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Region verliert Gastronomen

"Corona war für viele der Todesstoß": Dehoga-Vertreter fürchten um Existenzen vieler Kollegen

In Gastronomie und Hotellerie lockert die Landesregierung nach und nach die Zügel. Essen in Restaurants und Gasthäusern ist seit gut einer Woche wieder möglich, auch übernachten dürfen Gäste ab Freitag wieder. Doch bei aller Freude über die nächsten Schritte zurück zur Normalität befindet sich die Branche im Landkreis Karlsruhe weiterhin im Krisenmodus.

Leere Sitzplätze gehören nicht nur aufgrund von Abstandsregeln dazu: Viele Gäste scheuen sich noch vor dem Besuch im Restaurant oder Gasthaus, das berichten Vertreter des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga in Bruchsal, Ettlingen und Karlsruhe nach der Wiedereröffnung vor einigen Tagen. Foto: Dedert/dpa

„Manche haben ein gut laufendes Außer-Haus-Geschäft. Andere, die haben gar nichts“, teilt Waldemar Fretz, Vorsitzender der Kreisstelle Karlsruhe des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, mit. Obwohl vieles unter Auflagen wieder erlaubt sei, bedauert er: „Der Charakter der Gastronomie fehlt. Deshalb haben die meisten auch noch keine große Lust darauf.“

Rund ein Drittel aller Gäste generieren Gastronomen über Fremde, Touristen, die oftmals die Verpflichtung hätten, essen zu gehen, so Fretz. „Wir hoffen, dass diese zurückkehren, wenn die Hotellerie wieder anspringt.“ Zusätzlich fehle Privatleuten, die etwa selbst in Kurzarbeit sind, das Geld für einen Besuch und ein Essen auswärts, vermutet er.

Wir rechnen damit, etwa ein Drittel unserer Mitglieder zu verlieren.
Waldemar Fretz, Vorsitzender Dehoga-Kreisstelle Karlsruhe

Zeitgleich zahlen Gastronomen weiter für Mitarbeiter und Pacht. „Das Geld wird zunehmend knapp“, so Fretz. „Wir haben Kollegen im Umkreis, die trauen sich nicht einmal, einzukaufen.“ Von beispielsweise 50 Sitzplätzen seien bei vielen nur zehn oder zwölf besetzt. „Das ist ein dramatischer Zustand“, sagt Fretz. Ausbleibende Tagungen, Sitzungen und Besprechungen würden den Gasthäusern zusätzlich die Lage erschweren.

„Wir rechnen damit, etwa ein Drittel unserer Mitglieder zu verlieren“, sagt der Dehoga-Kreisvorsitzende. Insolvenz würden viele von ihnen nicht anmelden – „denn sie haben schon gar nichts mehr“, ergänzt Fretz. Still schweigend und oft hoch verschuldet gingen diese im Laufe der Monate von Bord.

Mit der Wiedereröffnung der Hotels erhoffe man sich auch einen Nebeneffekt auf die Restaurants und Gasthäuser. Fretz ist zuversichtlich, dass die Übernachtungszahlen sich erholen. Allerdings kritisiert er auch: „Unsere Hotels müssen ihren Wellness-Bereich geschlossen halten. Das muss gelockert werden. Sonst fahren die Touristen einfach weiter bis nach Österreich, wo sie das Gesamtpaket bekommen.“ Das Gastgewerbe dürfe nicht unter die Räder kommen.

Über Zukunftsängste spricht auch Nikola Kovacic vom Dehoga-Verband mit Blick auf die Gastronomen in Ettlingen. „Die Gäste sind verunsichert, sie wissen nicht, welche Regeln gelten und wie sie sich verhalten dürfen“, sagt er. „Das ist noch ziemlich verhalten.“

Corona war für viele der Todesstoß. Sie haben schon am Limit gearbeitet.
Franz Schneider, stellvertretender Vorsitzender Dehoga-Kreisstelle Bruchsal

Von nur rund 40 bis 50 Prozent der sonst üblichen Besucherzahl berichten ihm die meisten Kollegen seit der Wiedereröffnung. Zwar dürfe man die Außenbereiche ausweiten, um mehr Gäste unterzubekommen. „Das haben wir aber bislang nicht benötigt“, so Kovacic. Die Hygienevorschriften seien kein Problem gewesen. Schließlich habe das auch vor der Corona-Krise zur Arbeit dazu gehört – bis auf Masken und Mindestabstand.

Kovacic rechnet damit, dass sich die Folgen der Krise noch Jahre durch die Gastronomie ziehen werden: „Wir werden einige Kollegen definitiv nicht mehr sehen.“ Das Geschäft laufe erst langsam wieder an, gleichzeitig seien Altlasten zu begleichen. „Wenn wir von jetzt auf nachher den vollen Umsatz zurückhätten, wäre es leichter.“

Normalität ist in unsicherer Ferne

Finanzielle Grenzen seien überschritten. Die Normalität in unsicherer Ferne. Kredite nehme man auf, um zu überleben und nicht um zu investieren, so Kovacic. „Aber wir haben auch aus der Krise gelernt. Wir brauchen mehr Rücklagen.“ Die staatlichen Hilfen nehme man an, ohne zu wissen, wie und wann dieser sich das Geld wieder zurückhole. „Und ob man es sich dann leisten kann“, ergänzt er.

Ländliche Gebiete leiden besonders

Besonders die ländlichen Gebiete würden unter der Situation leiden. „In der Stadt ist das Versorgungsfeld größer. Auf dem Land haben wir ja zum Teil schon Gemeinden ohne Gasthaus“, so Fretz. Er befürchtet, dass die meisten seiner Kollegen die Auswirkungen der Corona-Krise durch das Jahr ziehen.

Ähnliche Beobachtungen macht auch Franz Schneider, stellvertretender Vorsitzender der Dehoga-Kreisstelle Bruchsal. „In der Stadt ist alles besser angelaufen als auf dem Land.“ Probleme, sich über Wasser zu halten, hätten viele der Gastronomen aber auch schon davor gehabt. „Die Soforthilfe des Landes ist jetzt nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Schneider.

„Corona war für viele der Todesstoß. Sie haben schon am Limit gearbeitet.“ Er schätzt, dass 20 bis 25 Prozent der Kollegen im Gebiet Bruchsal aufhören werden – mitunter altersbedingt. „Sie können einen Kredit gar nicht mehr abbezahlen.“

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