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Projekt am Bannweideweg

Gartenprojekt für Obdachlose in Bruchsal wird durch Corona ausgebremst

Eine Gartenhütte am Rande der Bruchsaler Innenstadt sollte die Situation am Kirchplatz beruhigen, wo Anwohner sich über Obdachlose beschwerten. Das Projekt lief gut an, doch dann kam Corona.

Etwas verwildert: Der integrative Garten am Bannweideweg als Ersatz für den Treffpunkt am Kirchplatz konnte noch nicht richtig bepflanzt werden. Foto: Heike Schaub

Tomatenpflänzchen wuchern wild im selbst gezimmerten Hochbeet. Die grünen Früchtchen werden regelmäßig gegossen, von Anwohnern im Bannweideweg, aber auch von den wenigen Mitgliedern der Gartengruppe, die sich im integrativen Garten regelmäßig treffen. Zum Reden, zum Trinken, zum Feiern, manchmal auch zum Gießen.

„Der Garten lief gut an, dann kam der Lockdown durch Corona und jetzt liegt er auf Eis”, sagt Sozialarbeiterin Karin Mönig etwas enttäuscht. Sie hofft jetzt auf den Herbst und zuverlässige Leute. Und das ist nicht ganz einfach. Im März 2019 hatte der Gemeinderat Bruchsal die Reißleine gezogen und ein neues Konzept für den Kirchplatz und einen alternativen Treffpunkt mit Sozialarbeit am Bannweideweg verabschiedet.

Seit 2018 der Pavillon im Viktoriagarten abgebaut worden war und ein Discounter am Rendezvous geschlossen wurde, hatte sich eine Gruppe von Menschen in oftmals prekären Lebens- und Wohnverhältnissen vor allem am Kirchplatz getroffen. Sehr zum Unmut der Anwohner. Sie klagten über Lärm bis tief in die Nacht, Aggressionen, Unrat und Fäkalien. In einem ersten Schritt waren im Frühjahr 2019 die Bänke abmontiert worden - die Betroffenen fühlten sich durch diesen Schritt an den Rand der Innenstadt abgeschoben.

Sozialarbeiter bauten Vertrauen auf

Seit November gibt es nun die Gartenhütte auf der Grünfläche zwischen der Prinz-Wilhelm-Straße und dem Bannweidenweg. Jeweils montags und donnerstags nachmittags schauen zwei Sozialarbeiter nach dem Rechten. Sie haben Kaffee und Kuchen dabei: Vertrauen aufbauen, war zunächst die Devise.

Hand angelegt: Bei der Pflege des Grundstücks half das Klientel aus dem Obdachlosenmilieu beim Umgraben und Rasen mähen. Foto: Karin Mönig

Der integrative Garten soll als Tagesaufenthalt für Menschen dienen, die sonst täglich auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. 94.000 Euro investiert die Stadt in den Aufbau der Infrastruktur. Das Gärtnern soll positive Erfahrungen vermitteln und beim Aufbau einer Tagesstruktur der Betroffenen mithelfen. Verlässlichkeit und Absprachefähigkeiten trainieren. So weit die Theorie.

Bierbänke für die Hütte wurden organisiert. Ein Holzhaus fasst alle nötigen Utensilien zum Gärtnern. Die Ministranten der Seelsorgeeinheit St. Vinzenz bauten für das neue Bürgergarten-Projekt Hochbeete und Vogelhäuschen. Wobei eines der Hochbeete zwischenzeitlich geklaut wurde, so Jochen Sawilla vom Sozialen Dienst kopfschüttelnd. Er hat zuvor jahrelang den integrativen Garten im Viktoriapark betreut. Auch gegrillt wurde schon.

Ernsthafte Gespräche in der Hütte

Mit etwa 50 Leuten habe man regelmäßig Kontakt - mit und ohne den Garten, erzählt Karin Mönig. Etwa fünf bis zehn Personen kommen auch regelmäßig zu den angebotenen Treffen in der Gartenhütte. Dort ist es ruhiger, ernsthaftere Gespräche können geführt werden. Vor dem Corona-Ausbruch seien es mehr gewesen, so die Sozialarbeiterin. Das Virus hat das Projekt ausgebremst. Die Sozialarbeiter suchen deshalb unter den Betroffenen wie auch den Bürgern interessierte Teilnehmer. Die Muslimische Gemeinde engagiert sich bereits im Beirat.

„Viele haben keinen Bock, aber wenn das Projekt erst mal anläuft, kommen auch andere”, hofft Rainer Schleicher, ein früherer Obdachloser, der sich zuletzt für das Gartenprojekt engagiert hat. Einmal am Tag guckt er nach dem Rechten. Man kenne sich untereinander und passe aufeinander auf. Dass die Anwohner am Kirchplatz vom nächtlichen Lärm genervt waren, kann er aber verstehen.

Dort hat sich die Situation zwischenzeitlich entspannt. „Im Moment ist es angenehm ruhig”, teilt Anwohner Rolf Müller mit - auch bei offenem Fenster. Im Moment sei er vorsichtig optimistisch, auch wenn er schon beobachtet habe, dass sich die Szene auf den Babette-Ihle-Platz oder bei Regen ins Wartehäuschen am Friedrichsplatz verlagert habe.

Spielplatz wird eingeweiht

Im Moment laufen auch noch die Bauarbeiten für den neuen Kinderspielplatz auf dem Kirchplatz. Er soll nach Auskunft der Stadt Bruchsal nächste Woche offiziell eingeweiht werden. Laut städtischer Spielplatzordnung darf er dann nur bis 20 Uhr oder bis Einbruch der Dunkelheit genutzt werden. Dort dürfen weder Alkohol noch Zigaretten konsumiert werden. Diese bauliche und ortspolizeilichen Maßnahme zusammen mit dem Konzept für den neuen Treffpunkt am Bannweideweg soll eine nachhaltige Wirkung entfalten.

„Im Viktoriapark hat es fünf Jahre gedauert, bis ein schöner Garten entstanden ist und Kulturveranstaltungen mit Theater- und Bongoaufführungen stattfanden”, erinnert sich Jochen Sawilla. Für solch ein Projekt brauche es Zeit und einen langen Atem wie überhaupt die Arbeit mit Menschen im Obdachlosenmilieu, dämpft auch Manfred Kern vom Sozialen Dienst der Stadt Bruchsal allzu schnelle Erwartungen.

Der soziale Abstieg geht schnell.
Karin Mönig/ Sozialarbeiterin

Trennung in der Partnerschaft im Zusammenspiel mit Alkohol ist nach Beobachtung von Sozialarbeiterin Mönig der Hauptgrund für den sozialen Abstieg und die Obdachlosigkeit. „Das geht schnell”, so ihre Beobachtung. Umso mühsamer sei der Weg zurück in verlässliche Strukturen, einen Job oder eine eigene Wohnung. So gibt es auch immer wieder Menschen, die drei bis vier Stunden täglich in einem geschützten Rahmen arbeiten. Sie schlafen dann zusammen mit anderen Bewohnern, die nachts dann Party machen wollen, in den Mehrbettzimmern der Notunterkünfte. Das sei schon eine Herausforderung.

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