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Landwirte fürchten um ihre Ackerflächen

Größe des Kraichgauer Landschaftschutzgebiets war umstritten

Sie bilden einen stadtnahen Grüngürtel von Bruchsal: die Streuobstwiesen am Kraichgaurand. Schönheit und ökologische Bedeutung sind unumstritten. Aber wie groß darf ein neues Landschaftsschutzgebiet mit diesen Streuobstwiesen sein? Seit zwei Jahren liegt ein Vorschlag auf dem Tisch. Doch die Fläche von 189 Hektar ist Landwirten und Winzern zu groß. Sie fürchten um die Bewirtschaftung ihrer Flächen im Landschaftsschutzgebiet. Deshalb hat die Stadt Bruchsal nach Kompromissgesprächen ein kleineres Gebiet vorgeschlagen: Nur noch 84 Hektar. Darüber muss der Gemeinderat entscheiden. Festgelegt aber wird die endgültige Abgrenzung von der Naturschutzbehörde im Landratsamt.

Landschaftsschutzgebiet Bruchsaler Kraichgaurand Foto: Heintzen

Wer allein die Fußgängerzone, das Schloss, das Krankenhaus, das Gefängnis oder die Gewerbegebiete mit Bruchsal verbindet, vergisst einen ganz prägenden Teil: Die natürliche Ergänzung der bebauten Stadtlandschaft. Also die abwechslungsreiche, wertvolle und zudem wunderschöne Bruchsaler Gemarkung im Kraichgau. Allerdings ist Schönheit vergänglich, wenn sie nicht gepflegt und geschützt wird.

Damit der verbliebene Streuobstgürtel oberhalb der Kernstadt mit seinen Wiesen, Bäumen, Hecken und Ackerflächen gewürdigt und für mehr Pflege gesichert wird, will die Stadtverwaltung ein „Landschaftsschutzgebiet (LSG) Kraichgaurand“ ausweisen lassen. Der Bruchsaler Gemeinderat könnte das in der Sitzung vom Dienstag auf den Weg bringen. Fachlich zuständig für die Umsetzung ist das Landratsamt.

Lange Vorgeschichte und neue Probleme

Zum Projekt gehört eine längere Vorgeschichte - der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Jürgen Schmitt gab 2018 den Anstoß zur Aufwertung des Gebiets - und eine neuere Diskussion, wie groß denn das Schutzgebiet werden darf. Interessen von Landwirten und Winzern sind aktuell stärker berücksichtigt worden.

Deshalb ist aus dem ursprünglich 189 Hektar großen Gebiet ein Kompromissvorschlag von 84 Hektar herausgeschnitten worden. Geplant gewesen war, fast alles nördlich vom Naturschutzgebiet Rotenberg bis zum Portal des Schnellbahntunnels mit der zweithöchsten Schutzstufe zu versehen.

Landwirte fürchten um Pflanzenschutz für ihre Äcker

Immerhin hat die kleinere Fläche weiter hohe ökologische Bedeutung. Es wurde mehr Quantität als Qualität herausgenommen. Grund dafür sind Bedenken der Landwirte. Sie fürchten, ihre Flächen im Landschaftsschutzgebiet dürften irgendwann nicht mehr mit Pflanzenschutz bestellt werden.

Das gilt in Baden-Württemberg ab 2022 jedoch nur für Naturschutzgebiete. Allerdings sehen Bauern in Plänen der Bundesregierung gegen das Artensterben weitere Einschnitte auf sie zukommen.

Deshalb trafen sich im Februar Landwirte, Verwaltung und Gemeinderäte. Zudem wurde die öffentliche Beratung des Themas im März ausgesetzt. In der Zwischenzeit entstand ein Kompromiss. Der betrifft die reduzierte Fläche (mit immer noch 19 Prozent Ackerland) und eine spätere Ausweitung. Vorerst wolle man nur 84 Hektar Schutzgebiet. (Ein sehr breites und langes Fußballfeld entspricht einem Hektar.)

Fehlende Pflege bedroht das extrem schutzwürdige Gebiet schon lange
Jürgen Schmitt, Streuobstwieseinitiative des Landkreises

Wenn die Bauern sichern sein können, dass integrierter, also schonender, Pflanzenschutz dort möglich ist, will Bruchsal das größeres Schutzgebiet beraten. „Verantwortung für den Erhalt der ökologisch wertvollen Kulturlandschaft übernehmen“ und „Bedenken der heimischen Landwirt ernst nehmen“, heißt nun die zweifache Kompromiss-Devise von Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick vor der Sitzung.

In einem Landschaftschutzgebiet (LSG) gibt es Geld von Baden-Württemberg, um die Natur zu pflegen, also etwa Obstbäume zu schneiden, damit sie nicht zusammenbrechen. In einem LSG müssen Veränderungen genehmigt werden, auch wenn sie sonst baurechtlich frei sind. Für Spaziergänger oder Radfahrer ändert sich kaum etwas.

„Fehlende Pflege bedroht das extrem schutzwürdige Gebiet schon lange“, sagt Jürgen Schmitt, der auch in der Streuobstinitiative des Landkreises mitwirkt. Er betont: „Grundstückseigentümer erhalten im LSG Geld für die Pflege, die im übrigen leicht zu lernen sei.

Was auch den Baumschnitt betrifft. Im Jahr 2005 hieß es, 70 Prozent der alten Streuobstbestände seien in Baden-Württemberg verschwunden. Seit dem wurde der Verlust nicht aufgehalten. Am „Kraichgaurand“, dem Grüngürtel um die Stadt, kann Schönes und Wertvolles nun in den Mittelpunkt gerückt werden.

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