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Corona verlangt dringende Reaktion auf Pflegenotstand

Bruchsaler Käthe-Kollwitz-Schule will mit neuer Ausbildung künftige Pflegekräfte gewinnen

Seit Jahren ist vom Pflegenotstand die Rede. In der Corona-Krise ist der Mangel nicht mehr wegzudiskutieren. Seit diesem Jahr gibt es eine neue generalistische Pflegeausbildung, die den Beruf attraktiver machen soll. Die Klassen in den Schulen sind voll, aber ob das auf Dauer reicht, wird sich zeigen.

Am Puls: Praktischen Einblick in die Arbeit bekommen die Schüler Kathrin Seeger (links) und Lukas Funk (rechts) der Käthe-Kollwitzschule Bruchsal bei der neuen generalistischen Ausbildung zur Pflegefachkraft. Lehrerin Katrin Boch mimt eine Patientin. Foto: Dorothee Lorbeer

Nach dem Abitur hat Lukas Funk eigentlich Konditor gelernt. Doch statt Torten zu dekorieren, misst er jetzt Puls, legt Katheter oder wäscht Patienten: „Man bekommt viel Dankbarkeit und Wertschätzung zurück“, erzählt der junge Mann, der seit September an der Käthe-Kollwitz-Schule Bruchsal noch mal die Schulbank drückt.

Generalistische Pflegeausbildung heißt seit diesem Jahr eine neue dreijährige Ausbildung, die auch in Bretten, Karlsruhe oder Ettlingen angeboten wird. Sie soll bundesweit möglichst unterschiedlichen Zielgruppen einen Einstieg in die Pflege ermöglichen und den Beruf attraktiver machen. Statt sich schon zu Beginn einer Lehre entscheiden zu müssen, ob man später mit Kindern oder Senioren, in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken arbeiten will, bekommt man nun bei der Ausbildung zur Pflegefachfrau oder -mann einen Überblick. An der Bruchsaler Schule sind das 60 Schüler im Alter bis zu 60 Jahren.

Jedes Alter hat seine eigenen Bedürfnisse bei der Pflege.
Katrin Boch Lehrerin und Gerontologin

„Die pflegerischen Themen reichen von der Geburt bis zum Tod. Jedes Alter hat seine eigenen Bedürfnisse bei der Pflege“, umreißt Lehrerin und Gerontologin Katrin Boch die Inhalte der Ausbildung, die nun deutlich erweitert wurden. Die Kenntnisse aus den Bereichen Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege, Psychiatrie sowie die Kinderkrankenpflege fließen in ein neues Berufsbild. „Und machen es attraktiver, auch für junge Männer“, freut sich Christopher Metz, Abteilungsleiter Pflege, über deutlich mehr männliche Bewerber für die Ausbildung als früher.

Ob die Reform tatsächlich den bundesweiten Pflege-Notstand in Kliniken und Altenheimen behebt, wie jetzt wieder in der Corona-Krise deutlich wird, zeigt sich erst in ein paar Jahren. Verirrte sich zuvor kaum ein Mann in die Klassen, seien es nun immerhin fast die Hälfte der Schüler.

Von der Backstube ins Altenheim

„Die Patienten freuen sich, wenn man kommt. Da weiß man, warum man den Beruf macht“, berichtet Lukas Funk von seinen ersten praktischen Erfahrungen im AWO-Seniorenzentrum Eggenstein-Leopoldshafen, seinem Ausbildungsträger. Über seine Arbeit in der Backstube eines Altersheims ist er überhaupt erst mit dem Thema Pflege in Berührung gekommen. Auch der Verdienst sei höher als früher als Konditor-Lehrling. Seine Mitschülerin Kathrin Seeger, eine ausgebildete pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin, ist über eine familiäre Pflegesituation und ein Praktikum da so „reingerutscht“. Nun aber sehr zufrieden: „Man kriegt viel zurück“, berichtet sie von ihrer Ausbildung bei einem mobilen Pflegedienst in Bretten.

Rollenspiele sollen sensibilisieren

Die praktische Ausbildung umfasst mindestens 2.500 Stunden. Drei Tage pro Woche sind die Schüler in der Einrichtung ihres Trägers oder einer anderen Einrichtung, um die verschiedenen Bereiche der Pflege kennenzulernen. Zwei Schultage pro Woche verbringen die Azubis in der Schule. Wie die Pflege geplant, organisiert und durchgeführt wird, lernen die Schüler in der Theorie.

Genauso wie rechtliche Aspekte: Wer bezahlt, wenn die Brille runter fällt oder ein Pflegefehler passiert. Mit Hilfe von Rollenspielen können sich die Schüler in die Position der zu Pflegenden hineinversetzen. „Wie fühlt sich das an, wenn mich jemand anfasst, das war eine wichtige Erfahrung“, erzählt Lukas Frank. Auch „kultursensible Pflege“ ist ein Thema, da können beispielsweise Schüler mit Migrationshintergrund ihre Erfahrungen einbringen - und mancher Lehrer Neues lernen, gesteht Lehrerin Boch.

EU-weite Anerkennung

In der Praxis dürfen die Schüler in alle Bereiche reinschnuppern. Wobei die Corona-Pandemie neben dem Start der neuen Ausbildung und Fernunterricht eine zusätzliche Herausforderung war. Maske, Hygienestandards und Schnelltest sind bei den Praxiseinsätzen ein Muss, um die Bewohner zu schützen, erzählt Carolin Hardock, Ausbildungskoordinatorin beim Träger Caritas.

Die Kosten der neuen Ausbildung werden über einen Ausbildungsfonds des Bundes refinanziert. Die Pflegeschulen und Träger der praktischen Ausbildung erhalten die Kosten aus diesem Fonds erstattet. „Früher waren die Schüler im Ablauf fest eingeplant. Heute können wir sie für ein Gespräch drei Stunden raus nehmen“, verweist Julia Geider, Praxisleiterin bei der Caritas, auf die Vorteile. Auch EU-weit werde die neue Ausbildung anerkannt. Für Karin Seeger, die später mal in die Intensivmedizin will, und Lukas Funk, der mit der Altenpflege liebäugelt, ist jetzt schon klar: Pflege ist ein krisensicherer Job.

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