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Große Nachfrage bei öffentlichen Brunnen

Homeschooling und Homeoffice lassen Wasserverbrauch rund um Bruchsal steigen

Es wird immer trockener. Woher sollen Gärtner das Wasser für Obst und Gemüse nehmen? Es gibt nicht viele Optionen, wenn man kein kostbares Trinkwasser nutzen will.

Abgezapft: Für ihre frisch gepflanzten Obstbäume füllen die Gartenbesitzer aus Östringen ein 1.000 Liter Fass an der Neun-Brunnen-Quelle beim städtischen Bauhof auf. Besonders in den Abendstunden stehen Gartenbesitzer Schlange. Foto: Petra Steinmann-Plücker

Die Autos stehen Schlange: Es ist Mittwochabend und über 33 Grad. Mit Fässern im Kofferraum und Tanks auf dem Anhänger warten viele Gartenbesitzer, Kleingärtner und Feierabend-Landwirte in der Nähe des städtischen Bauhofs Östringen. Schlauch und Anschlussstutzen haben sie mitgebracht.

Zu oft wurde der städtische Schlauch bereits geklaut. Den Autokennzeichen nach zu urteilen, kommen die Fahrer nicht nur aus Östringen und dem Umland, sondern auch aus Mühlhausen oder anderen Gemeinden im Heidelberger Raum, erzählen zwei Einheimische. „Vadder” und Sohn wollen mit ihrem 1.000-Liter-Tank frisch gepflanzte Obstbäume wässern. Der nächste füllt zwei Fässer im Kofferraum fürs Gemüse. „Das Angebot ist hervorragend”, findet er und Trinkwasser aus dem Hahn zum Gießen eigentlich viel zu schade.

Das finden viele Gartenbesitzer. Wer nicht Trinkwasser nutzen will oder einen eigenen Brunnen hat, der kann in der Region nur noch an öffentlichen Brunnenhäusern oder Quellen wie am Flehinger Berg in Gochsheim, in Zaisenhausen oder am Ortsausgang von Weingarten Wasser im größeren Stil zapfen.

Das kostbare und vor allem kostenlose Nass verleitet aber auch zum Missbrauch. Die Brunnenstube in Helmsheim, die 2004 auf Initiative der Freien Wähler wieder hergerichtet wurde und eigentlich für die Helmsheimer gedacht war, hat dieses Jahr gar nicht erst aufgemacht. Dort gab es immer wieder Ärger: Deutlich mehr als die maximal 1.000 Liter täglich wurden abgepumpt, für die Zisterne, das Schwimmbad oder zu gewerblichen Zwecken – und zwar zunehmend auch von Leuten aus der Umgebung.

Wasserabholer droht mit Pistole

Spätabends kurvten die Traktoren mit Tank durch die Hofeinfahrten der Anlieger. Der Gipfel: Mit einer Schreckschusspistole bedrohte ein Abholer eine Frau, die das Brunnenhaus aufschließt. Das Verfahren vor dem Amtsgericht Bruchsal wurde im Herbst gegen eine Geldauflage eingestellt.

„Der Bedarf an einem öffentlichen Brunnenhaus besteht weiter”, so Günter Kolb aus Heidelsheim. Bis zu 50 Bäume will der Obst- und Gartenbauverein pflanzen – und wird dafür auf den Wasserhahn zurückgreifen müssen. „Jede Woche verbrauchen wir im Vereinsgarten 1.000 Liter”, so Vorsitzender Kolb. Wasser, das die Mitglieder früher aus Helmsheim bezogen.

Im Ortschaftsrat macht man sich für einen öffentlichen Wasseranschluss stark. Beim Reiterverein Heidelsheim gibt es einen Brunnen, der allerdings nicht zugänglich ist und nur von den Reitern genutzt wird. „Aber ob dort die Wassermenge reicht?”, Ortsvorsteher Uwe Freidinger ist skeptisch. Das müsste die Stadt Bruchsal prüfen.

