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Ein Quadratmeter voller Nostalgie:

Die Letzten ihrer Art: In Bruchsal sind Telefonzellen eine aussterbende Spezies

Ein Quadratmeter voller Nostalgie: Die Telefonzelle am Bruchsaler Bahnhof ist eine der Letzten ihrer Art. Wie viele es in der Region noch gibt, weiß niemand so genau – weder die Gemeinden noch die Telekom, die die Zellen betreibt.

Aussterbende Spezies: Die Telefonzelle am Bruchsaler Bahnhof ist eine der Letzten ihrer Art. Weil sie nicht genug Umsatz bringen, baut die Telekom die Zellen nach und nach ab. Wie viele es in der Region noch gibt, weiß niemand so genau. Foto: Martin Heintzen

Ein bisschen fühlt es sich an wie eine Zeitreise. Nur unter Anstrengung lässt sich die schwere Glastür der Telefonzelle am Bruchsaler Bahnhof aufstemmen. In der Kabine aus Edelstahl und Glas verstummt der Straßenlärm. Es riecht muffig, der graue Lack blättert von den Wänden, von der Decke strahlt kaltes Neonlicht. Der magentafarbene Hörer ruht unangetastet in der Gabel, und in den Münzschlitz hat vermutlich seit langem niemand mehr etwas eingeworfen.

Ein Quadratmeter voller Nostalgie: Der Münzfernsprecher auf dem Bahnhofsplatz ist einer der Letzten seiner Art. Ein paar Meter weiter steht das nächste Relikt vergangener Tage. Die knallrote walisische Telefonzelle auf dem Europaplatz ist ein echter Hingucker. Und ebenfalls vom Aussterben bedroht. Denn im Zeitalter von Handys und Smartphones verschwinden die Häuschen langsam aber sicher aus dem Stadtbild.

Fokus auf dem Breitbandausbau

Wie viele es in Bruchsal noch gibt, weiß niemand so genau. Man wolle sich lieber auf die Förderung des Breitbandausbaus für das Mobilfunknetz konzentrieren, erklärt die städtische Pressesprecherin Ina Rau. Auch die Telekom, die die Zellen betreibt, ist überfragt. Oder will es nicht verraten.

„Wir halten keine regionalen Daten mehr für die externe Kommunikation vor“, erklärt Telekom-Sprecherin Lena Raschke jedenfalls auf BNN-Anfrage. Unterhalt und Betrieb der Zellen kosten das Unternehmen laut Raschke Geld: Strom, Standortmiete und Wartung seien teuer. Jedes Jahr lege die Telekom außerdem rund eine Million Euro für die Reparatur von Vandalismus-Schäden auf den Tisch. Ob eine Telefonzelle stehen bleibt, bestimme allein der Kunde „durch sein Nutzungsverhalten“.

Bei unter 50 Euro Umsatz im Monat droht den Zellen der Abbau

Wirft niemand mehr Geld ein, werfen die Telefonzellen auch nichts mehr ab. Zellen, die weniger als 50 Euro Umsatz im Monat einbringen, gelten für die Telekom als „extrem unwirtschaftlich“. Dann geht das Unternehmen auf die Städte und Gemeinden zu und bespricht, ob die Zelle abgebaut oder durch ein kostengünstigeres „Basistelefon“ ausgetauscht werden soll.

Am Ende der Bruchsaler Fußgängerzone in der Hoheneggerstraße findet man ein solches Exemplar. Eine schmucklose Metallsäule mit Tastenapparat, aufgerüstet mit einer Mobilfunkantenne, die für besseren Handy-Empfang sorgen soll. Bezahlen kann man nur mit Telefonkarte oder Kreditkarte.

Ratlosigkeit bei den Städten und Gemeinden

Wo stehen im Umkreis noch Telefonzellen? Nachgefragt bei den Städten und Kommunen, beginnt eine Telefonodyssee durch Pressestellen, Bauämter und Bürgermeisterbüros. Der Tenor: Den meisten ist es ein Rätsel. „Gute Frage“, heißt es in Bad Schönborn, Oberhausen-Rheinhausen, Kraichtal und Forst. „Telefonzellen – die gelben?“, fragt die Frau am Telefon bei der Gemeindeverwaltung in Hambrücken verständnislos.

Ein öffentliches Telefon müsste es in Hambrücken noch geben, vermutet Bauamtsleiter Norman Trautner: „Ob das noch funktioniert, weiß ich nicht.“ In Ubstadt-Weiher wurde die letzte Telefonzelle laut Gemeinde 2018 abgebaut. Auch in Philippsburg und Östringen stünden keine Zellen mehr, sondern nur noch Basistelefone, erklären die Städte. „Für den Notfall“, sagt Philippsburgs Hauptamtsleiter Claus Gilliar ungerührt: „Heutzutage hat ja eh jeder ein Handy.“ „Kein herber Verlust“ sei der Abbau der Zellen, findet Mario Herberger, Fachbereichsleiter für öffentliche Sicherheit und Ordnung der Stadt Waghäusel.

Ausrangierte Zellen leben weiter

Fazit: Den schwindenden Stadtmöbeln scheint niemand so wirklich nachzutrauern. Ganz verschwunden sind sie aber nicht. An der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal wird eine ausrangierte Telefonzelle zu Übungszwecken benutzt, in der Weiherbachsiedlung in Kraichtal dient ein Telefonhäuschen als Waage für Ernteanhänger. Der SPD-Ortsverein aus Forst hat der Telekom für 450 Euro eine alte Zelle abgekauft und zum öffentlichen Bücherschrank umgebaut. „Telefonzellen sind Kulturgut“, findet SPD-Gemeinderat Hermann Eiseler.

Telefoniert wird unbehaust

Aber sind die Häuschen wirklich überflüssig? Beobachtet man die Telefonzelle am Bruchsaler Bahnhof im Trubel der Pendler und Passanten, passiert genau das, was man erwartet: nichts. Fast sekündlich ziehen Menschen vorbei, zu Fuß, auf dem Fahrrad, mit Rollkoffer oder Kinderwagen, das Smartphone in der Hand, am Ohr oder wenigstens in Reichweite in der Hosentasche. Von dem mausgrauen Quader mit dem Magenta-T auf dem Dach nimmt niemand Notiz. Telefoniert wird trotzdem unentwegt – nur halt unbehaust.

Und dann passiert es doch: Ein älterer Herr mit Schnauzbart steuert zielstrebig auf die Zelle zu. „Warte mal ‘ne Sekunde, hier ist es so laut“, ruft er in sein Smartphone und zieht die Kabinentür hinter sich zu. Ganz abgeschrieben ist sie also doch noch nicht, die Telefonzelle.

Service

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