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Jahrhundertealte Grabstätte

Jüdischer Friedhof in Bruchsal ist nur einmal im Jahr zugänglich

Ein Ort der Stille und der Trauer mitten im Wald. Ein Platz, dessen Geschichte sich bei einem Spaziergang nach und nach enthüllt: Der große jüdische Friedhof auf dem Bruchsaler Eichelberg. Am 5. September kann er besucht werden.

Aus der Zeit um 1900 und danach sind viele jüdische Grabsteine erhalten. Denn viele ältere wurden 1939 geschändet und in Wegen eingebaut. Die verschlungenen Hände verweisen auf ein bestattetes Ehepaar. Foto: Martin Heintzen

Wenn Arno Boden das Gittertor aufschließt, trägt er immer eine Kopfbedeckung. Bei jedem Gang über den jüdischen Friedhof auf dem Bruchsaler Eichelberg wird die Tradition gewahrt, dass alle Männer, auch Kinder, aus Respekt vor den Verstorbenen eine Mütze oder einen Hut tragen. So wie die Juden eine Kippa.

Arno Boden geht nicht nur mit dienstlichem Blick über dieses Gräberfeld mitten im Wald. Der Landschaftsarchitekt und für Friedhöfe zuständige Abteilungsleiter bei der Stadt Bruchsal nimmt die besondere Atmosphäre unter Buchen, Hainbuchen, Linden und Eiben wahr.

„Der Natur überlassen, mit Grabsteinen, die von Bäumen berührt sind, die schräg stehen oder von Efeu überwachsen sind, das ist der besondere Charakter, es gibt auch keine frei gelegten Seitenwege.“

Viele Gräber wurden 1939 zerstört

Auf dem jüdischen Friedhof von Obergrombach verbinden sich Würde und Vergänglichkeit inmitten eines ausgedehnten Walds. Gemäß der Tradition werden diese Grabstätten nie abgeräumt. Umso schlimmer, was auch an dieser Stelle mit vielen von ihnen geschah.

Hans-Peter Nagel (links) und Arne Boden betreuen bei der Stadt Bruchsal den sehr alten jüdischen Friedhof auf dem Eichelberg. Das Kulturdenkmal voller Geschichten und Wunden kann am Sonntag, 5. September, besichtigt werden. Foto: Martin Heintzen

Die beim Eingang stehenden, mit vielen Ornamenten verzierten Grabsteine gehen eher in die Höhe als in die Breite. Sie wirken wie gewachsen und verbunden mit dem dunklen lehmigen Boden. Namen wie Liebmann Haas aus Grötzingen, Nanette Mayer aus Heidelsheim oder Veitel Beissinger aus Bruchsal sind auf den Steinen unter den hebräischen Schriftzeichen zu lesen.

Ihre Gräber stammen aus der Zeit um 1900 oder bis in die 1920er Jahre. „Sie blieben erhalten, als die Nazis 1939 weite Teile des Friedhofs zerstörten. Denn die säulenartigen, damals modernen Steine konnten sie nicht gebrauchen, während die einfachen Grabplatten aus dem ganz alten Teil herausgerissen wurden. Und als Belag in Hohlwege eingebaut wurden“.

Von Moos überwuchert: Grabsteine auf dem ältesten Teil des Friedhofs. Sie wurden erst vor wenige Jahrzehnten wieder auf den jüdischen Friedhof zurückgebracht. Die Nazis hatten sie 1939 geschändet und in den Boden von Hohlwegen eingebaut. Foto: Martin Heintzen

Das berichtet Thomas Adam, Leiter der Abteilung Kultur bei der Stadt Bruchsal. Er wird am Sonntag, 5. September, bei Führungen den Jahrhunderte alten jüdischen Friedhof für Besucher ebenso näherbringen wie Mitglieder des Heimatvereins Untergrombach. Von 13.30 bis 17.30 Uhr zum Tag der jüdischen Kultur. (Siehe Hintergrund.)

