Skip to main content

Leichtsinn am Bahnsteig

Bahn warnt nach tragischem Unglück an Bruchsaler Tunnelstraße mit Banner vor Gleisunfällen

Immer wieder verunglücken Menschen an Gleisanlagen der Deutschen Bahn. Leichtsinn oder Unachtsamkeit sind meistens die Gründe. An der Haltestelle der Bruchsaler Tunnelstraße wurde jetzt ein Banner aufgehängt. Dort verunglückte vor zwei Jahren ein 16-Jähriger und erlitt einen Stromschlag.

Ronny Oelschner (li), Fachreferent Prävention bei der Bahn, und Andreas Hassmann, Kriminalbeauftragter bei der Bundespolizei Karlsruhe, befestigen das Banner oberhalb der Haltestelle Tunnelstraße
Ronny Oelschner (li), Fachreferent Prävention bei der Bahn, und Andreas Hassmann, Kriminalbeauftragter bei der Bundespolizei Karlsruhe, befestigen das Banner oberhalb der Haltestelle Tunnelstraße Foto: Monika Eisele

„16-Jähriger erleidet lebensgefährlichen Stromunfall“ meldete im Oktober 2019 die Polizei. An der Haltestelle Tunnelstraße war der Jugendliche auf einen Güterwagon geklettert und erlitt, ganz ohne Körperkontakt zur stromführenden Oberleitung, schwerste Verletzungen durch einen sogenannten Stromüberschlag.

„Schon ein Abstand von 1,5 Metern reicht aus, damit sich der Strom seinen Weg durch die Luft in den Körper sucht. Trägt man feuchte Kleidung oder ist die Luftfeuchtigkeit hoch, besteht erhöhte Unfallgefahr auch in größeren Entfernungen“, warnen die Experten der Bahn und der Bundespolizei. Um auf diese – oft unterschätzte Gefahr – aufmerksam zu machen, haben sie gestern, Montag, 22. März, ein Banner oberhalb der Haltestelle angebracht.

Sieben Bahnunfälle mit tödlichem Ausgang

Im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei Karlsruhe, der sich ungefähr von Calw bis Mannheim erstreckt, gab im vergangenen Jahr 14 Bahnunfälle – sieben davon endeten tödlich, vier Menschen erlitten Verletzungen.

Ronald Wachsmuth, Fachreferent Prävention bei der Bahn, war selbst über 30 Jahre Lokführer. Er beschreibt das Prozedere: „Bis der Unfallort nach einem Stromunfall so gesichert ist, dass die Helfer ungefährdet zum Verletzten gelangen können, kann bis zu einer halben Stunde dauern. Die Sicherheit für die Rettungskräfte muss gewährleistet sein“.

Zunächst muss die Strecke vom Netz genommen werden, dann werden die Leitungen geerdet, damit niemand mit dem verbleibenden Strom in Berührung kommt. „Erst wenn ein geschulter Mitarbeiter die Leitungen überprüft hat, darf die Rettung zum Unfallort“, erklärt Wachsmuth.

Glück für den 16-Jährigen, dass eine Mitarbeiterin vom Haus der Begegnung ihren Instinkten gefolgt ist und Ersthilfe leistete. Ohne diese hätte er wohl nicht überlebt. Glück aber auch für Lisa Fuchs, die ihren Ersthilfeeinsatz zumindest körperlich unbeschadet überstanden hat.

„Leitung, Mitarbeiter und Freunde des Jugendlichen leiden bis heute unter dem Erlebten“, erzählt Thomas Belser, Hausleiter im Haus der Begegnung. Manche Jugendliche hat er seit dem Unfall nicht mehr gesehen. „Sie schaffen es nicht, an diesen Ort zu kommen“, sagt Belser. Das Haus der Begegnung liegt gegenüber der Haltestelle und der Jugendliche ist oft mit Freunden dort gewesen.

Oberleitung hat 65-fachen Strom einer normalen Steckdose

Unwissenheit, Leichtsinn, Mutproben sind oft Ursachen, die zu solch schweren Unfällen führen. „Der Strom fließt mit 1000 Ampere und 15.000 Volt durch die Oberleitung. Das ist das 65-fache einer normalen Haushaltssteckdose“, sagt Daniela Barg von der Bundespolizei Karlsruhe. Kammerflimmern, Atemstillstand und starke Verbrennungen, die der Strom auf seinen Weg durch den Körper hinterlässt, sind die Folgen.

Mindestens ebenso gefährlich sind unerlaubte Gleisquerungen. „Zum einen werden die Geschwindigkeiten herannahender Züge unterschätzt. Zum anderen haben Züge einen langen Bremsweg“, erklärt Wachsmuths Kollege Ronny Oelschner. Tauche nach einer Biegung ein Mensch auf den Gleisen auf, habe ein Lokführer keine Chance rechtzeitig zu bremsen. „Eine Situation, die man niemandem wünscht und die mir glücklicherweise erspart blieb“, sagt Wachsmuth.

Allein in Baden-Württemberg gab es vergangenes Jahr 71 Bahnunfälle. Mit einer bundesweiten Aktion setzen sich Bahn und Bundespolizei für mehr Aufklärung und Prävention ein. „Bahnübergänge, Gleise und auch Bahnsteige sind kein Spielplatz, sondern im schlimmsten Fall lebensgefährlich“, betont Andreas Hassmann, Kriminalbeauftragter der Bundespolizei Karlsruhe.

nach oben Zurück zum Seitenanfang