Es ist noch Luft nach oben.
Armin Baumgärtner / Stadtwerke-Chef

Gartenbesitzern bleibt angesichts der Trockenheit vorerst nur der eigene Wasserhahn. Das merken auch die Stadtwerke Bruchsal. Sie versorgen aktuell die Kernstadt, Obergrombach und Untergrombach mit 8.800 Kubikmeter Grundwasser aus Büchenau. Über das Heidelsheimer Wasserwerk gehen täglich 1.440 Kubikmeter Wasser in die Ortsteile Heidelsheim und Helmsheim.

„Es ist noch Luft nach oben”, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Armin Baumgärtner auf BNN-Anfrage. Ende Juni und Anfang Juli lag die tägliche Wassermenge aus Büchenau sogar bei 10.080 Kubikmeter. „Homeoffice, Homeschooling und Homepooling – wir merken, dass derzeit viele Leute ihre Zeit zuhause verbringen”, so Baumgärtner. Normalerweise werde es im August weniger, da zu dem Zeitpunkt viele Menschen verreisen. „Wir liegen derzeit zehn bis 15 Prozent über den Werten in Vergleichsjahren”, erklärt der Stadtwerke-Chef weiter. Er hofft auf Regen, damit die Grundwasserstände wieder steigen.

Der Grundwasserpegel ist beispielsweise in Kraichtal-Menzingen in den vergangenen Jahren um 1,5 Meter gesunken. Wassermeister Sven Oswald von den Eigenbetrieben der Stadt Kraichtal macht für den steigendem Verbrauch den Trend zu Beregnungsanlagen in Gärten, Gartenpools, aber auch lecke Wasserleitungen verantwortlich. Weil die Stadt Kraichtal 80 Prozent des abgegebenen Wassers aus dem Bodensee bezieht, mache er sich keine aber keine Sorgen.

Grundwasser vor allem für Gemüse und Obst

Sorgloser können auch diejenigen in die Zukunft sehen, die im Garten einen Brunnen gebohrt haben. Die Zahlen steigen: „Täglich gehen bei uns zwei bis drei Anträge zur Entnahme von Grundwasser ein”, sagt Umweltdezernent Jörg Menzel vom Landratsamt Karlsruhe. Idealerweise ist dieses Wasser nach Ansicht des Umweltamtes für die Bewässerung von Obst- und Gemüse gedacht. „Den Rasen zu sprengen, ist nicht zwingend nötig”, so Menzel. Gar nicht gehe, damit den Pool zu befüllen, mahnt er zum sparsamen Umgang mit dem Grundwasser, das für die Versorgung mit Trinkwasser wichtig sei.

Geklärt werden sollte im Vorfeld, ob die jeweilige Kommune einen Anschluss- und Benutzungszwang für eine bestimmte Form der Wasserversorgung vorschreibt, oder ob man sich davon befreien lassen kann. Berechnen sollte man auch, wie das Kosten-/Nutzenverhältnis beim Brunnenbau aussieht oder ob der Einbau eines Gartenzählers sinnvoller ist. 200 Liter Grundwasser pro Quadratmeter Fläche im Jahr erlaubt das Umweltamt.

Niedrigwasser in Flüssen

Mit Pumpen Wasser aus Fließgewässern zu entnehmen, ist mittlerweile strikt untersagt. Allenfalls mit Eimern oder Gießkannen kann Wasser für den Nutzgarten geschöpft werden. „Kraichbach, Saalbach und Pfinz liegen gerade so im Bereich des Niedrigwassers, sind aber noch nicht kritisch”, beschreibt Menzel die derzeitige Situation. Auch im Umweltdezernat hofft man auf Regen, damit die Wasserpegel wieder steigen. Im Landkreis Rastatt wurde bereits ein Verbot ausgesprochen, überhaupt Wasser aus Fließgewässern zu entnehmen. So weit sei man im Landkreis Karlsruhe noch nicht.

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