterin Regina Hintermayer hatte permanent Mühe, die abschweifenden Wortmeldungen des Angeklagten wieder in die Bahnen des Falles zu lenken. Die Gutachterin brachte die psychologischen Probleme auch in Relation mit Alkohol und Cannabis, sie riet zur psychiatrischen Behandlung.

Für Staatsanwaltschaft keine Reue erkennbar

Die Staatsanwaltschaft sah den Vorwurf der Anklage vollumfänglich bestätigt und forderte wegen Notrufmissbrauchs sowie wegen Beleidigung eine Freiheitsstrafe von neun Monaten – ohne Bewährung, da keine Reue erkennbar sei und eine Fortsetzung befürchtet werden müsse.

Der an sich wortkarge Verteidiger, der während der Verhandlung oft sein Handy interessanter fand als die rhetorischen Spiralen seines Mandanten, erkannte durchaus Einsicht, lobte das Geständnis und forderte lediglich eine angemessene Haftstrafe. In der abschließenden Stellungnahme sah sich der Angeklagte als permanentes Opfer, dessen Akten gefälscht werden. Richterin Hintermayer sah das anders und ging über den Antrag der Staatsanwaltschaft noch um zwei Wochen hinaus.

nach oben Zurück zum Seitenanfang