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Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm

Kinderarmut in Bruchsal: Ein Leben zu fünft auf 60 Quadratmetern

Die Corona-Krise hat die Situation vieler Kinder und Jugendlicher, die mit ihren Familien am Rande des Existenzminimums leben, noch einmal verschärft. Die Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm.

Knapp bei Kasse: Durch Kurzarbeit oder den Verlust von Minijobs in der Corona-Krise hat sich die finanzielle Situation in vielen Familien noch verschärft. Die Wohlfahrtsverbände machen auf die Kinderarmut aufmerksam. Foto: Jens Kalaene picture alliance/dpa

Die Corona-Krise hat das Problem der Kinderarmut verschärft. „Unsere Kinder und Jugendliche leben oft mit vier bis fünf Leuten auf 60 Quadratmetern“, erzählt Rafael Dreher, Bereichsleitung Kinder- und Jugendarbeit beim Caritas-Verband Bruchsal und gleichzeitig Leiter des Kinder-, Jugend- und Familienzentrums Graben-Neudorf (Juze).

Seit die Jugendeinrichtungen wieder geöffnet sind, suchen die Jugendlichen vor allem Ruhe und Abstand in den Gruppenräumen: zum Abschalten, für ungestörte Treffen mit Freund oder Freundin oder einfach nur zum Musikhören.

Fehlender Raum ist das eine, Armut hat aber noch andere Gesichter: Das geht los mit fehlenden Marken-Klamotten, Urlaubsreisen oder Einladungen zum Geburtstag, weil das Geld fehlt und die Wohnung zu klein ist. Unter dem Dach der Liga der freien Wohlfahrtsverbände im Landkreis Karlsruhe wollen unter anderem die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas und die Diakonie bei der Aktionswoche bis zum 25. Oktober auf Kinderarmut aufmerksam machen. Betroffen im Landkreis sind etwa 3.600 Kinder und Jugendliche, deren Eltern im Frühjahr Arbeitslosengeld II erhielten.

Einmal erlebt, hat Armut Auswirkungen auf das ganze Leben.
Sabina Stemann-Fuchs, Caritas-Vorstand

Nach Einschätzung von Ulrike Fettig-Durst, Dienststellenleiterin der Diakonie in Bruchsal, beschämt, begrenzt und bestimmt Armut auch im weiteren Leben. Kinderarmut ist nämlich meist eine Armut der Eltern und wird oft schon vor der Geburt etwa in der Schwangerenberatung sichtbar.

„Einmal erlebt, hat Armut Auswirkungen auf das ganze Leben“, sagt Caritas-Vorstandsvorsitzende Sabina Stemann-Fuchs. Damit nicht ganze Generationen in der Armutsfalle landen, sei es umso wichtiger, zu unterstützen und präventiv zu werden: etwa mit „Frühe Hilfe“ für frisch gebackene Eltern, Patenschaften beim Weg durch die Schule und in die Ausbildung oder Freizeiten für Alleinerziehende.

Mehr los im Kaufhaus Schatzgrube

Durch die Corona-Krise haben aber viele Eltern ihre Minijobs verloren oder erhalten Kurzarbeitergeld. „Wir merken das am erhöhten Aufkommen im Bruchsaler Kaufhaus Schatzgrube oder beim Fair-Teiler für Lebensmittel“, so AWO-Geschäftsführerin Elke Krämer. Mittlerweile treffe man Personen, die vorher nicht da waren. Auch bei der Schuldnerberatung der Caritas in Bruchsal registriert man zunehmend mehr Anfragen. Mit Plakaten wollen die Freien Wohlfahrtsverbände das Armutsproblem sichtbar machen. Mit im Boot sind die Kinder- und Jugendeinrichtungen der Verbände.

In der offenen Jugendarbeit wird deshalb auf den Socialmedia-Kanälen mit Originalstimmen über die Situation betroffener Kinder und Jugendlicher informiert, verweist Rafael Dreher auf erste Ideen. Einblicke in die Lebenswirklichkeit soll es beim Projekt „Schuhkarton“ geben, den Jugendliche mit all dem bestücken können, was ihnen wichtig ist.

Jugendliche bekommen zuhause wenig Unterstützung

Dreher hat in den vergangenen 20 Jahren erlebt, dass die Sozialarbeiter zunehmend erste Ansprechpartner für die Jugendlichen werden, weil sie zuhause wenig Unterstützung oder Präsenz durch die Eltern erfahren. Die kämpfen mit eigenen Problemen, sei es Drogen, Alkohol, schwierige Wohnverhältnisse oder eine hohe Belastung als Alleinerziehende. Auch sexueller Missbrauch oder Misshandlungen sind zunehmend ein Thema, das sich auch hinter der Fassade des gepflegten Einfamilienhauses abspielen kann.

Lernhilfen sollen dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendliche in der Schule nicht den Anschluss verlieren. Im Juze Graben-Neudorf wird auch der PC-Raum rege genutzt: „Viele Jugendliche haben zwar ein Smartphone, aber nur eine Prepaid-Karte, und die ist nicht immer voll.“ Ein Problem, das sich besonders in der Zeit des Online-Unterrichts nachteilig auswirkte. PC, Laptop und ein Drucker im Computer-Raum des Juze sorgen dafür, dass die Jugendlichen in Ruhe für Referate recherchieren können.



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