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Badische Erinnerungskultur

Erinnerungsstätte auf ehemaligem KZ-Gelände bei Bruchsal muss ohne Fördergeld vom Bund auskommen

Der geplante Lernort Kislau bei Bruchsal wird ohne Fördermittel der Bundesregierung gebaut werden müssen. Die lehnte einen Antrag auf Förderung der Erinnerungsstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers ab.

Schloss Kislau bei Bad Schönborn. Auf dem Gelände des ehemaligen KZs soll ein Lernort entstehen. Foto: Rake Hora /BNN

Rassismus, Antisemitismus und krude Verschwörungstheorien bekommen derzeit Aufwind. Gleichzeitig kennen immer weniger Menschen Zeitzeugen persönlich, die das Unrechtsregime der Nationalsozialisten miterleben mussten. Umso wichtiger ist die Erinnerungskultur und die Aneignung historischer Sachverhalte.

Das hat sich der Verein „Lernort Zivilcourage & Widerstand“ (LZW), der 2012 gegründet wurde, auf die Fahnen geschrieben. Er möchte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Kislau zwischen Bad Schönborn und Kronau eine Erinnerungsstätte — einen Lernort — schaffen, an dem sich Menschen jeden Alters mit dem Aufstieg und dem Terror-Regime des Nationalsozialismus sowie mit den Unterschieden zwischen Demokratie und Diktatur auseinandersetzen können.

Die Schlossanlage Kislau wird heute als Außenstelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal genutzt. Von einer unscheinbaren Stele abgesehen, die 1984 auf private Initiative hin aufgestellt wurde, erinnert auf dem Areal nichts daran, dass dort von 1933 bis Frühjahr 1939 ein Konzentrations- und Bewahrungslager für Baden untergebracht war.

Vor den Toren der Anlage soll für 1,5 Millionen Euro ein Ausstellungsgebäude entstehen. Die Summe würde die Kosten für einen Neubau und die Einrichtung der Ausstellung abdecken. „Das könnte eine solide Basis sein“, erklärt die LZW-Projektleiterin Andrea Hoffend. Die ambitionierte Finanzierungssumme sei unter anderem nur dadurch möglich, dass ein Architekturbüro unentgeltlich die Pläne für den Bau gemacht habe.

Lernort kann nicht im historischen Gebäude eingerichtet werden

Der Verein hätte es vorgezogen, den Lernort im historischen Bestandsgebäude unterzubringen. Doch der Neubau ist notwendig, weil sich dort zum einen die Außenstelle Kislau der Justizvollzugsanstalt Bruchsal befindet. Zum anderen hatte die Landesbaubehörde eine mögliche Fläche im Obergeschoss des Wirtschaftsgebäudes geprüft, die Renovierung aber aus finanziellen Gründen abgelehnt.

Das Land Baden-Württemberg fördert die Arbeit des Projekts Lernort Kislau seit 2018 institutionell. Auch vom Landkreis Karlsruhe, dem Rhein-Neckar-Kreis und der Stadt Karlsruhe sowie den Städten Bretten, Bruchsal, Stutensee und Waghäusel wird das Projekt finanziell gefördert. Im Doppelhaushalt 2020/21 des Landes sind bis zu 750.000 Euro für die bauliche Umsetzung des Lernorts vorgesehen. Diese Mittel kommen allerdings nur in dem Maße zur Auszahlung, in dem der Verein Mittel in mindes­tens gleicher Höhe für den Bau einwerben kann. „Entsprechend große Hoffnungen hatten wir in den Bundesantrag gesetzt“, sagt Andrea Hoffend.

Doch es werden keine Bundesmittel fließen: Die Beauftragte der Bundes­regie­rung für Kultur und Medien (BKM) teilte der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Baden-Württemberg, die den Antrag für den Verein stellte, mit, dass die Gewährung von Fördermitteln in Höhe von 750.000 Euro abgelehnt wurde. Im Falle einer Bewilligung hätte der Lernort Kislau im Jahr 2022 seine Pforten für Besucher öffnen können.

Unterstützung liegt in der Verantwortung des Landes Baden-Württemberg

Im Begründungsschreiben der BKM heißt es, das zuständige Expertengremium habe das bürger­schaftliche Engagement und die Professionalität der Beteiligten gelobt, dem Projekt jedoch keine gesamt­staatliche Relevanz beigemessen. Angesichts der großen regionalen Bedeutung von Kislau als Erin­ne­rungsort liege es in erster Linie in der Verantwortung des Landes Baden-Württemberg, das Projekt Lernort Kislau zu unterstützen.

Wir sind zwar enttäuscht, aber uns kann nichts mehr schocken.
Andrea Hoffend, Projektleiterin

„Es ist nicht so ganz nachvollziehbar“, sagt Andrea Hoffend. Es gebe viele spannende historische Aspekte des ehemaligen Konzentrationslagers, die von gesamtstaatlichen Interesse wären. Einerseits hätte es für ein frühes Lager lange Bestand gehabt, andererseits sei es das einzige Durchgangslager für deutsche Fremdenlegionäre gewesen. Die BKM hat in dieser Förderrunde vier Projekte mit rund 4,5 Millionen Euro bewilligt; davon sind rund 3,7 Millionen Euro an das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gegangen.

Gibt es Fördergeld vom Land?

„Das Projekt Lernort Kislau hat große Hoffnungen in den BKM-Antrag gesetzt. Dass er abgelehnt wurde, bedauern wir sehr“, sagt auch Katrin Hammerstein, Leiterin des Fachbereichs Gedenkstättenarbeit der LpB. Die Förderung wäre eine „großartige Möglichkeit“ gewesen, die Komplementärfinanzierung zu erreichen, die für die Förderung durch das Land erforderlich sei. Wie es damit nun weitergehe, müsse man sehen.

„Wir sind zwar enttäuscht, aber uns kann nichts mehr schocken“, gibt sich Andrea Hoffend zuversichtlich. Ein Neubau vor den Toren der Kislauer Schlossanlage sei die einzig mögliche Lösung, um vor Ort Vermittlungsarbeit leisten zu können. „Dieses Ziel werden wir auch weiterhin fest im Blick behalten“, sagt sie. Gemeinsam mit dem Vorstand wolle man überlegen, wie man verstärkt mit Fundraising arbeiten könne. „Die Basis muss aber das Land legen, die müssen überlegen, ob sie das Projekt wollen oder nicht“, erklärt die Projektleiterin. Zugleich gelte es aber auch, die virtuellen und mobilen Angebote weiter auszubauen.

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