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„Weniger Event - mehr Botschaft“

Corona-Weihnachten: Krippenspiel und Christmette stehen in den Sternen

„Oh, du fröhliche“, mit Inbrunst im Weihnachtsgottesdienst geschmettert - im Corona-Winter 2020 undenkbar! So bereiten sich Katholiken und Protestanten schon jetzt auf das Fest vor:

voices&brass Foto: Martin Heintzen

Der katholische Dekan legt sich fest: „Weihnachten findet statt. Da bin ich mir ganz sicher.“ Noch ist Lukas Glocker der Humor nicht vergangenen. Auch nicht, wenn er über die Frage nachdenkt, wie wohl die Kirchen Weihnachten im Corona-Jahr feiern.

„Oh du Fröhliche“, lauthals geschmettert von Hunderten Gläubigen, die eng an eng in den Kirchenbänken sitzen, begleitet von einem Dutzend festlicher Posaunen? Undenkbar.

Im Freien wäre Singen möglich

Doch wie sollen Krippenspiel und Christmette und Kindergottesdienst und Andachten rund um die großen Feiertage sonst stattfinden? „Das ist genau das Thema“, erklärt Petra Gärtner. Sie ist Ältestenkreisvorsitzende in der evangelischen Kirchengemeinde in Östringen. „Wir entwickeln gerade Ideen.“ Vielleicht werden die Protestanten ausweichen ins Freie. Oder in eine größere Halle. „Im Freien wäre auch Singen eher möglich“, erklärt Gärtner. Indoor jedenfalls geht auf keinen Fall.

In Östringen dürfen derzeit gerade mal 20 Christen den Gottesdienst besuchen, in Odenheim sind es nur 16. Auch manche Gemeindeglieder sorgten sich schon um ihren Weihnachtsgottesdienst. „Vielleicht findet der nur im kleinen Kreise statt“, erklärt Gärtner. Vielleicht als Andacht, etwas weniger Event, etwas mehr Botschaft. „Ich bin Optimistin. Womöglich können wir uns wieder mehr aufs Eigentliche besinnen.“

„Womöglich können wir uns wieder mehr aufs Eigentliche besinnen.“
Petra Gärtner, Ältestenkreisvorsitzende in Östringen

Dass der Weihnachtsgottesdienst klassischerweise der große Treffpunkt für das ganze Dorf ist, wo man Leute trifft, die man das ganze Jahr über nicht sieht, ist den Verantwortlichen durchaus bewusst. „Das gehört dazu, klar. Aber es ist für mich nicht das Entscheidende“, erklärt Gärtner. Ihr Ältestenkreis wird sich - wie viele andere Gremien in anderen Gemeinden - die nächsten Tage und Wochen intensiv mit der Frage beschäftigen. Die Evangelische Landeskirche unterstützt mit Tipps, Ideen und Hygienekonzepten.

Lange Dienste für Pfarrer und Personal

Denn finden statt eines großen Festgottesdienstes drei kleinere statt, hat das natürlich Folgen: Nicht nur müssen die Pfarrer und andere Seelsorger längere Dienste schieben, die Kirchenbänke müssen desinfiziert werden. „Wir denken intensiv drüber nach“, erklärt Gondulf Schneider, Pfarrgemeinderatsvorsitzender der Bruchsaler Seelsorgeeinheit St. Vinzenz.

Volle Kirchen waren gestern: Im Jahr 2020 können Christmetten und Adventsfeiern wohl nur in kleinem Rahmen stattfinden. Hier eine Archivaufnahme mit den Heiligen Drei Königen. Foto: Armin Herberger

„So viel ist klar. Wie es bisher lief, kann es nicht laufen“, erklärt er mit Blick auf sonst übervolle Kirchen zum Fest. Und dem Zufall überlassen kann man es auch nicht. Wird es die Christmette nur nach Voranmeldung geben? Gibt es ein Open-Air-Fest im Stadion? „Ich glaube das wäre kein großes Vergnügen“, winkt Schneider ab. Bei Regen auf dem nassen Sportplatz zu stehen - nicht so prickelnd.

Genauso wenig wie alles abzusagen, so wie an Ostern, kurz nach den ersten harten Corona-Einschränkungen. „An so etwas will ich mich nicht gewöhnen“, stellt Schneider klar. Für ihn ist aber genauso klar: „Wir Christen haben eine Mitverantwortung.“ Sich über Corona-Maßnahmen hinwegsetzen, ist für einen wie Schneider, der einst hauptberuflich Ordnungsamtschef der Stadt war, ohnehin unvorstellbar. „Wir müssen es akzeptieren, so schwer das ist.“

Auch Schneider fehlt die Begegnung, die Nähe, beim Friedensgruß etwa. Haupt- und Ehrenamtliche in St. Vinzenz werden sich jedenfalls bemühen, dass dieses wichtige christliche Fest nicht ganz sang- und klanglos gefeiert wird, sichert er zu.

Dekan stellt neue Kreativität fest

Für den Berufsoptimisten und Dekan Glocker birgt die Krise auch Chancen: „Es ist genial, wie viele Ideen gerade fließen. Vielleicht fallen manche starren Formen weg, und wir dringen wieder an den wahren Kern vor.“ Er räumt aber ein: „Es ist auch eine große Trauer da. Ich weiß, wie wichtig und emotional Weihnachten für viele ist, tief in der Lebensgeschichte verankert.“

Am Mittwoch gab es bei der Herbstkonferenz des Dekanats eine Ideenwerkstatt mit allen Hauptamtlichen. Ein Krippenspiel auf Youtube wurde dort genauso diskutiert, wie ein gemeinsames Weihnachtsliedersingen im Stadion oder im Schlosshof.

„Es ist genial, wie viele Ideen gerade fließen“
Lukas Glocker, katholischer Dekan

Sechs Kirchengebäude in der Seelsorgeeinheit Heilig-Geist Kraichtal-Elsenz könnten dafür sorgen, dass in sechs Feiern an den Weihnachtsfeiertagen keine überfüllten Gottesdienste stattfinden. Das berichtet Dorothea Heitkamp, die Pfarrgemeinderatsvorsitzende. Oder ein Open-Air-Gottesdienst, oder eine im Internet übertragene Feier.

Manches wird diskutiert, vieles ist noch offen. „Es wird, wie es wird“, sagt Heitkamp, wenn sie als Christin daran denkt, wie anders Weihnachten 2020 wohl sein wird. Über den Sommer habe man die Kommunion schon in vielen Kleingruppen über die Bühne gebracht, dann wird man wohl auch für Weihnachten eine Lösung finden, glaubt die Katholikin.

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