Denn es gibt so viel zu entdecken in diesem Kulturdenkmal. Seine Geschichte enthüllt sich bei einem Spaziergang überraschend deutlich. Beispielsweise sind die nach 1995 in den Hohlwegen entdecken alten Grabplatten entweder wieder auf den ursprünglichen Flächen niedergelegt und inzwischen mit Moos bewachsen.

Gemeinschaft von Stein und Baum: Auf dem jüdischen Friedhof von Bruchsal wird die Natur direkt an der Grabstätte nicht zurückgedrängt. „Gottes Lieblinge sterben früh“, steht auf der umwucherten schwarzen Säule. Foto: Thomas Liebscher

Oder sie wurde, wenn noch mehr Schrift darauf erkennbar war, auf Stelen oder Umfassungswänden angebracht. An die 200 Grabsteine wurden so zurückgebracht, die Nationalsozialisten zerstörten rund 1.800 von rund 2.300, die seit 1637 angelegt waren.

Heute sind rund 500 Grabstätten ganz oder in Teilen erhalten. Und alle mit einem Verzeichnis der Inschriften erfasst. „Immer wieder kommen Angehörige, um Gräber zu besuchen“, sagt Thomas Adam und erinnert sich an den Kontakt mit Nachfahren von Leopold Bär: Sie fanden das Grab; die alte Inschrift in einer Einfassung war mit den Zeitläuften verloren gegangen. Durch ein altes Foto konnte rekonstruiert werden, was auf dem Grab stand. Ein Steinmetz hat die Einfassung erneuern können.

Familie Meerapfel aus Untergrombach und der Wunsch nach heimischer Erde

Immer noch gibt es Bestattungen auf dem jüdischen Friedhof Bruchsal. Der US-Bürger Richard Meerapfel wurde in der badischen Heimat seine aus Untergrombach stammenden Vorfahren begraben. Der Stein ist nach altem Vorbild gestaltet. Foto: Thomas Liebscher

Der nah am Kasernen- und Schießgelände der Bundeswehr gelegene Friedhof hat auch in jüngster Zeit Bestattungen erlebt.

Heller Emil Meerapfel, aus Karlsruhe und 2011 in Brüssel gestorben, wurde mit einem schwarzen Grabstein beerdigt. Die Familie Meerapfel stammt aus Untergrombach und hat bis heute tiefe Beziehungen zum Ort.

Für Richard Alan Meerapfel aus den USA wurde 2004 die Ruhestätte in altem Stil gestaltet. Ein hoher verzierter roter Sandstein, auf dem eine Kanne zu sehen ist. Also das Symbol für einen Nachfahren des Stammes Levi.

Die Säule aus der 1938 ausgebrannten Synagoge

Durch Namen und Daten sind Geschichten zu erahnen, der Friedhof selbst blättert sich auf wie ein Buch. Dort die Stelen mit geretteten Steinen, hier der Gedenkort mit neuen Inschriften sowie einer Säule aus der 1938 in Brand gesetzten Bruchsaler Synagoge. Und dazwischen zwei alte Grenzsteine. Ursprünglich lag der Friedhof nur auf Gemarkung Obergrombach.

Juden mussten viel Geld bezahlen für das weit abgelegene Gelände mit schlechtem Ackerboden. Denn erst seit 120 Jahren oder mehr hat sich der Wald in der Ruhestätte ausgebreitet.

Gedenkstätte innerhalb des Friedhofs: Wieder aufgestellte Grabsteine, die von den Nazis zerstört worden waren und eine Säule aus der 1938 in Brand gesetzten Bruchsaler Synagoge. Foto: Thomas Liebscher

Gepflegte Wege und überwachsene Gräber

Dass die Wege immer verkehrssicher sind, dafür sorgt Hans-Peter Nagel mit seinem Team für Grünflächen im Bauhof Bruchsal. „Mindestens drei Mal im Jahr pflegen wir hier, außerdem werden die Wiesenflächen ohne Gräber gemäht oder es kommt Split auf die zu lehmigen Wege“, erklärt Nagel. Auch er trägt bei jedem Einsatz eine Kopfbedeckung. Die Geste des Respekts an einem berührenden Ort. Die Wunden seiner Schändung 1939 können aber nicht vom Efeu oder Moos an den Steinen verdeckt werden.

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