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„Kein Spaziergang“

Kein Wunder ohne Arbeit: Hebammen berichten über ihre Arbeit im Bruchsaler Kreißsaal

Bei einer Geburt verliert die Hebamme Margret Bauer jedes Zeitgefühl. Es gibt nur noch den Kreißsaal, die Frau und das Baby. Der erste Kontakt zwischen Mutter und Kind, der habe etwas Göttliches, sagt sie.

Erleben täglich Wunder: Die Hebammen Margret Bauer und Franziska Rehbein sprechen über ihre Arbeit in der Fürst-Stirum-Klinik, vor deren Eingang die Skulptur Ordensschwester von Jürgen Goertz steht. Foto: Nicole Jannarelli

Als die Welt im März aufhörte, so zu sein, wie wir sie kannten, als Schulen und Kitas schlossen, Menschen sich nicht mehr treffen oder gar umarmen durften und der Himmel einfach nur noch blau war, ohne die Kondensstreifen der Flugzeuge – als eben alles anders war, da gab es einen Ort, der änderte sich nicht. Im Kreißsaal der Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal wurden Kinder geboren, weiterhin, Tag für Tag. „Plötzlich war das das einzige, was im Lockdown noch normal war“, sagt Hebamme Margret Bauer.

Natürlich gelten auch dort, in der Frauenklinik, strenge Hygienevorschriften, es herrscht Maskenpflicht (aber nicht für die Gebärenden) und es gibt Coronatests. Und trotz allem bewahrt sich der Kreißsaal seine Normalität. Ein Wort, das seltsam klingt in Zusammenhang mit einer Geburt, die manche sogar als Wunder beschreiben.

Margret Bauer kümmert sich in Bruchsal um die Kreißsaalleitung, sie sagt: „Im Kreißsaal lässt es sich nicht auf Abstand gehen.“ Die 51-Jährige erinnert sich an eine Geburt, die nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen einer Sprachbarriere eine Herausforderung war. „Die Frau und ich, wir konnten trotzdem eine Verbindung herstellen. Wir hatten tatsächlich besondere Augenblicke.“ Es entstand Nähe auch ohne eine Umarmung oder einen Händedruck.

Die täglichen Wunder passieren in den Bruchsaler Kreißsälen, auch wenn die Welt da draußen immer noch nicht wieder so ist, wie wir sie kannten. Und jetzt an Weihnachten glauben Christen an das ultimative Wunder, an Jesu Geburt. In normalen Jahren füllen sich deshalb die Kirchenbänke wie sonst nie. Und manchen, der sonst mit dem Glauben wenig zu tun hat, erfüllt Heiligabend mit Hoffnung oder auch mit Sehnsucht, im Corona-Jahr vielleicht mit der Sehnsucht nach einem Wunder.

Erste Geburt in ugandischer Malaria-Praxis

Aber: Kein Wunder ohne Arbeit. So heißen Wehen im Englischen: „labour“. Ein passender Begriff, wie Margret Bauer findet. „Zur Geburt gehören Wehen und Schmerzen. Aber es ist ein produktiver Schmerz, der von innen kommt“, sagt sie.

Sie sieht darin einen Prozess des Loslassens. „Das tut in allen Phasen des Lebens weh, auch am Ende.“ Und die Geburt sei außerdem ein Vorgeschmack auf das Leben mit Kindern. „Das ist kein Spaziergang, man erlebt schwere Zeiten, die man genauso durchstehen kann und muss wie eine Wehe.“

Ihre erste Geburt erlebte Franziska Rehbein während ihres Freiwilligendienstes in Uganda in einer Malaria-Praxis, „furchtbar schwitzend in einer Ecke und total aufgeregt“. In der Praxis konnten Frauen im Hinterzimmer auf einer Pritsche gebären. Alles, was notwendig war für die Geburt, mussten sie selbst mitbringen. Und auch Geld, denn der Praxisbesuch war nicht kostenlos.

Dennoch hätten die Frauen dort gute Bedienungen vorgefunden, weiß Rehbein, die später auch Geburten in einem staatlichen Krankenhaus des ostafrikanischen Landes erlebt hat. „Da musste ich schon schlucken“, sagt die heute 24-Jährige.

Viele besondere Momente

Die erste Geburt in der Malaria-Praxis, es war ein Mädchen, hat sie nicht vergessen. „Mich hat beeindruckt, was für ein körperlicher Akt vor sich geht.“ Aber erst später in ihrer Ausbildung habe sie emotionale Geburten erlebt. „Da war ich selbst ganz anders investiert“, sagt sie.

Seit einem Jahr arbeitet sie inzwischen in Bruchsal. Sie hat ihr Examen schon abgelegt, schreibt aber noch an ihrer Bachelorarbeit zum Abschluss ihres dualen Hebammenstudiums. Das Wunder der Geburt ist für sie noch relativ neu. Sie nehme viele besondere Momente mit nach Hause, sagt sie. Besonders beeindruckt zeigt sie sich davon, wie Paare miteinander eine Geburt erleben.

„Es ist so schön, dass auch die Männer voll und ganz bei der Sache sind“, sagt sie. Auch wenn diese Begeisterung sie schon die Kunst der Diplomatie gelehrt hat. Ein Vater, kurz nach der Geburt voller Stolz und Begeisterung, fragte Hebamme Rehbein, ob sie nicht – im Vergleich zu den anderen Neugeborenen, die sie bisher gesehen habe – zugeben müsse, dass sein Baby wirklich das schönste sei. Rehbein umschiffte die Klippen souverän, ihre Antwort: „Es ist in den Top 3.“

„Es ist magisch, jedes Mal wieder unglaublich.“
Franziska Rehbein, Hebamme

Für den Vater war die Geburt also das ultimative Wunder. Aber wie sehen das die Hebammen? „Es ist magisch, jedes Mal wieder unglaublich“, sagt Franziska Rehbein. Margret Bauer pflichtet ihr bei. Der erste Kontakt zwischen Mutter und Kind, der habe etwas Göttliches. „Eine alte Kollegin sagte immer, die Geburt ist ein Sakrament“, ergänzt Bauer, „in der sich die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen zeigt, sozusagen die Schöpfung in reinster Form. Und ich glaube, sie hat Recht.“

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