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Warnung vor Faschismus

Bruchsal erinnert mit Projektion an Luftangriff vor 75 Jahren

Vor 75 Jahren wurde Bruchsal durch einen Luftangriff im Zweiten Weltkrieg umfassend zerstört. Innerhalb eines umfangreichen Gedenkprogramms kamen im Bürgerzentrum sowohl Zeitzeugen von damals als auch Schüler mit emotionalen Gedanken zu Geschichte und Gegenwart zu Wort.

Projektionen der Stadtgeschichte am Bruchsaler Schloss zum Abschluss des Gedenktages 1. März. Foto: Heintzen

Die Mannheimer Historikerin Angela Borgstedt blickte auf die Kultur der Erinnerung an die Bombenangriffe 1945 zurück. Und zeigte auf, wie die Trauer und Traumata lange verdrängt wurden.Heute stehe man zu einer differenzierte Sicht auf Krieg und Zerstörung von Heimat. Und das sei umso nötiger,  weil einer Vereinnahmung der Opfer durch Rechtsextreme entgegen gewirkt werden muss.

Zeitzeugin zeigte sich immer noch erschüttert

Anneliese Bischoffs Rührung über die Kollegin Maria machten tiefen Eindruck auf die Besucher der Gedenkveranstaltung. Was Bischoff beim Zeitzeugengespräch von ihrem 1. März 1945 erzählte, packte die Zuhörer im Ehrenbergsaal des Bürgerzentrums.

Kollegin Maria ging damals nach einer gemeinsamen Mittagspause kurz vor 14 Uhr schon einmal vor, von der Talstraße zur Sparkasse im Zentrum. „Ich wollte noch ein Stück Geburtstagskuchen einer Freundin essen, das hat mich gerettet, erzählt Anneliese Bischof mit erschütterter Stimme. Ihre Kollegen in der Sparkasse starben beim amerikanischen Luftangriff auf Bruchsal ebenso wie Freundin Maria auf dem Weg dorthin. Sie wurde in der Bahnüberführung tot aufgefunden.

"Die ersten Bomben im Weltkrieg waren deutsche Bomben"

Mit der 100-jährigen Edeltraud Schies sowie Kurt Henn und Dekan Walter Schmidt führte Thomas Adam weitere Erinnerungsgespräche. Diese waren der zentrale vom mehreren emotionalen Programmpunkten bei der offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt zum Zerstörungstag Bruchsals vor 75 Jahren.

Durch 50.000 Bomben verloren 8.000 Menschen ihre Wohnung, 1000 fanden den Tod, 83 Prozent der Kreisstadt waren von Kriegsschäden gezeichnet. „Wir gedenken der Opfer, fühlen mit den Angehörigen und Hinterbliebenen, deren Leben ebenfalls von der Katastrophe geprägt worden ist“, sagte Oberbürgermeisterin (OB)  Cornelia Petzold-Schick bei der offiziellen Gedenkveranstaltung.

Die OB betonte außerdem das Einbeziehen aller Kriegsopfer in die Erinnerung sowie die Hintergründe für das Leid. „Die ersten Bomben, die im Zweiten Weltkrieg fielen, waren deutsche Bomben. Am 1. September 1939 auf die polnische Stadt Wielún, 1200 Menschen starben. Die Zerstörung Bruchsals erscheint angesichts des nahen Kriegsendes besonders sinnlos. Deshalb können wir die Ereignisse nur verstehen, wenn wir sie im Kontext der Geschichte sehen.“ Also mit Blick auf die Machtübergabe an die Nazis 1933, den Luftangriff auf Coventry 1940 oder die Deportation der badischen Juden.

Bruchsals Oberbürgermeisgterin Cornelia Petzold-Schick sprach im Bürgerzentrum. Foto: Rau, Stadt Bruchsal

Wenn in der Stadt mit viel Engagement der Bürger an die Zerstörung erinnert, dürften Nazi-Herrschaft und 60 Millionen Weltkriegstote nicht vergessen werden. „Wir müssen uns erinnern, um vor den Gefahren des Nationalismus in Europa und des erstarkendem Faschismus in Deutschland gefeit zu sein“, so Petzold-Schick. Sie brachte am Ende der Gedenkstunde einen Kranz am Bergfried an, wo eine Tafel an das Kriegsschicksal der Stadt erinnert und zum Frieden mahnt.

Eigene literarische Annäherungen von Schülern

Die rund zweistündige Veranstaltung mit über 150 Besuchern begann mit einem barocken Lied und endete bei „Imagine“ von John Lennon, gesungen vom Chor der Mittel- und Oberstufe des Schönborn-Gymnasiums unter Stefan Dotzauer. Schüler des Leistungskurses Deutsch von Kristina Ex trugen eigene literarische Annäherungen an Furcht und Leid vor oder fragten sich, was Berichte der Zeitzeugen für sie bedeuten. Ein Tenor lautete: Das Ausmaß der Zerstörung in Bruchsal und seine anhaltenden Auswirkungen auf die Menschen waren uns nicht bewusst.

Chorische Beiträge zur Gedenkfeier kamen von Schülerinnen und Schülern des Schönborn-Gymnasiums. Foto: Rau, Stadt Bruchsal

Historikerin Borgstedt: Wiederaufbau verdrängte Trauer und Aufarbeitung

Wie geht man seit dem Kriegsende mit der Erinnerung allgemein und speziell in Bruchsal um? Die Historikerin Angela Borgstedt befasste sich in ihrem 35-minütigem Vortrag mit der Gestaltung des Gedenkens. In der ersten Zeit nach dem kaum vorstellbaren Grauen von 1945 wurde Traumabewältigung oder Trauer überlagert vom Neuanfang und Wiederaufbau. Der allgemeine Volkstrauertag ersetzte in Bruchsal ab 1955 das spezielle Gedenken.

Auffällig war zudem dass eher allgemein von Unglück und Heimsuchung gesprochen wurde, als von Verantwortlichkeiten und Ursachen. Selbst die US-Luftwaffe wurden zehn Jahre lang nicht genannt, wusste die Mannheimer Professorin zu berichten.

Die psychischen Verletzungen waren lange kaum ein Thema, obwohl Angehörige der „Generation 1930 plus“ oft ein Leben lang darunter zu leiden hatten und spät begannen, darüber zu sprechen. „Nein, diese unsere Geschichte ist nicht zu Ende. Wir gedenken ihrer nicht nur, wir vermachen sie künftigen Generationen“, sagte Borgstedt.

Erinnern ohne Anklage und Aufrechnung

Die Leiterin der Forschungsstelle Widerstand gegen Nationalsozialismus im Südwesten zeigte auf, „wie heute ein differenziertes Erinnern ohne Anklage und Aufrechnung bitter notwendig ist“. Und dies müsse offensiv eingesetzt werden gegen eine widererstarkte extreme Rechte, die mit revisionistischem Geschichtsbild versuche, das Gedenken an Pforzheim oder Dresden für sich zu vereinnahmen.

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