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Ruhe statt Stress

Bruchsaler Händler und Frisörin erzählen: Der Lockdown macht Weihnachten besinnlich

Kann der Lockdown Weihnachten retten? Zwei Selbstständige aus Bruchsal sagen: ja. Denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten kehrt bei ihnen wieder Ruhe ein. Wirtschaftlich sind sie aber ungleich betroffen.

Lockdown Buchhandel Foto: Martin Heintzen

Lockdown ist, wenn man vor lauter Arbeit nicht mehr weiter weiß. Das gilt zumindest für Günter Majewski. Der Buchhändler aus Bruchsal ist seit 38 Jahren am Kübelmarkt. Doch so eine verrückte Vorweihnachtszeit hat er noch nicht erlebt.

Nicht nur, weil seit Mittwoch sein Geschäft geschlossen ist. Denn das stimmt nur bedingt. „Allein heute habe ich wieder Umsätze im dreistelligen Bereich gemacht“, erklärt er am Samstag. Also jenem Tag, der eigentlich dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie ein verkaufsfreier sein sollte und nicht der Super-Samstag vor Weihnachten wie sonst alle Jahre wieder.

Samstag stehen noch Kunden vor Majewskis Tür

Bei Majewskis Kunden hat sich das aber nur bedingt herumgesprochen. „Weihnachten kam mal wieder so plötzlich für alle“, kommentiert er süffisant. „Heute früh standen sogar noch Kunden bei mir vorm Haus.“

Die habe er dann notgedrungen mit Zettel und Stift auffordern müssen, ihm seine Wünsche dazulassen. Reinkommen und sprechen ist verboten, Bücher hinausreichen ist verboten. Nur der Lieferdienst ist noch erlaubt - und den nutzt Majewski in diesen Tagen eifrig. Zumindest, solange der Nachschub es zulässt.

„Es ist völlig chaotisch“, sagt Majewski. Wann ein Buch vom Großhändler komme, gleiche einer Lotterie. „Ich bestelle ein Buch am Abend und es ist am nächsten Morgen da. Das nächste bestelle ich am Morgen und es kommt mit zwei bis drei Tagen Verzögerung“, beschreibt er die Lage.

„Eigentlich habe ich mir das alles ruhiger vorgestellt.“ Der Lockdown habe zwar Einfluss auf die Arbeitsweise, aber nicht auf die Nachfrage nach Büchern in der Weihnachtszeit.

Weihnachten ist normalerweise Stress pur

Und das ist für Majewski nicht nur schön. Denn auch er möchte besinnliche Weihnachten feiern. „So etwas gibt es als Einzelhändler im Buchhandel nicht.“ Da wird normalerweise auch an Heiligabend noch das Geschäft überrannt.

„Und wenn dann abends die Ruhe kommt, schläft man auf dem Sofa ein.“ Diesmal werde alles anders. Wegen Corona werde man nicht die verstreute Großfamilie treffen, daheim bleiben. Und zumindest im Laden werden an Heiligabend auch keine Kunden mehr sein.

Frisörin kommt diesmal nicht erschöpft in die Kirche

Eine besondere Heiligabend-Dösecke hat auch Wioletta Klepin. Bei der Frisörin aus Bruchsal ist das zumeist die Kirchenbank. „Ich muss mich da schon häufig zwingen, wach zu bleiben“, sagt die gläubige Katholikin. Das hänge nicht etwa mit der Liturgie zusammen, sondern mit dem Zielsprint, den sie normalerweise von Samstag bis Heiligabend an unternimmt.

In 24 Jahren am Platz habe sie noch kein entspanntes Weihnachten feiern können. „Vor allem die älteren Damen wollen sich da immer noch einmal schön machen“, verrät sie. Und zwar nicht ein paar Tage vorher, sondern so spät wie möglich vor Weihnachten. „Wenn man dann von zu Hause kommt, muss gleich alles vorbereitet werden. Wirklich Zeit zur Besinnung finde ich dann erst in der Kirche.“ Und so freue sie sich darauf, dieses Jahr „tiefenentspannt die Einkäufe zu erledigen.“

Tage vor dem Lockdown waren straff organisiert

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frisöre und auch Klepin in einer Krise stecken. „Wenn der Lockdown über den 10. Januar verlängert wird, dann wird es schon straff werden“, sagt Klepin zu ihrer finanziellen Lage. „Ich kann nur hoffen, dass die Zahlen heruntergehen.

Wenn man selbstständig ist, dann trifft es einen noch einmal härter.“ Auch deshalb hatte sie in den Tagen vor dem Lockdown quasi im Akkord gearbeitet. „Da gab es dann wenig Drumherum, keine Kopfmassagen oder so etwas.“ Stattdessen galt die Devise: durcharbeiten, solange es geht. Das gesamte Team war da, bis 19.30 Uhr, Termine wurden schnell umgelegt. Der Ton war dann weniger ausschweifend und mehr effektiv. Und doch sagt Klepin: „Da haben wir viele Leute glücklich gemacht. Mehr ging einfach nicht.“

Die Gefahr, in der Kirche einzudösen, ist dieses Jahr für Klepin noch aus einem anderen Grund gering: Sie wird nicht dort sein. „Ich hatte mich erst angemeldet, aber das habe ich nach den verschärften Maßnahmen jetzt doch wieder abgesagt.“ Auch dadurch werde es ein seltsames Weihnachten.

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