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Interview

Bruchsaler Sängerin: Die Soloselbständigen sind die Gelackmeierten der Krise

Sie wurschtelt sich durch: Die Bruchsaler Sängerin Sonja Oellermann hangelt sich ohne staatliche Hilfen durch die Krise. Denn aus ihrer Sicht hat die Politik die Künstler schlicht und einfach vergessen. „Wir haben eben nicht so eine gute Lobby wie die Fußballer“, sagt sie.

Soloselbständige als Verlierer in der Krise: So fühlt sich die Bruchsaler Sängerin Sonja Oellermann gerade. Foto: Annika Oellermann

Sie ist Sängerin, singt mit Chören und kleinen Kindern, sie besucht Senioren und musiziert mit ihnen, und nebenbei gibt sie Gesangsunterricht.

Die Bruchsalerin Sonja Oellermann ist ebenso umtriebig wie bekannt in der Stadt. Doch die Corona-Krise hat sie ausgebremst. Die Hilfen für Soloselbständige hat sie bisher weitgehend ausgeschlagen. Sie fühlt sich als Künstlerin vom Staat übersehen.

Bis März 2020 war die Welt noch in Ordnung. Wie haben Sie vor Corona Geld verdient?
Sonja Oellermann

Mit meinem Jekasi-Projekt – „jeder kann singen“ – bin ich regelmäßig an Schulen. Als sogenannte Musikgeragogin arbeite ich zudem mit Senioren etwa ein Mal pro Woche. Als Fachkraft bin ich mit dem Projekt „Singen, Bewegen, Sprechen“ darüber hinaus an Kindergärten. Ich leite zwei Chöre als Chorleiterin und habe eine private Musikschule, in der ich Gesang und musikalische Früherziehung unterrichte.

Quasi vorbildlich - Selbständigen wird ja immer geraten, sich möglichst breit aufzustellen. Nur hat Ihnen das in der Krise nicht so viel gebracht, oder doch?
Sonja Oellermann

Also, mein Vorteil war schon, dass ich so breit aufgestellt war. Da konnte ich schauen, was gerade geht. Aber ganz viel ist einfach weggebrochen. Ich konnte bereits im ersten Lockdown nicht in Schulen und nicht zu den Senioren. Ab Anfang Juli ging dann wieder etwas in den Kindergärten. Die Chorarbeit fing auch im Juli wieder an. Das Tolle ist, dass meine Vereine mich weiterhin bezahlt haben. Trotz Lockdown. Manches konnten wir digital machen. Aber trotz allem, im März etwa hatte ich 60 Prozent weniger Umsatz.

Warum konnten Sie nicht auf Unterstützung des Staates hoffen?
Sonja Oellermann

Am Anfang konnten wir Soloselbständigen nur die Betriebskosten erstattet bekommen. Nur: Ich habe so gut wie keine Betriebskosten, ich zahle ja keine Miete. Daher habe ich erstmal gar nichts bekommen. Mein Steuerberater und ich haben versucht, mit dem Infektionsschutzgesetz zu argumentieren. Die Schulen waren ja zu, ich hatte de facto ein Berufsverbot. Aber auch da sind wir nicht weitergekommen.

Wie haben Sie sich stattdessen über Wasser gehalten?
Sonja Oellermann

Zwischen Juli und September habe ich richtig rangeklotzt. Vieles konnte ich nachholen, habe dann im Sommer gar keinen Urlaub gemacht. Wir haben draußen musiziert. Aber meine Gruppen an der Musikschule musste ich verkleinern. Wo ich früher zwölf Kinder unterrichtet habe, waren es nur noch vier. Die Arbeit ist die gleiche. Ich lege nur drauf. Manche Angebote konnte ich digital machen, aber mit kleinen Kindern ist das schwierig.

Im November kam dann der Lockdown light, später die schärfere Variante. Der Staat hat bei der Finanzierung der Soloselbständigen nachgebessert. Hat Ihnen das geholfen?
Sonja Oellermann

Im ersten Lockdown wurde uns Künstlern gesagt, wir könnten ja Hartz IV beantragen. Aber ich will kein Hartz IV, die Politiker haben die Kunst und die Kultur einfach dicht gemacht. Wir Soloselbständigen sind die Gelackmeierten. Im November konnte ich noch zwei Wochen arbeiten, so dass ich nichts beantragen konnte. Zudem kenne ich befreundete Künstler, bei denen stand die Polizei vor der Tür, weil sie 200 Euro zu viel beantragt haben. Solange ich noch etwas arbeite, ist es schwierig, Unterstützung zu bekommen. Selbst mein Steuerberater stöhnt wegen der riesigen Bürokratie.

Das heißt aber doch, Sie verzichten zum Teil auch freiwillig auf staatliche Unterstützung?
Sonja Oellermann

Ja, weil ich ja auch arbeiten will. Ab dieser Woche kann ich zumindest wieder zu den Kindern in die Notbetreuung. Ich will die auch nicht im Regen stehen lassen. Dann backe ich eben wieder kleinere Brötchen. Lieber krebse ich rum, ohne staatliche Hilfe, als dass ich noch wegen Betrugs angezeigt werde. Außerdem kann ich so besser den Kontakt zu den Kunden halten. Die sind doch sonst weg, wenn ich mich drei Monate gar nicht rühre.

Was fordern Sie von der Politik?
Sonja Oellermann

Bisher waren den Politikern die Soloselbständigen offenbar wurscht. Wir müssen aufstehen für unsere Rechte. Wir haben leider keine Lobby – anders als etwa die Profifußballer. Ich habe eins gelernt: Der Staat hilft dir nicht. Ich weiß nicht, wieviele meiner Kollegen durchhalten können. Ich glaube, ich schaffe es. Manchmal wird uns Künstlern gesagt: Du machst das ja aus Liebe zum Beruf. Aber wir müssen auch von etwas leben. Ich hoffe auf mehr Unterstützung und weniger Bürokratie. In Österreich zum Beispiel geht es doch auch.

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